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Kampf gegen das "Mimosen-Image"
Kampf gegen das 'Mimosen-Image'
15.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Anja Groß

Rastatt - "Stell' Dich nicht so an" oder "Sei nicht so empfindlich" - das sind Sätze, die Cornelia Gali und Joachim Kiefer-Neuberth in ihrem Leben schon so oft zu hören bekommen haben, dass sie sie nicht mehr hören können. Die beiden sind hochsensibel, wie sie mittlerweile herausgefunden haben. Mittlerweile - denn die Thematik wird erst seit einigen Jahren durch Medienberichte bekannter. Gali beschreibt es als "Wahrnehmungsstärke": Die klassischen Sinne sind bei Hochsensiblen viel ausgeprägter."

"Wir sind empathischer, nehmen Stimmungen stärker wahr", erklärt sie und beschreibt es mit einem Vergleich, den sie einmal gelesen hat: "Das ist wie ein Haus, in dem die Tür 24 Stunden lang ganz weit offen steht und alle reinkommen können." Die Kehrseite ist nämlich eine Reizüberflutung - oft verbunden mit Ermüdungserscheinungen. "Irgendwann wird es mit dem Besuch dann einfach zu viel", zieht Gali einen Vergleich. "Man leidet sehr stark mit, wenn es anderen schlecht geht", beschreibt sie. "Alkohol und Drogen wirken oft viel intensiver, genau wie Medikamente", ergänzt Kiefer-Neuberth.

Der Begriff Hochsensibilität existiere erst seit 1999, berichtet sie. "Aber das ist keine Modeerscheinung, das ist schon lange bekannt", ergänzt Gali. Durch ihre besonderen Gaben seien Hochsensible früher oft als Späher oder als Berater von Königen eingesetzt worden, die die Feinfühligkeit und schnelle Auffassungsgabe in komplexen Å ituationen für ihre Zwecke genutzt hätten.

In der Literatur wird immer wieder auch eine Nähe von Hochsensibilität und Hochbegabung beschrieben. Als Ursache für Hochsensibilität wird vermutet, dass die rechte statt wie üblich die linke Gehirnhälfte die dominante ist. Die rechte Gehirnhälfte steuert Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Alle Sinneseindrücke werden rechts bearbeitet.

"Seit ich zwölf bin, weiß ich, dass ich anders bin", erzählt Gali. Sie habe sich in großen Gruppen unwohl gefühlt, immer schon ein starkes Empfinden für die Stimmungslage anderer gehabt. Das beschreibt auch Kiefer-Neuberth: "Ich war immer schüchtern und nachdenklich, nicht so der Draufgängertyp wie andere Jungs, und hatte oft das Gefühl, von einem anderen Planeten zu kommen." Schnell gelange man damit in eine Außenseiterrolle. "Das war ein sehr anstrengendes Leben", sagt er. Gali wiederum erzählt von "mäanderndem Denken": "Meine Aufsätze waren immer viel zu ausführlich, ich konnte die Dinge nicht auf den Punkt bringen." In der Schule habe sie sich oft nicht getraut, sich zu melden, obwohl sie die Antwort gewusst hätte - "ich dachte immer, so einfach kann die Lösung doch nicht sein."

"Viele haben auch im Beruf Schwierigkeiten", weiß Gali aus der Selbsthilfegruppe, die im November 2018 gegründet wurde und in Rastatt derzeit zehn bis zwölf Mitglieder hat, die sich alle zwei Wochen treffen. Hochsensible seien daher auch anfällig für Depressionen oder psychische Probleme. "Denn viele verlieren als Kind das Selbstbewusstsein, sich auf ihre Empfindungen verlassen zu können: Man spürt zum Beispiel, dass es den Eltern schlecht geht, aber sie verleugnen das, um die Sorgen von den Kindern fernzuhalten. Das erzeugt Doppelbilder, die ein Kind nicht einordnen kann", erzählt Kiefer-Neuberth. Auch ein starkes Gerechtigkeitsempfinden sei bei vielen kennzeichnend.

Daher ist der Selbsthilfegruppe die Aufklärung ein großes Anliegen. Sie wünschen sich, dass Ärzte, Eltern, Lehrer besser informiert sind und eventuell die besondere Begabung, als die sie Hochsensibilität sehen, einordnen und anders damit umgehen können. "Ich konnte mich nach der Schule nie direkt hinsetzen und Hausaufgaben machen, ich war so kaputt, dass ich mich erstmal ausruhen musste", erinnert sich Kiefer-Neuberth, "die Akkus wieder aufladen." Pauschale Ratschläge wie "Kinder sollten immer direkt nach dem Mittagessen Hausaufgaben erledigen" sind da kontraproduktiv. "Es ist ein facher, damit umzugehen, wenn man weiß, was dahintersteckt", sagt Gali. Die 50-Jährige weiß etwa seit Langem, dass sie ein besonders gutes Gehör hat - aber erst seit etwa einem Jahr von ihrer Hochsensibilität. "Es wäre vieles einfacher gewesen, wenn ich früher gewusst hätte, was los ist", meint sie. "Denn viele merken, dass sie anders sind, wissen das aber nicht einzuordnen."

"Man muss Wege finden, damit umzugehen", hat sie für sich gelernt: Ruheinseln schaffen ohne Radio oder Fernsehen, ausreichend schlafen. Kiefer-Neuberth hilft Sport und Meditation.

Da es sich nicht um ein Krankheitsbild handelt, gibt es aber weder eine Diagnostik noch Beratung, wie man mit Hochsensibilität umgeht. Genau da wollen auch die Selbsthilfegruppen ansetzen. Der Zulauf ist enorm, berichtet Gali. Daher gebe es auch eine Gruppe in Baden-Baden, in Bühl stehe eine kurz vor der Gründung. Weitere Interessierte, die sich angesprochen fühlen, erhalten Infos über die Kontaktstelle für Selbsthilfe, Waltraud Ruh, (0 72 22) 3 81-23 75.

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