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Warum eine "Atempause" für Lehrkräfte so wichtig ist
Warum eine 'Atempause' für Lehrkräfte so wichtig ist
12.08.2019 - 00:00 Uhr
Iffezheim - Carsten Bangert ist seit 2011 Rektor der Maria-Gress-Realschule in Iffezheim und in Sachen Gesundheitsförderung und Selbstmanagement ein gefragter Experte. Seit über 15 Jahren befasst er sich mit den Themen, hält Vorträge, leitet Lehrerfortbildungen und Workshops an Schulen. Jetzt ist der 43-Jährige erneut unter die Buchautoren gegangen. "Vertreib die Affen mit den Kieselsteinen" lautet der Titel seines zweiten Werks, das am 21. August im Beltz-Verlag Weinheim erscheint. Das Buch gibt Impulse für die Gesundheit und Zufriedenheit von Lehrerinnen und Lehrern. Mit Carsten Bangert sprach BT-Redakteurin Sabine Wenzke.


BT: Was hat Sie dazu bewogen, sich intensiv mit Gesundheitsförderung und Selbstmanagement zu befassen?

Carsten Bangert: Während meines Lehramtsstudiums ist mir in einem Schulpraktikum aufgefallen, dass viele Lehrer und Lehrerinnen langzeitkrank und psychosomatisch belastet waren. Diesem Zustand wollte ich vorbeugen. Mir war es wichtig, herauszufinden, was ich selbst tun kann, um unserem erfüllenden Beruf lange gesund und zufrieden nachgehen zu können, zunächst als Lehrer, später als schulische Führungskraft.

BT: Wie wird man Experte dafür?

Bangert: Das ist eine gute Frage. Zum ersten Mal wurde ich "Experte" genannt, als ich 2017 für das Portal "Schulverwaltung" ein Online-Seminar produzierte. Möglicherweise, weil ich mich sehr intensiv aus schulpädagogischer und psychologischer Sicht in die Thematik eingearbeitet hatte und das theoretische Wissen immer wieder mit meinen eigenen Erfahrungen aus der Schulpraxis in Beziehung setze.

Einer der Berufe mit der höchsten Burnoutquote

BT: Wie stellt sich die Situation der Lehrer heute da? Sind sie mehr gefordert als früher? Und wie sieht es mit dem Krankenstand aus?

Bangert: Ich denke, der Lehrerberuf war stets herausfordernd. Allerdings erfährt die wertvolle Arbeit der Pädagogen in Deutschland leider nicht mehr die gesellschaftliche Anerkennung wie noch vor 50 oder 60 Jahren. Häufig wird die Lehrerschaft für sämtliche gesellschaftlichen Missstände verantwortlich gemacht beziehungsweise zu deren Behebung in die Pflicht genommen. Die Anforderungen an "gute" Lehrer und Lehrerinnen haben sich gewandelt. Neben dem Vermitteln von Fachwissen (Bildungsauftrag) ist es wichtig, sowohl das Selbstwirksamkeitsgefühl unserer Schüler zu stärken als auch gemeinsam mit den Eltern an der Erziehung der Lernenden mitzuwirken (Erziehungsauftrag). Ich sehe uns als Beziehungsgestalter. Erfolgreicher Unterricht gelingt nur mit tragfähigen Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülern, die geprägt sind von Zutrauen, Wertschätzung und gegenseitigem Respekt. Diese lernförderliche Beziehungsgestaltung gelingt aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht immer. Das ist ein Grund dafür, dass der Beziehungsberuf des Lehrers neben denen von Sozialarbeitern, Ärzten, Pflegepersonal und Polizisten der Beruf mit der höchsten Burnoutquote ist. Laut der Potsdamer Lehrerstudie gelten nur etwa 17 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer als gesund. Das ist für mich ein besorgniserregender Zustand, den es zu verändern gilt.

