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Arbeit bedeutet Perspektive
Arbeit bedeutet Perspektive
29.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Daniel Melcher

Rastatt - Die Wanderausstellung "Was würde ich tun?", die die Geschichten, Schicksale und Wege geflüchteter Menschen aufzeigt, ist nach zehn Stationen in öffentlichen Einrichtungen der Region erstmals in einem Unternehmen angekommen. Der Rastatter Entwässerungsspezialist Hauraton hat sie sich ins Haus geholt. Die Firma beschäftigt nicht nur immer wieder Flüchtlinge als Hilfskräfte oder gibt ihnen die Möglichkeit eines Praktikums. Seit 2017 absolviert dort der aus Syrien geflohene Mouhnnad Ismail Agha eine Ausbildung zum Industriekaufmann.





"Der Krieg hat alles in meinem Leben geändert", sagt der 29-Jährige, dessen Geschichte selbst Teil der Ausstellung ist, heute. Der Bruder kam in Syrien als Soldat ums Leben, er selbst wurde von einer Bombe schwer verletzt, der Vater trug ihm auf zu fliehen, denn er wolle nicht noch einen Sohn verlieren, skizzierte Ute Kretschmer-Risché bei der Ausstellungseröffnung den Weg des Syrers bis in den Landkreis Rastatt. Mouhnnad macht sich allein auf die gefährliche Reise, seiner Frau will er ein Flugticket schicken, sobald er im sicheren Europa ist. Als einzige Möglichkeit sieht er die, ins Boot eines Schleppers zu steigen. Dieses kentert im Mittelmeer, wie viele sterben, weiß er nicht, er schafft es, im kalten Wasser bis an die griechische Küste zu schwimmen. In Ungarn wird er von Polizisten und Hunden gejagt, er landet im Gefängnis, wird wieder frei gelassen, kommt über Österreich nach Deutschland. Doch die Familienzusammenführung ist nicht so einfach wie gedacht. Dann wagt sich seine Frau Laila auf die Route - nur, dass sie nicht schwimmen kann. Erneut Angst, der Kontakt bricht ab, doch am Ende sehen sich beide im Badischen wieder.

"Was würde ich in der Situation tun?", nahm Hauraton-Geschäftsführer Marcus Reuter die Frage der Ausstellung auf. "Eigentlich ist das offensichtlich." Genauso offensichtlich ist für ihn, dass das Thema auch in ein Industrieunternehmen gehört. Es sei "Teil unseres Lebens und auch unsere Aufgabe als Unternehmer geworden". Mehr noch: Reuter sieht die Mitarbeit von geflüchteten Menschen als Bereicherung. Dauerhafte Perspektiven wünscht er für Unternehmer wie für Geflüchtete. Dass jemand aus einem Arbeitsverhältnis herausgeholt und abgeschoben wird, sagte er in Richtung Politik, sei ein "Horror", sowohl menschlich als auch "für uns als Arbeitgeber".

Mouhnnad hatte in Syrien Bankkaufmann gelernt und Betriebswirtschaft studiert. Um neue Job-Möglichkeiten kennenzulernen, absolvierte er bei Hauraton zunächst ein Praktikum, durchlief innerhalb mehrerer Monate alle Abteilungen. Seit zwei Jahren ist er offiziell Azubi. Dass er es schafft, Industriekaufmann zu werden, daran hat die Firma keinen Zweifel. Doch nicht nur er lerne Neues. Alle Mitarbeiter bekämen Einblicke in einen anderen Kulturkreis, und wann immer sich Mouhnnad über deutsche Gewohnheiten wundere, biete das eine lohnende Gelegenheit, die eigene Welt mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Überrascht habe den Syrer - unter dem Eindruck, dass in Deutschland alles sehr streng und recht bürokratisch zugeht -, dass es so etwas wie Gleitzeit bei der Arbeit gibt. Auch die Möglichkeit, ein Unternehmen während eines Praktikums zu erforschen, war neu für ihn. "So etwas gibt es in Syrien nicht", sagt der 29-Jährige. Überrascht habe ihn auch, dass er bei einem Praktikum oder jetzt in der Ausbildung nicht nur neben einer Person sitzt und zuschaut, was diese arbeitet, sondern seine eigenen Aufgaben hat - Angebote einholen und auswerten zum Beispiel, Frachten koordinieren, Lkws ordern. "Auch einen eigenen Laptop habe ich erhalten."

Arbeit bedeutet Perspektive, aber auch privates Glück winkt. Kommende Woche soll der Sohn von Mouhnnad und Laila auf die Welt kommen.

Wenn die Ausbildung beendet ist, hofft er letztlich auf einen Job bei Hauraton. Dafür arbeite er hart. Sein Deutsch will er noch verbessern, gleichzeitig würde er sich freuen, seine Muttersprache fürs Unternehmen einsetzen zu können: Am liebsten würde er Entwässerungssysteme in arabische Länder verkaufen.

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