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Große Teile der Iffezheimer Bevölkerung evakuiert
28.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Markus Koch

Iffezheim - "Wir hatten überhaupt keine Angst, dass die Franzosen zu uns rüberkommen, wir waren alle siegessicher", blickt der 89-jährige Edgar Leuchtner auf die Evakuierung Iffezheims am 10. und 11. September 1939 zurück. Wie Hunderte weitere Einwohner war er für einige Wochen im Schwäbischen untergebracht, weil die Zivilbevölkerung vor einem möglichen französischen Angriff geschützt werden sollte. Gemeinsam mit Franz Lorenz erinnert er sich im BT-Gespräch an die Ereignisse vor 80 Jahren.

Edgar Leuchtners Vater August war Besitzer und Gastwirt des Gasthauses "Sonne": "Als die Mobilmachung verkündet wurde, herrschte im Gasthaus trübe Stimmung. Ein paar Tage später kam dann Militär ins Dorf", berichtet er. An der Rennbahn seien zwei Flugabwehrgeschütze aufgestellt worden, die ab und zu losfeuerten, wenn ein feindlicher Flieger in die Nähe gekommen sei. Bereits am 3. September wurden rund 60 kranke Iffezheimer nach Baden-Baden oder in württembergische Krankenhäuser gebracht, wie der Ortschronik von Kurt Hochstuhl zu entnehmen ist. Am 4. September wurden etwa 500 Frauen und Kinder mit dem Lastwagen nach Rastatt transportiert, von dort ging es mit dem Zug nach Reutlingen.

Die noch in Iffezheim verbliebenen Frauen und Kinder wurden am 10. und 11. September evakuiert, darunter Rosa Leuchtner mit ihren Söhnen Edgar und Arnold: "Eine größere Menschenmenge hat sich zum Sammelplatz am Bahnhof in Iffezheim begeben. Von dort fuhren wir nach Rastatt. Alle waren ruhig, es herrschte keine Hektik", beschreibt Leuchtner die Atmosphäre.

Gemeinsam am Tisch mit Gastgeberfamilie

Von Rastatt aus ging es im Zug nach Weilheim an der Teck: "Wir kamen abends am Bahnhof an, dort wurden gleich alle Quartiere zugeteilt. Wir gingen in ein Gasthaus, wo man im ersten Stock einen großen Saal mit Stroh ausgelegt hatte", erinnert sich Leuchtner, der damals neun Jahre alt war. Doch außer ihnen sei sonst niemand da gewesen, was seiner Mutter nicht gefallen habe. "Sie ging daraufhin weg und kam nach einer Weile wieder mit einem Handwerker zurück, der eine Blechnerei im Ort hatte." Dort wurden alle in einem Zimmer untergebracht.

Beim Essen saßen sie gemeinsam mit der Familie am Tisch, die Mutter habe im Haushalt mitgeholfen. "Keiner hat zu uns Westwallzigeuner gesagt", betont Leuchtner. Nach ungefähr zwei bis drei Monaten seien sie nach Weinheim an der Bergstraße zu einer Tante gegangen, wo sie eine kleine Mansardenwohnung bezogen. "Dort blieben wir, bis Frankreich im Juni 1940 besetzt war. Dann kehrten wir wieder nach Iffezheim zurück." Sein Vater sei bei der Wehrmacht gewesen, ein Nachbar habe während der Abwesenheit der Familie die Kuh versorgt.

Der Iffezheimer Franz Lorenz war bei der Evakuierung zwar erst sechs Jahre alt, doch auch er kann sich noch gut an einige Begebenheiten erinnern. "Ich wurde mit meiner Mutter Stefanie Lorenz und meinen Brüdern Erwin und Edgar im Auto nach Mössingen gefahren", blickt er zurück. "Familien mit vielen Kindern waren damals privilegiert", erläutert Lorenz, warum sie einen eigenen Chauffeur hatten. Sein Vater Anton, der eine Landwirtschaft betrieb, sei zur Wehrmacht eingezogen worden. Der älteste Bruder Bruno (13) musste daheim die beiden Kühe, fünf Kälber und mehrere Schweine versorgen.

Das Essen in ihrer Unterkunft auf der Schwäbischen Alb sei schlecht gewesen. Im November ging es dann weiter nach Erisried im Unterallgäu. "Wir waren auf dem großen Bauernhof der Familie Müller untergebracht, die hatten damals schon 100 Milchkühe im Stall", erinnert sich Lorenz. Zum Essen gab es oft Kartoffeln und Backsteinkäse, jeder hatte an seinem Platz unter der Tischplatte einen Lederriemen für den Löffel, der nach dem Essen nur abgeschleckt und zurückgesteckt wurde. "Großartig gekocht wurde bei den Bauersleuten nicht, die Bauersfrau hat meine Mutter nach ihren Rezepten ausgefragt", berichtet Lorenz.

Als "Westwallzigeuner" beschimpft

Man habe sie als "Westwallzigeuner" bezeichnet und seine Mutter habe dies "ganz schön aufgeregt". Nachdem sie ihren Unmut zum Ausdruck gebracht hatte, sei der Begriff nicht mehr gefallen, erinnert sich der 86-jährige Iffezheimer. "Wir sind mit dem Bauernsohn mitgelaufen, wenn er die Kühe auf die Weide getrieben hat.

In der Nachbarschaft war eine Schreinerei, der Schreiner und seine Frau hatten keine Kinder und wir wurden dort mit Süßigkeiten verwöhnt", blickt Lorenz zurück. Das Miteinander mit der Bauernfamilie im Allgäu sei gut gewesen, die Tochter habe Jahre später eine Kur in Baden-Baden gemacht und sei zu einem Besuch vorbeigekommen. "Das Weihnachtsfest haben wir wieder in Iffezheim gefeiert", erinnert sich Lorenz.

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