BT: Wir bedienen jetzt mal ein Klischee. Lehrer haben in der Regel zwölf Wochen Ferien, davon können viele Arbeitnehmer in anderen Branchen nur träumen. Reicht diese Zeit nicht zur Regeneration aus?

Bangert: Etwa 30 Prozent der Lehrer und Lehrerinnen leiden unter Burnout, Erschöpfung oder Depression. Weitere 30 Prozent sind stark gefährdet, in einen ähnlichen Zustand zu gelangen, da sie sich anhaltend überfordern und es ihnen nicht gelingt, kraftspendende Erholungsphasen in ihren Alltag zu integrieren. Ein Großteil unserer Lehrerschaft ist viel fleißiger und engagierter als ihr Ruf! Gerade was die erstgenannte Gruppe angeht, reichen definitiv die Wochenenden und zum Teil auch die längeren Ferienblöcke nicht mehr aus, um sich nachhaltig von der intensiven Unterrichtszeit zu erholen. Diese Kollegen benötigen im Grunde professionelle Unterstützung, nehmen diese allerdings viel zu selten in Anspruch. Die Arbeitsbedingungen spielen natürlich auch eine wesentliche Rolle.

BT: Was können Lehrkräfte tun, um ihre Situation zu verbessern?

Bangert: Der gewerkschaftliche und bildungspolitische Einsatz für bessere und gesündere Arbeitsbedingungen an unseren Schulen ist unerlässlich. Wenn wir in der Schule gesund und zufrieden arbeiten möchten, müssen wir darüber hinaus auf uns selbst achten, unser Denken und Handeln regelmäßig reflektieren und persönliche Widerstandsressourcen aufbauen.

Interview

BT: Warum ist Achtsamkeit heutzutage so wichtig?

Bangert: Seinen eigenen Körper wahrzunehmen, Warnsignale zu spüren und diese richtig zu deuten, gelingt in unserer schnelllebigen und von Leistung geprägten Zeit häufig nicht in hinreichender Weise. Wir sind immer online, jederzeit erreichbar und bei vielen alltäglichen Entscheidungen gegeißelt vom Terror der tausend Möglichkeiten. Häufig können wir nicht mehr unterscheiden zwischen den Dingen, die uns persönlich wirklich wichtig sind und jenen Dingen, die anderen wichtig sind. Wir haben verlernt, die eigenen Bedürfnisse zu spüren. Hier können Achtsamkeits-, Entspannungs- oder Nachdenkübungen helfen, unsere Gedanken zu sortieren und wieder zur Ruhe zu kommen.

BT: Wie sieht aktive Gesundheitsförderung aus und wie setzen Sie diese an Ihrer Schule um?

Bangert: Die Voraussetzung für aktive Gesundheitsförderung ist die Überzeugung, dass wir an unserer Situation selbst etwas verändern können. In welchen Bereichen wir nun Handlungsbedarf haben, ist individuell äußerst unterschiedlich. Die von mir entwickelten "10 Bausteine aktiven Selbstmanagements" bieten einen Überblick über Handlungsoptionen. Sie reichen unter anderem von der Stärkung der Beziehungskompetenz über einen reflektierten Umgang mit dem eigenen Perfektionismus, bis hin zu einem klugen Zeitmanagement und der Integration von Ruhephasen in den Schulalltag. Schulorganisatorisch lässt sich die Arbeitszufriedenheit der Lehrkräfte durch eine gute innere Verwaltung, hohe Professionalität und gegenseitige Anerkennung fördern. Darüber hinaus haben sich die Etablierung fester Teamstrukturen an Schulen mit klaren Absprachen, gegenseitiger Unterstützung und einer durchdachten Arbeitsverteilung als besonders gesundheitsförderlich (und übrigens auch unterrichtswirksam) erwiesen. Wir sind dabei, diese Teamstrukturen in Iffezheim aufzubauen. Aber dieser Prozess gelingt nicht von heute auf morgen. Er braucht Zeit, regelmäßiges Feedback aus dem Kollegium und begleitende Fortbildungen.

