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"Ich sehe die Welt jetzt ein bisschen anders"
'Ich sehe die Welt jetzt ein bisschen anders'
24.04.2019 - 07:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Steinmauern - Entspannt sitzt Nico Rother am Küchentisch und lässt das vergangene Jahr Revue passieren. Dabei hätte der 24-Jährige durchaus Wichtigeres zu tun, als der Presse Rede und Antwort zu stehen - steckt er doch mitten in der Lernphase für seine Abschlussprüfungen zum Drogisten. Doch seit der erfolgreichen Stammzelltherapie seiner Leukämie-Erkrankung sieht Rother "die Welt ein bisschen anders", wie er sagt.

Von endgültiger Heilung möchte er aber nicht sprechen. Zur Zeit befindet er sich in der Remission, was ein Nachlassen der Krankheitssymptome meint: "Aktuell sieht alles ganz gut aus, in Blut und Knochenmark ist derzeit nichts zu sehen. Die Werte sind in Ordnung und die Abstände der Kontrolltermine im Krankenhaus werden immer größer", führt er aus. Auch wenn er heute anstelle der 30 Medikamente, die nach seiner Krankenhausentlassung vor einem Jahr nötig waren, nur noch vier täglich nehmen muss, sei "die Krankheit nach wie vor sehr präsent."

So sei er in manchen Dingen des Alltags immer noch stark eingeschränkt, Gewohnhe iten habe er umstellen müssen: Fit ist er beispielsweise noch nicht, auch die Konzentration hat nachgelassen, erklärt er. Vor allem das Immunsystem bereitet noch Sorgen. Mit Freunden in die Disko gehen oder Fußball spielen wie früher? Momentan noch undenkbar für den Steinmauerner. Menschenmengen meidet er trotz der erfolgreichen Stammzelltransplantation nach wie vor. "Ich war seither noch nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs", sagt Rother.

"Ich möchte Danke sagen"

Im Mittelpunkt möchte er ungern stehen, das merkt man dem jungen Mann an. Bei der Typisierungsaktion vor eineinhalb Jahren in Steinmauern war er aber genau dort: im Mittelpunkt. Nach dem öffentlichen Aufruf "Nico sucht Helden" ließen sich mehr als 1 200 Menschen als potenzielle Stammzellspender bei der Deutschen Knochenmark-Spenderdatei (DKMS) registieren. "All diesen Menschen möchte ich heute Danke sagen, besonders meinem Freund Dennis Föry, der die Aktion ins Leben gerufen hat."

Dass sein Spender, zu dem er - vorgeschrieben durch die DKMS - erst in etwa einem Jahr Kontakt aufnehmen darf, aus der Region kommt, hält Rother für unwahrscheinlich: Bereits zwei Tage nach der Typisierungsaktion in Steinmauern wurden drei mögliche Spender gefunden. Am 8. Dezember 2017 fand die Stammzelltransplantation im städtischen Klinikum in Karlsruhe statt. Im September erst hatte Rother die Diagnose Akute myeloische Leukämie (AML) erhalten. Im März 2018 folgte dann die Entlassung aus der Klinik.

Der Transplantation vorausgegangen waren etliche Voruntersuchungen und drei Chemo-Therapien, eine davon hochdosiert. Diese sollten dafür sorgen, dass "keine Leukämie mehr erkennbar ist", erklärt Rother. Um neue, gesunde Blutstammzellen zu bekommen, müssen zunächst die alten zerstört werden. Doch dadurch leidet das Immunsystem - was für Rother eine zweimonatige Isolation im Krankenhaus zur Folge hatte. "Wer mich besuchen wollte, musste Mundschutz tragen."

Nach der Stammzelltransplantation habe er mit etlichen Abstoßreaktionen seines Körpers zu kämpfen gehabt: Eine schmerzhafte Entzündung der Schleimhäute (Mukositis), Magenkrämpfe und Erschöpfungserscheinungen waren die Folgen. Nur eine Stunde täglich sei er nicht an einem Gerät angeschlossen gewesen - acht Maschinen waren es insgesamt. Während dieser Zeit habe sich "herauskristallisiert, auf wen man sich wirklich verlassen kann", sagt Rother. Viele Freunde seien zu Besuch gekommen - aber eben nicht alle. Doch seien auch Freundschaften vertieft worden in dieser Zeit, in der sich seine Muskulatur bedingt durch das viele Liegen stark zurückgebildet hat. "Als ich vor einem Jahr entlassen wurde, musste ich während der 15 Treppenstufen zur Haustür zwei Pausen einlegen", beschreibt er seinen körperlichen Zustand nach dem langen Krankenhausaufenthalt. Pflanzen mussten aus der Wohnung verschwinden, der Kontakt zu Tieren war verboten, Staubsaugen ebenso und Lebensmittel durften nicht länger als 24 Stunden geöffnet sein - wegen der Keime, mit denen sein angeschlagenes Immunsystem zu diesem Zeitpunkt noch nicht zurechtgekommen wäre. Katze Sasou, die dem Vater der Freundin gehört und normalerweise auch in der Einliegerwohnung Rothers aus- und eingeht, musste erst einmal draußen bleiben.

Im Nachhinein ärgert ihn die bürokratische Arbeit, die man als Schwerkranker zu erledigen habe, obwohl man gerade ums Überleben kämpft. Die Kommunikation mit Krankenkasse und Rentenversicherung übernahm für ihn seine Mutter. "Ich bin so froh, sie zu haben. Alleine wäre das ganz schwierig geworden", sagt der angehende Drogist, der seinen Beruf wegen der Ansteckungsgefahr während des Kundenkontakts nach der Abschlussprüfung wohl nicht ausüben kann. Vielleicht studiert er noch, vielleicht macht er aber auch etwas anderes - das weiß er heute noch nicht so genau.

Was aber schon feststeht: Sobald es möglich ist, möchte Nico unbedingt seinen Spender kennenlernen. "Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr hier. Außerdem ist es mein genetischer Zwilling - und ich habe gehört, dass die sich auch manchmal ähnlich sehen", sagt er und streichelt die Katze, die wieder mit ihm leben darf.

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