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Systemsprengerin erfordert intensive Betreuung
Systemsprengerin erfordert intensive Betreuung
14.06.2019 - 00:00 Uhr
Rastatt (mak) - Martin Schloß von der Gesellschaft für systemische Jugendhilfe in Rastatt ist ein erfahrener Pädagoge, seit Jahrzehnten arbeitet er mit problematischen Jugendlichen. Doch auch er kommt bei besonders schwierigen Fällen an seine Grenzen, etwa bei der Systemsprengerin Klara (Name von der Redaktion geändert, siehe weiteren Bericht auf der Seite), bei der alle gängigen Hilfesysteme versagt haben. "In solchen Fällen kann man keine normalen Maßstäbe anlegen", erläutert er im BT-Gespräch seinen Ansatz, dass die "Arbeitsaufträge" nicht von ihm oder vom Jugendamt kommen, sondern von der Betroffenen selbst.

"Wir Pädagogen überlegen uns oft, was die Jugendlichen gerade brauchen, was richtig und gut für sie ist. Wir formulieren Ziele für sie, aber sind es auch deren Ziele?", hinterfragt Schloß kritisch die gängige Vorgehensweise. Mit "bürgerlichen Wertvorstellungen" komme man bei Systemsprengern nicht weiter, sie seien "sozial schwer integrierbar". Klara zeige "eine gewisse Intoleranz gegenüber Anweisungen und eine mangelhafte Fähigkeit, Reglementierungen zu akzeptieren. Ihre hohe Impulsivität, diese Unruhe, das Aggressivität-Lust-Gefühl könnte man auch als einen Art Thrill begreifen, um Angst und Depressionen abzuwehren. Sie kann Stille nicht aushalten, denn sie hat Angst vor dem, was dann in ihr laut wird", erläutert der erfahrene Experte. Vor diesem Hintergrund scheiterte unter anderem ein Integrieren in betreute Wohngruppen.

Auch eine Pflegefamilie sei problematisch, weil viele Systemsprenger zwar Nähe wollen, aber nicht zuviel. Deshalb dürfen die Beziehungsangebote nicht zu eng sein und die Betreuer nicht zu sehr in den gesamten Prozess reingezogen werden - auch, um sich selbst zu schützen.

Betreuer geben



frustriert auf

Im Fall von Klara hat das Jugendamt eine Betreuung von 20 Wochenstunden genehmigt, laut Schloß doppelt so viele wie bei den meisten Betreuungen. Doch von ursprünglich fünf Betreuern ist nur noch die Bezugserzieherin übrig geblieben: Der Betreuer für Freizeitgestaltung hat die Beschimpfungen von Klara nicht ausgehalten und der Betreuer für Drogenberatung hat aufgehört, weil sie keine Bereitschaft zeigte, ihren Drogenkonsum zu beenden. Klara brach die Zusammenarbeit mit der Betreuerin für Konfliktmanagement ab. Das Angebot einer systemischen psychologischen Beratung nahm sie nicht an.

Die Bezugserzieherin ist Ansprechpartnerin für alle praktischen Fragen des Alltags, dazu zählen ein regelmäßiger Schulbesuch, Betreuung bei den Hausaufgaben und auch Begleitung bei Behördengängen. Die Erzieherin hat Erfahrung mit gewalttätigen Jugendlichen: "Ihre Aggressionen sind ein Schrei nach Liebe", zeigt sie Verständnis - und teilt die Auffassung des Jugendamts: Ohne intensive Betreuung wäre die junge Frau im Gefängnis - eine Einschätzung, die auch die Betroffene so sieht. Die gemeinnützige Gesellschaft für systemische Jugendhilfe, deren Geschäftsführer Martin Schloß ist, betreut eine Wohngruppe für Jugendliche in Durmersheim. Die Jugendhilfe habe das Ziel, dass diese jungen Menschen regelmäßig zur Schule oder an ihren Ausbildungsplatz gehen, verdeutlicht Schloß. Ein solches Ziel sei bei Klara nicht erreichbar. "Deshalb besteht hier auch kein Druck, gegen den Klara oder die Fachkräfte ankämpfen müssten", erklärt der Pädagoge. Es gehe zum einen darum, die junge Frau vor dem Gefängnis zu bewahren, zum anderen wolle man ihr die Chance geben, sich neu zu orientieren und Veränderungen in einem geschützten Rahmen anzugehen. "Mir ist wichtig, dass wir mit Klara eine Situation schaffen, in der sie sich möglichst angstfrei entwickeln kann", verdeutlicht Schloß. Ein Gespräch mit der Systemsprengerin soll verstehen helfen, warum sie so ist wie sie ist. Doch das erste Treffen mit dem Badischen Tagblatt ist wenig ergiebig: Klara kommt zu spät, weil sie den Termin vergessen hat. Dann hat sie keine Lust, die Fragen zu beantworten, die sie vorab bekommen hat. Ihre Aussagen sind kurz und knapp. Stattdessen steht der Hunger im Vordergrund, sie hat noch nicht gefrühstückt. Sie ist schlecht gelaunt und möchte gehen.

Hintergrund

Beim zweiten Termin ist Klara zwar besser drauf, doch die Antworten sind erneut wenig aussagekräftig. Es ist für sie eine Leistung, dass sie seit über einem Jahr die gleiche Schule besucht. Die Lehrer in Karlsruhe seien "voll korrekt und gechillt", urteilt Klara. Dies sei eine gute Erfahrung, ebenso wie die "sehr gute" Zusammenarbeit mit ihrer Bezugserzieherin.

Anfang April wurde Klara vom Amtsgericht zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, nachdem sie einen Polizisten angegriffen hatte. Ihr Freund sitzt wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft. Über schlechte Erfahrungen möchte Klara nicht sprechen. Lieber darüber, dass sie Tiere mag und drei Hunde besitzt. Freunde habe sie nicht so viele, so etwas sei selten. Sie habe nur eine richtige Freundin und mit ihr und deren Partner lebe sie in einer Wohngemeinschaft.

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