BT: Sie haben in Zusammenarbeit mit Casa Medica, einem Naturheilzentrum im Neckar-Odenwald-Kreis, ein zweitägiges ganzheitliches Seminar unter dem Motto "Atempause für Lehrerinnen und Lehrer" entwickelt. Welche Inhalte vermittelt dieses?

Bangert: Neben Angeboten zur Entspannung, Bewegung und gesunden Ernährung soll in Casa Medica der Raum sein für eine Auseinandersetzung mit der persönlichen Lebenssituation. Meine Aufgabe wird es sein, darzustellen, wie persönliche Denkmuster und unbewusste Überzeugungen unsere Zufriedenheit und damit Gesundheit beeinflussen. Die Teilnehmer lernen Strategien kennen, mit denen ihnen das Aufbrechen alter Verhaltens- und Denkmuster gelingen kann, um effizienter und gesundheitsförderlicher zu arbeiten.

BT: Bereits im Jahr 2002 erschien Ihr erstes Buch im Tenea Verlag in Berlin mit dem Titel "Wenn Lehrer nicht mehr leben wollen - Depressionen verstehen, vorbeugen, überwinden". Was hat sie damals veranlasst, unter die Buchautoren zu gehen?

Bangert: Mein erstes Buch war letztlich der Grund dafür, mich mit dem Thema "Gesundheitsförderung" tiefergehend zu befassen. Ich überarbeitete damals meine Zulassungsarbeit für das Lehramt an Realschulen und schrieb sie zu einem Buch um. In der Folge entwickelte ich das Modell der "10 Bausteine aktiven Selbstmanagements für Lehrerinnen und Lehrer", das ich 2005 in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin vorstellte, dort im Tagungsbericht veröffentlichte und später in einer Seminarreihe mit dem Institut für Weiterbildung der PH Heidelberg ("Teachers in Balance") umsetzte. Die Examensarbeit war letztlich der Start meiner Beschäftigung mit dem Themenspektrum.

BT: Ihr zweites Werk erscheint nun und trägt den Titel: "Vertreib die Affen mit den Kieselsteinen". Was wollen sie uns damit sagen?

Bangert: In diesem Buch geht es um die Frage: "Was ist wirklich wichtig?". Menschen, denen es gelingt, eine Antwort auf diese Frage zu finden, leben meist zufriedener und erfüllter. Ich möchte meinen Lesern helfen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Damit gewährleistet ist, dass sich die Leser auch noch später an die Kernbotschaften meines Buchs erinnern, arbeite ich mit den vier Metaphern: Kieselsteinen, Affen, der Gerte und dem General. Die Kieselsteine stehen für die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben. Die Beschäftigung mit den "Affen", die uns tagtäglich in unserem Arbeits- oder Schulalltag begegnen, ist ähnlich wirkungsvoll. Aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Zufriedene Lehrer sind seltener krank

BT: Planen Sie weitere Bücher oder Projekte zum Thema Gesundheitsförderung?

Bangert: Aktuell arbeite ich an einem Buch, das sich sowohl mit der Wirksamkeit von Unterricht als auch der Arbeitszufriedenheit von Lehrkräften auseinandersetzt. Im weitesten Sinne geht es also wieder um Gesundheitsförderung, denn zufriedene Lehrkräfte sind seltener krank und weniger angespannt. Dies wirkt sich positiv auf den Unterricht aus.

BT: Wie sieht Ihre persönliche "Atempause" aus?

Bangert: Ich verbringe gerne Zeit in der Natur (beim Wandern, Joggen oder Segeln) - am liebsten mit meiner Familie, guten Freunden und meinem Hund. Und ich schöpfe Kraft, indem ich mich von Zeit zu Zeit alleine an einen inspirierenden Ort zurückziehe, um zu schreiben.

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