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"Der Name Türkenlouis bedeutet für mich Heimat"
06.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Ulrich Philipp

Rastatt - Als etwa um die Jahrtausendwende der Rastatter Wirt des damaligen "Türkenlouis", Wendelin Scherer, sein Gasthaus in "Zum Markgraf" umbenannte, griff sogar das dritte Fernsehprogramm des Südwestrundfunks diese Nachricht auf. In der Bahnhofstraße, umgeben von zahlreichen türkischstämmigen Mitbürgern, befürchtete Scherer in einem Interview, potenzielle Kunden für seine Fremdenzimmer durch den Kriegsnamen Markgraf Ludwig Wilhelms abzuschrecken, dem siegreichen Feldherrn der Türkenkriege Ende des 17. Jahrhunderts. Das Gasthaus wird heute dennoch nicht mehr weitergeführt, zumindest nicht in Rastatt.

Aber vor zwei Jahren hat der gebürtige Rastatter Günter Bauer im Zwenkauer Hafen bei Leipzig die Badische Wein-, Kunst- und Gourmetstube "Zum Türkenlouis" eröffnet. "Der Name bedeutet für mich Heimat", erklärt der Inhaber der Leipziger Logistik- und Lagerhaus GmbH im BT-Gespräch. Als Jugendlicher hatte er sich unter anderem im sogenannten "Haus" engagiert, der bekannten Wohngemeinschaft in der Ritterstraße, wo Anfang der 1970er Jahre auch das erste autonome Jugendzentrum der Stadt seine Türen öffnete. Neben zahlreichen sozialen und kulturellen Projekten wurde dort auch politisch gearbeitet. So hatten neben den Jusos und der Deutschen Friedensgesellschaft auch die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) dort ein Büro eingerichtet. Gemeinsam mit dem späteren Oberstudienrat Jürgen Hettel und Heinz Schmidt, der Jahre danach den Elektronikfachmarkt Octomedia in Rastatt eröffnete und heute eine feste Größe im Immobiliengeschäft ist, schlug sich Bauer damals auf die Seite der Auszubildenden. "Wir wollten die Rechte der Lehrlinge einfordern", betont Bauer, der im "Haus" seine politischen Wurzeln verortet. Treffpunkt und Stammkneipe einiger Mitglieder dieser 68er Generation war in jenen Tagen der "Türkenlouis", wo die Idee für das Projekt "Haus" mit entstanden ist. Bauer, dessen Vater Kurt übrigens legendärer Turnlehrer und Übungsleiter im Rastatter Turnverein (RTV) war, absolvierte später in Karlsruhe eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und Prokurist. In den 80er Jahren reifte in ihm bereits der Gedanke, sich selbstständig zu machen, als vollkommen überraschend im November 1989 die Mauer fiel und die deutsch-deutsche Teilung Geschichte war. "Ich weiß noch ganz genau, wie ich an einem Tag im Februar 1990 zum ersten Mal nach Leipzig gekommen bin", erzählt Bauer. In jenen Wochen erkennt er seine Chance, Unternehmer zu werden und findet schließlich in einem Stahlwerk den Partner, um eine Spedition zu gründen. In dessen Räumen wird das erste Büro eingerichtet, im Hof parken die ersten Lastwagen. Heute unterhält die Leipziger Logistik- und Lagerhaus GmbH, wie das Unternehmen sich nennt, drei Standorte (Ettlingen, Rodgau und Leipzig), 150 Lkw und beschäftigt 220 Mitarbeiter.

Mit seinem Gastronomieprojekt "Türkenlouis" hat sich Bauer ein Stück Heimat nach Sachsen geholt. Das Restaurant liegt am Hafen des sogenannten Neuseenlandes. Im Inneren gibt es 60 Sitzplätze, im Außenbereich weitere 100. Die Speisekarte lockt mit kulinarischen Köstlichkeiten aus Baden, neben handgeschabten Spätzle, Maultaschen und Schupfnudeln auch mit Flammkuchen. "Der ist besser als im Elsass", zeigt sich Bauer überzeugt. Ergänzt wird dieses Angebot durch zahlreiche badische Weine aus der Ortenau, dem Markgräflerland und dem Kaiserstuhl.

Das kunstvolle Ambiente des Restaurants wird geschaffen durch Gemälde, Grafiken und Skulpturen namhafter Künstler, die die firmeneigene Galerie bereitstellt. Dazu gibt es immer wieder Auftritte von Musikern, wozu auch schon die badische Holiday Blues Band mit dem bekannten Rastatter Gitarristen Attila Schumann, dem Bassisten Peter Schneider sowie Schlagzeuger Ringo Hirth nach Zwenkau reiste.

Neben seinen unternehmerischen Aufgaben ist Bauer nach wie vor politisch aktiv und setzt seine Möglichkeiten vor allem ein, um sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. "Auch in Zwenkau gibt es braune Seilschaften", stellt er fest und initiierte als Reaktion auf die gewalttätigen Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 im Rahmen der von ihm ins Leben gerufenen Veranstaltungsreihe "Omas Küche" einen Auftritt von Dirk Panter im Türkenlouis, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Sächsischen Landtag. Gemeinsam mit Bauer kredenzte Panter Flädlesuppe, Schäufele, Spätzle und Kartäuserklöße. Die mediale Aufmerksamkeit der Veranstaltung im vergangenen Jahr nutzte Bauer, um sich öffentlich gegen rechts zu positionieren. "Wir hatten auch in Zwenkau einige Erfahrungen mit Rechtsextremen", erklärt er gegenüber dem BT und ergänzt: "Wenn das nicht wäre, würde ich mich politisch nicht mehr reinhängen. Aber wenn in unserem Land Menschen anderer Kulturen auf der Straße verfolgt werden, muss man Stellung beziehen und einschreiten." Bauer bleibt damit auch in der Politik einem seiner christlichen Grundsätze treu, wenn er betont: "Ich hab mit Menschen immer so umzugehen versucht, wie ich möchte, dass man mit mir umgeht."

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