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"Heute bin ich stolz auf mich"
06.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Anja Groß

Au am Rhein/Muggensturm - "Es war ein Sonntag", stellt Martin Bauer nüchtern fest, wenn er über den 6. Juli 1969 spricht. Ein Sonntag, an dem sich vor 50 Jahren das Leben des damals Zwölfjährigen und seiner drei Geschwister dramatisch veränderte. Denn in jener Nacht kamen die Eltern, Josef und Erna Bauer aus Au am Rhein, bei einem schrecklichen Unfall ums Leben: Am Bahnübergang der Straße Muggensturm-Bietigheim waren die Schranken nicht heruntergelassen, als gegen 0.15 Uhr der sogenannte Italien-Express das Auto der Eheleute mitriss.

"Trümmer aus Blech- und Stoffteilen blieben übrig" titelte das Badische Tagblatt am Montag, 7. Juli. "Der Personenwagen wurde von der Elektrolok des Fernschnellzuges voll erfasst und über 850 Meter weit, fast bis nach Ötigheim, auf den Gleisen mitgeschleift", war weiter zu lesen. Der Italien-Express war von Karlsruhe kommend mit etwa 130 Stundenkilometern unterwegs, als er den querenden Wagen des 39-Jährigen Kraftfahrers und seiner 37-jährigen Ehefrau erfasste, hieß es später. "Unter schwierigsten Verhältnissen mussten die verstümmelten Leichen aus dem völlig zermalmten Personenwagen geborgen werden", war in dem Bericht weiter zu erfahren. Bei den ersten Ermittlungen wurde festgestellt, dass die Schranken am Bahnübergang zum Unfallzeitpunkt offen standen.

Zwei Männer klopfen nachts

"Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich am Sonntagmorgen schnell in Au am Rhein (...). Das verunglückte Ehepaar hinterlässt vier unmündige Kinder im Alter von sieben bis 13 Jahren", endet der BT-Bericht.

Martin Bauer (62) erinnert sich noch genau, wie in jener Nacht zwei Männer am Haus der Familie in der Rheinstraße 36 klopften und Einlass begehrten. Seine damals 13-jährige Schwester und er waren davon wach geworden, trauten sich aber wegen der Ermahnung der Eltern, niemand ins Haus zu lassen, zunächst nicht, die Tür zu öffnen. Doch schließlich schafften die Männer es, die Schwester zu überreden, mit zu einer Tante zu fahren, wo man ihr eröffnete, was geschehen war.

Martin Bauer realisierte das zunächst nicht so ganz, erinnert er sich im BT-Gespräch - und beschreibt die "irgendwie unwirkliche Situation" auch in seiner jetzt zum Jahrestag erschienenen Autobiografie "Der Eierbaum". Am nächsten Morgen sei das Haus voller Leute gewesen, erzählt Bauer weiter. Zu Trauer und Zukunftsängsten gesellte sich bei dem Zwölfjährigen aber schnell auch ein Gefühl, das so gar nicht in diese Situation zu passen scheint: "Man war plötzlich der Mittelpunkt, erfuhr Wertschätzung, Sorge und Trost", erzählt er. Für den Jungen, der mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) belastet war, was man damals noch gar nicht als Krankheitsbild kannte, hatte es nämlich vorher oft Schläge gegeben. Vor Zorn klaute er dann oft Eier aus dem heimischen Hühnerstall und schmiss sie wütend gegen den Baum im Garten, erinnert er sich - daher der Titel des Buches.

Der Gedanke "sie kommen nicht mehr wieder" bereitete dem Zwölfjährigen deshalb vor allem Erleichterung, was wiederum Schuldgefühle auslöste. Die vier Kinder wurden von einer kinderlosen Tante in Muggensturm aufgenommen. "Statt uns zu umsorgen und zu trösten, ging es dort weiter mit den Schlägen", erzählt Bauer. Nach drei Jahren seien sie vom Onkel rausgeschmissen worden, weil die älteste Schwester einen Freund hatte.

Umzug zu völlig unbekannter Familie

Die Lebensumstände der vom Schicksal gebeutelten Kinder blieben also schwierig. Schließlich übernahm Dekan Willi Kunzmann, damals Pfarrer in Muggensturm, die Vormundschaft für die Vier, die dann in unterschiedliche Familien verteilt wurden. Dem mittlerweile 15-jährigen Martin Bauer jedoch drohte ein Heimplatz. Ein Freund von der KJG bot ihm schließlich an: "Wenn Du möchtest, kannst Du zu uns kommen." Bauer ergriff diese Gelegenheit, obwohl er die Familie überhaupt nicht kannte - und es war ein Glücksgriff. "Ein sehr behütetes Umfeld mit drei Stiefgeschwistern", erinnert er sich an die Zeit bei Paula und Heini Hornung. "Endlich durfte ich mal machen, was mir Spaß machte, Fußball spielen, oder Trompete und Schlagzeug im Musikverein." Hornungs und Kunzmann hat er aus Dankbarkeit auch sein Buch gewidmet. Doch ein Dreivierteljahr später erlitt die Stiefmutter einen Hirnschlag und war fortan ein Pflegefall - wieder begann eine schwierige Zeit, die Bauer dennoch als glücklich in Erinnerung hat.

Martin Bauer, der heute in Rastatt lebt, lernte Betriebsschlosser im Mercedes-Werk Gaggenau, wo er bis zum Beginn der Altersteilzeit im Oktober 2018 beschäftigt war, zuletzt als Meister. Doch wieder verlief sein Lebensweg nicht gerade. Mit einem Freund gründete er eine Konzertagentur, holte unter anderem Roland Kaiser und Otto Waalkes nach Muggensturm. 1996 eröffnete er dort die Musikkneipe "Amadeus", die er vier Jahre lang mit Herzblut betrieb. Doch er zerstritt sich mit dem Freund des lieben Geldes wegen und schloss die Kneipe.

So handelt das Buch in einzelnen Kapiteln von Höhen und Tiefen, die Martin Bauer erlebt hat, von Problemen mit Beziehungen, der immerwährenden Angst, plötzlich wieder verlassen zu werden, Psychotherapien, Schuldgefühlen, Depressionen. Eineinhalb Jahre lang hat er intensiv daran geschrieben und damit für sich selbst auch noch mal manche Dinge geklärt, wie er erzählt. "Heute bin ich stolz auf mich, das geschafft zu haben", sagt er ohne Groll - "ich bin ein glücklicher und zufriedener Mensch."

Mit seinem Buch will er vor allem anderen Mut machen, die es auch schwer haben oder hatten im Leben. Daher rührt unter anderem auch sein ehrenamtliches Engagement, bei der Feier an Heiligabend des Hospizdiensts Rastatt zu helfen. Den Erlös des Buches will Bauer für soziale Zwecke spenden, damit anderen geholfen werden kann, denen es schlecht geht. Für ihn habe sich glücklicherweise alles zum Guten gewendet. Sogar eine Partnerin hat er seit kurzem - und blickt an diesem schrecklichen Jahrestag deshalb voller Zuversicht in die Zukunft.

Martin Bauer: "Der Eierbaum", Lauinger Verlag, ISBN 978-3-7650-9140-7, auch als E-Book erhältlich.

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