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Verreisen zwischen zwei Buchdeckeln
Verreisen zwischen zwei Buchdeckeln
12.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Sebastian Linkenheil

Rastatt - "Wenn einer eine Reise tut..." steht als Motto über der neuen Ausstellung mit Vortragsreihe in der Historischen Bibliothek Rastatt. Doch wer sein Auge über die vielen schönen Bücher vom Mittelalter bis in die Jetztzeit schweifen lässt, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass man selbst eigentlich gar nicht auf Reisen gehen müsste um allerhand über die Welt zu erfahren.

Und genau das war auch Sinn der umfangreichen Reiseliteratur früherer Jahrhunderte weiß Dr. Johannes Werner, der zusammen mit Dr. Christoph Kunz die sehenswerte Schau zusammengestellt hat. Noch häufiger als zur Vorbereitung einer Reise, dienten sie wohl als Ersatz, denn wer hatte anno dazumal schon die Mittel, selbst zu reisen. Allenfalls Adelige auf ihrer Bildungstour durch Europa. Die Ausstellung zeigt etliche Bücher zum Thema Bildungsreise, meist von englischen Autoren, deren Landsleute als erste auch als bürgerliche Touristen unterwegs waren, wie Kunz weiß. Manche kamen auch im barocken Rastatt vorbei wie John Moore oder Johann Georg Keyßler, der allerdings wie der vielleicht berühmteste Bildungsreisende Goethe nicht von der britischen Insel stammte.

Doch wir haben vorgegriffen: Denn nicht Bildung ist der früheste Reisezweck, sondern die Gnade Gottes. Frühe Reiseliteratur weist den Weg nach Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela. Gerade Letzteres ist heute wieder in, wie ein moderner Pilgerausweis voller Stempel beweist. Wer nicht ganz so weit wollte oder konnte, hatte in der Nachbarschaft die Wahl zwischen Pilgerzielen wie Maria Bickesheim, Maria Linden und Moosbronn. Dank Markgräfin Sibylla Augusta musste man zum Pilgern nicht einmal mehr Rastatt verlassen, denn sie baute die Pilgerstätten einfach nach wie die Kapelle Maria Einsiedeln oder die Heilige Stiege neben der Schlosskirche.

Nicht nur die gläubigen Schäfchen machten sich auf den Weg, sondern auch die Seelenhirten, um neue Herden zu gewinnen. Weil die Historische Bibliothek einst die Buchbestände der Baden-Badener Jesuiten aufnahm und dieser Orden sehr missionarisch unterwegs war, strotzen die Bestände geradezu vor Missionsliteratur. Dr. Werner hat einige schöne Exemplare für die Ausstellung ausgewählt. Sie brachten vor allem im 16. Jahrhundert Wissenswertes über China, Japan im Osten und die Neue Welt im Westen nach Europa. Erst 100 Jahre später fand die erste Forschungsreise in den Nahen Osten statt, weiß Kunz. Carsten Niebuhr ist zwar weniger bekannt als Alexander von Humboldt oder Georg Forster, der James Cook nach Australien begleitete. Doch sein akribischer Reisebericht aus dem Herrschaftsbereich des Halbmonds sei nicht weniger interessant. Weil er die Keilinschrift in Persepolis so exakt abzeichnete, gelang es Wissenschaftlern 40 Jahre später, diese frühe Zeichensprache zu entziffern. Wie gesagt, man muss nicht selbst reisen.

Manchmal ist das auch gar nicht möglich: Das Reich der Fantasie lässt sich eigentlich nur vom Lesesessel aus erobern. Auch dafür bietet die Historische Bibliothek, die doch eigentlich eine Kirchen- und Schulbücherei ist, Gelegenheit. Allerdings hat ein Rastatter Sammler von Antiquarischem die Bestände an ausgedachter Reiseliteratur großzügig mit Leihgaben aufgestockt: Wunderbar illustrierte Ausgaben von Jules Vernes, Robinson Crusoe, Gullivers Reisen und Baron Münchhausen.

Die Historische Bibliothek setzt erstmals auch Hörstationen und andere interaktive Elemente ein. Neben einer Heiligenlegende mit Bezug zum Pilgerziel Kloster Schwarzach kann man sich auch das Gedicht von Matthias Claudius anhören, aus dem die Zeile stammt "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was (v)erzählen..." Es hat übrigens ein überraschendes Ende.

Die Ausstellung wird am Freitag, 14. Juni, um 19 Uhr eröffnet. Die beiden Kuratoren führen durch den Bibliothekssaal. Ab dann kann sie bis 2. Februar 2019 sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr besichtigt werden. Sie ist eine Parallelausstellung zur Tetralogie "Landpartien Nordschwarzwald" in den Stadtmuseen Rastatt, Baden-Baden, Ettlingen und Durlach (wir berichteten).

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