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Ein Blitzgewitter nach dem andern
08.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Daniel Melcher

Iffezheim - Menschen drängen sich unter Tribünen und Dächer, andere suchen Schutz in ihren Autos, während der Regen prasselt und Blitze den Himmel rund um Iffezheim durchzucken: Vorzeitiges Ende eines Abends, der eine große Rock'n'Roll-Party auf der Rennbahn hätte werden sollen. Aufgrund eines Unwetters und der damit einhergehenden Gefahrenwarnung hatten sich die Veranstalter nach Rücksprache mit Polizei, Rettungs- und Hilfskräften dazu entschlossen, das mutmaßlich letzte Konzert der legendären Rockband Kiss in Deutschland abzubrechen.



Dabei hatte alles so angefangen, wie man sich das als Fan wünscht, nachdem man die langen Schlangen am Eingang hinter sich gelassen und im Vorprogramm dem Performance-Künstler David Garibaldi dabei zugesehen hat, wie er zu Hardrock-Klängen Rockstars auf Leinwand bannt - zuletzt Kiss (samt Iffezheim-Schriftzug), ein Porträt, das im Internet für einen guten Zweck zur Versteigerung stand.

"Alright Iffezheim", tönt es dann gegen 21 Uhr aus den Boxen, die legendäre Ansage der "Hottest Band in the World" ertönt, der große Vorhang fällt - und Kiss betreten nicht die Bühne, sie schweben wie Comic-Helden auf Plattformen herab, begleitet von einem ersten Pyro-Gewitter. "Detroit Rock City", und schon sind die Hände oben. Mehr als 13 000 sind gekommen, um nochmals ihre Helden zu feiern, die Identifikation mit der Band ist groß. Mindestens jeder Zweite hat ein Kiss-T-Shirt übergestreift, einige haben sich das ikonische Make-up ins Gesicht geschminkt, bei nicht wenigen geht die Liebe auch unter die Haut - Holger aus Duisburg zum Beispiel hat ein Kiss-Motiv über den kompletten Rücken tätowiert.

Viele sind von weit her gekommen. Aus Berlin, Brüssel, dem benachbarten Frankreich, auch Polen. Eine zwölfköpfige Fangruppe hat sich für die Abschiedstournee aus dem Raum Köln extra nach Mittelbaden auf den Weg gemacht, darunter Wolfgang (53), der sich auf sein zwanzigstes Kiss-Konzert freut. Auch Sacha (50) aus Göttingen ist seit seinem zehnten Lebensjahr Kiss-Fan. Bei allen Deutschlandkonzerten der Abschiedstournee war er dabei und gerade zwei Tage zuvor auch in Zürich.

Die Stimmung ist fantastisch. Der Sound kommt druckvoll, die Band - Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer und Eric Singer - ist gut drauf, die Effekte zünden: Laser, Sprühregen, Feuersäulen, elf achteckige, unter dem Bühnendach montierte Plattformen, auf denen Grafiken fließen - und hinter der Band eine große Leinwand, in der Live-Bilder, Kiss-Aufnahmen aus den 70ern, teils in Schwarz-Weiß, und Szenen aus dem Iffezheimer Publikum zu sehen sind, das sich selbst beim Feiern zuschauen kann. Stanley dirigiert die Masse, Simmons spuckt Feuer, der Musiker-Schweiß fließt. Und weiter geht's im Best-of-Programm aus 46 Jahren Bandgeschichte - bis zu "Calling Dr. Love". Plötzlich setzt Regen ein - wo kommt der denn her? -, die Blicke gehen nach oben. Schwarz und bedrohlich schiebt sich eine Front Richtung Rennbahn. Dann sagt Paul Stanley: "We have to stop the Show." Nach acht Songs und 45 Minuten ist Schluss - längst nicht mal die Hälfte des geplanten Sets ist bis dahin durch.

Dem Bühnengewitter folgt ein echtes. Per Durchsage teilen die Veranstalter mit, dass das Konzertareal vor der Bühne geräumt wird, die Besucher werden gebeten - "zur eigenen Sicherheit" -, in ihre Autos zu steigen und darin Schutz zu suchen. Wer noch freie Plätze habe, möge andere mit aufnehmen. Die übrigen können unter den Tribünendächern in Deckung gehen. Grund: Die Gefährdungslage sei akut, Starkregen und Blitze drohen. Viele schauen sich ungläubig um, manche murren, doch leisten diszipliniert Folge. Noch wird die Hoffnung unter den Dächern nicht aufgegeben, Fans stimmen Kiss-Hymnen an. "I wanna Rock'n'Roll all nite", schallt es von der Tribüne, "Shout it, shout it, shout it out loud" vom Vorplatz, während der Regen stärker wird und eine Böe eine Absperrung umwirft.

Es wird geprüft, wie es weitergeht, heißt es. Bis gegen 22.30 Uhr die schlechte endgültige Nachricht kommt: "Das Konzert wird definitiv nicht fortgesetzt." Vor der anhaltenden Blitzgefahr wird gewarnt. "Höhere Gewalt", zuckt Marco aus der Südpfalz mit den Schultern. Er hatte seine Tickets für das Open-Air gewonnen. "Andere trifft es schlimmer", sagt er. Eine Frankfurterin zählt auf: Über 100 Euro fürs Ticket, 15 (!) für einen Parkplatz, nochmals 100 für Anreise und Übernachtung, das Wochenende freigehalten. Trotzdem: Sie hat auch Mitleid mit den "Jungs", die sich ihren letzten Auftritt in Deutschland sicher anders vorgestellt hatten. "So geht man nicht in Rente", ruft indes ein anderer Richtung Bühne.

Das Wetter klart jedoch zu spät auf, um das Konzert noch fortsetzen zu können, lautet das Fazit der Verantwortlichen. Bis 23.30 Uhr habe die offizielle Blitzwarnung gegolten - und bis eine runtergefahrene Technik und aufgespannte Bühne wieder klargemacht und die Besucher wieder auf dem Gelände gewesen wären - das hätte sehr lange gedauert, wie es heißt. Wer mit Bus und Bahn angereist ist, wäre dann zudem im Renndorf "gestrandet", stellt die Polizei fest.

Ob es Geld zurückgibt - oder gar ein Wiederholungskonzert? -, das steht derzeit noch ungeklärt im Raum. "Wir bitten um Verständnis, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage zum Ticketing gemacht werden kann", teilt Veranstalter Vaddi-Concerts am Morgen danach mit.

"Die sehr gute Zusammenarbeit aller Beteiligten" - neben dem Veranstalter die Feuerwehr, die Polizei, das DRK, die Security und die Gemeinde Iffezheim - habe "für eine geordnete und zügige Evakuierung des Konzertgeländes" gesorgt, heißt es im Resümee von Vaddi. Polizei und Rot-Kreuz-Bereitschaftsleitung bestätigen dies auf Nachfrage des BT. Niemand sei verletzt worden, die Entscheidung "richtig und notwendig" gewesen.

Kurz nach 23 Uhr beginnt der Abbau. Und während die Arbeiter Richtung Bühne ziehen, singt draußen noch jemand "I was made for loving you".

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