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"Bingo spielen alle gerne"
'Bingo spielen alle gerne'
18.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Wenzke

Rastatt - Die Bildtapete an einer Wand zeigt einen Wald, durch den Sonnenstrahlen dringen. Eine beruhigende Szenerie. Daneben stehen Sofa und Hängeschaukel und in der Mitte des Raums ein großer Tisch mit Stühlen. Weiter hinten befindet sich ein Bereich mit Arbeitsplätzen und Spinde mit den Konterfeis der Mitarbeiter. Die dominierende Farbe Grau im gesamten Domizil verströmt eine nüchterne Schlichtheit. Das ist gewollt. "Autisten sind reizüberflutet. Sie brauchen daher wenig Reize, aber klare Strukturen und Ansagen", erläutert Beate Friedrich. Sie ist Teamleiterin im Förder- und Betreuungsbereich und Begleitenden Arbeiten Plus bei den Murgtal-Werkstätten der Lebenshilfe Rastatt/Murgtal.

Vor fünf Jahren wurde die Autismus-Gruppe der Lebenshilfe in Ottenau eröffnet, seit drei Jahren befindet sie sich zusammen mit dem Berufsbildungsbereich (Schulabgänger der Pestalozzischule Rastatt und der Ludwig-Guttmann-Schule Langensteinbach) in einer Außenstelle in Rastatt, wie der pädagogische Leiter der Murgtal-Werkstätten, Michael Balzer, informiert. Allerdings ist das Domizil in einer Produktionshalle nur eine Übergangslösung. Beide Gruppen werden voraussichtlich im Herbst 2020 nach Muggensturm umziehen, dort hat die Lebenshilfe seit vielen Jahren Räume angemietet, in der aktuell psychisch erkrankte und geistig behinderte Menschen in der Metallabteilung arbeiten. Die Metallabteilung wird dann in einen Neubau nach Rastatt umsiedeln, berichtet Martin Bleier, Geschäftsführer der Murgtal-Werkstätten und Wohngemeinschaften gGmbH.

In der Autismus-Gruppe werden Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen gefördert und betreut. Waren sie zuvor in anderen Gruppen integriert, so ist inzwischen eine intensivere Begleitung dieser Menschen möglich, deren besondere Bedürfnisse auch besondere Anforderungen an Betreuung und Umgang stellen. Betreut werden sie von einem fünfköpfigen Team: Gruppenleiter sind Nicole Merkel und Christoph Unser, unterstützt werden sie von einer Ganztagszusatzkraft, einer Auszubildenden und einem FSJler. Die Autisten werden morgens zuhause abgeholt und am Nachmittag wieder zurückgebracht. Dazwischen gibt es eine verlässliche Tagesstruktur - mit gemeinsamen Mahlzeiten und sinnvollen Arbeiten. Beispielsweise werden Blütensamen für eine Bienenwiese in Ein-Kilo-Tüten abgefüllt. Nicht permanent natürlich, sondern mit Pausen zwischendurch.

Förderung steht



stets im Blickpunkt

"Die Arbeiten werden in einem kurzen Zeitraum von zehn bis 20 Minuten ausgeführt, dann brauchen sie wieder Ruhe", sagt Christoph Unser mit Blick auf die Schützlinge. Das bedingt entsprechende Vorlaufzeit; derzeit werden Aufträge für drei Firmen verschiedener Branchen erfüllt. Rund 50 bis 70 Säckchen pro Tag schnüren die Autisten zusammen mit den Mitarbeitern aus dem Berufsbildungsbereich.

An zwei Vormittagen in der Woche geht es außerdem zum Arbeiten auf einen Pferdehof nach Muggesturm, wo meistens ausgemistet wird. Am Anfang war manch einer etwas ängstlich angesichts der großen Tiere, erzählen die Betreuer, doch das habe sich inzwischen gelegt. Auch habe der eine oder andere einem der Tiere schon übers Fell gestreichelt, was für manche Betroffene, die ansonsten lieber Körperkontakt meiden, eine erfreuliche Besonderheit ist. Zusammen in der Gruppe wird in der Industriestraße gefrühstückt und zu Mittag gegessen und zuweilen auch gemeinsam gekocht oder gebacken. Dabei helfen die Mitarbeiter bei der Erstellung der Einkaufsliste mit, denn die Förderung steht bei allen Aktivitäten im Vordergrund. An der Wand hängt der Tages- und Wochenplan, der auch mit Fotos dargestellt ist und kleinere Aufgaben zuweist - wie Tisch abwischen oder Küchendienst. Auch der Tagesplan wird gemeinsam erstellt, die Betreuer geben lediglich die Grundstruktur vor. Aber auch Spiel und Spaß kommen neben Entspannungsangeboten nicht zu kurz. "Bingo spielen alle gerne", erzählt Nicole Merkel.

Hintergrund

Auf dem Tisch fallen besondere Tafeln auf, es handelt sich dabei um die "gestützte Kommunikation",- eine nonverbale Methode, die als Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten besonders für Personen gedacht ist, die nicht fähig sind sich sprachlich zu artikulieren oder aufgrund neuromotorischer Beeinträchtigungen Probleme haben, sich zu äußern.

Auch Autisten haben gute und schlechte Tage - und die Betreuer einen geschulten Blick für die Befindlichkeiten ihrer Schützlinge. Ist jemand schlecht drauf oder will partout nicht mitmachen, gibt es Stressbälle oder Kopfhörer - letztere dämpfen die Außengeräusche und ermöglichen es dem Betroffenen, sich zurückzuziehen und dabei auch recht schnell wieder zur Ruhe kommen. Oder es wird eine andere Aktivität angeboten, die seine Konzentration erfordert, um ihn aus der vorherigen Situation herauszunehmen. Bei Unruhe, aggressivem Verhalten oder scheinbar überbordenden Kräften hat sich auch schon oft ein kleines Training auf dem Laufband bewährt, auf dem sich die Autisten auspowern können.

Die auf Autismus-Spektrum-Störungen spezialisierte Gruppe ist nach Kenntnis der Lebenshilfe die einzige ihrer Art im Landkreis Rastatt. Wer Aufnahme gefunden hat, bleibt in der Regel auch sein Leben lang dort, wenn er das will. Die zehn Plätze sind allesamt belegt und es gibt viele Nachfragen, erläutert Geschäftsführer Bleier. Die Gruppe besteht aus acht Männern und zwei Frauen zwischen 21 und 50 Jahren, einer besucht bereits seit knapp 30 Jahren die Murgtal-Werkstätten. Das Gros wohnt bei Angehörigen zuhause, lediglich drei leben in Wohnheimen der Lebenshilfe in Ottenau und Niederbühl.

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