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Von Alltagsdenunziationen und Familiengeheimnissen
18.10.2019 - 07:47 Uhr
Muggensturm - Es war eine jahrelange Sisyphusarbeit in Archiven und Gesprächen mit Zeitzeugen, während der Historiker Dr. Christian Jung aus Weingarten tief in die Historie der Gemeinde Muggensturm eingetaucht ist. "Vor einigen Monaten habe ich sogar geträumt, ich lebe in Muggensturm, als die Franzosen einmarschiert sind", erzählt er im Gespräch mit BT-Redakteurin Anja Groß. Herausgekommen ist ein historisches Lesebuch mit vielen Bildern, das auf der Chronik von Ernst Schneider aus dem Jahr 1985 aufbaut (wir berichteten). Dabei ist Jung im Auftrag der Gemeinde besonders in die Zeit des Nationalsozialismus und der französischen Besatzung eingetaucht, während der in Muggensturm viele marokkanische Reitersoldaten stationiert waren.

Interview

BT: Herr Jung, Sie haben die Muggensturmer Ortschronik von Ernst Schneider überarbeitet und daraus ein historisches Lesebuch gemacht. Wie kam es dazu?

Dr. Christian Jung: Die Gemeinde Muggensturm ist vor einigen Jahren auf den Verlag Regionalkultur zugekommen und wollte eine Analyse, ob man die Chronik von 1985 überarbeiten sollte. Ich habe ein Gutachten erarbeitet, in dem festgestellt wurde, dass die Ausführungen zum Mittelalter ausführlich sind, aber die Zeit ab 1920 immer mehr stichwortartig beleuchtet wurde. Meine Aussage lautete: Wenn man das neu auflegen will, sollte ein Schwerpunkt der Recherche auf die Zeit zwischen 1930 und 1960 gelegt werden.

BT: Und damit waren Sie als Autor auserkoren?

Jung: Ich bin promovierter Historiker mit einem Schwerpunkt auf deutsche und europäische Geschichte ab 1871 und war vor meiner Wahl in den Bundestag 2017 als Studiendirektor in der Schulleitung eines Gymnasiums, Autor und Journalist tätig. Daher kam nach dem Gutachten die Frage auf, ob ich die Ortschronik überarbeiten könnte, da ich gerade ein Buch über die Nachkriegszeit im Neckar-Odenwald-Kreis veröffentlicht hatte. Nach meiner Erfahrung macht es in so einem Fall Sinn, jemand zu beauftragen, der von außen kommt und insofern völlig frei und unvoreingenommen an die Sache herangeht.

BT: Es gab also keinerlei Einflussnahme auf Ihre Arbeit?

Jung: Nein, das lasse ich mir bei solchen Arbeiten immer vertraglich garantieren. Wenn man wissen will, wie die Aktenlage war und was passiert ist, dann ist wichtig, dass keinerlei Zensur ausgeübt wird. Andernfalls hätte ich die Arbeit auch sofort beendet.

BT: Was ist nun neu an der Ortschronik?

Jung: Der bisherige Text wurde überarbeitet und gekürzt. Etwa die Hälfte ist neu an dem Buch. Außerdem haben wir zahlreiche Fotografien und Abbildungen von Dokumenten aus Archiven eingefügt. Deshalb heißt es auch historisches Lesebuch. Die meiste Arbeit war übrigens, die Bildunterschriften anzufertigen. Denn als verlässliche Quelle für die Nachwelt ist es natürlich wichtig, dass man das richtig recherchiert, zumal in der alten Ortschronik viele Fotografien und Abbildungen nicht beschriftet waren und die Quellenverweise fehlten.

BT: Haben Sie bei Ihrer Arbeit "Schätze" entdeckt?

Jung: Bisher gab es beispielsweise vom Bahnhof oder vom Rathaus keine Bilder mit NS-Beflaggung. Ich habe diese Fotos zufällig bei einer Familie in einem vergilbten Album gefunden, die sie mir auch zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Historisch betrachtet sind das schon "Schätze". Auch habe ich in Akten Einsicht nehmen können, die 70 Jahre lang gesperrt waren. Mir persönlich ist es sehr nahe gegangen, über Alltagsdenunziationen zu lesen. Da mussten Menschen teilweise monatelang ins Gefängnis, weil sie alkoholisiert in Muggensturmer Wirtshäusern geäußert hatten, Hitler könne den Krieg nicht gewinnen. Zudem sind alle Gemeinderatsprotokolle von 1928 bis 1955 komplett vorhanden, das ist selten. Dadurch haben wir beispielsweise herausgefunden, dass die Hauptstraße Adolf-Hitler-Straße hieß, und einige Straßen erst sehr spät umbenannt wurden.

BT: Sie haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Jung: Wir sind von Anfang an mit dem Projekt in die Öffentlichkeit gegangen - und daraufhin haben sich viele Menschen gemeldet, die etwas erzählen wollten oder Material zu Hause hatten. Von diesen erhält man dann oft diskrete Hinweise, wo man sich noch hinwenden könnte. Ich bin fast drei Jahre lang in Muggensturm unterwegs gewesen und habe viele Gespräche geführt. Wenn ältere Menschen nach acht Stunden plötzlich alte Fotos rauskramen, dann dauert es gerne weitere vier Stunden, bis alles gesichtet ist. Ich habe immer einen Scanner dabei und kann relevantes Material vor Ort einscannen. Es war hochinteressant, als Außenstehender komplett einzutauchen in so einen Ort. Ich habe virtuell so viele Monate in Muggensturm verbracht.

Infos aus 70 Jahre gesperrten Akten

BT: Welche neuen Erkenntnisse haben Ihre Recherchen zutage gefördert?

Jung: Durch die Gespräche wurde beispielsweise deutlich, dass es in Muggensturm einige Persönlichkeiten gab, die schon vor der Machtergreifung 1933, also wirklich aus Überzeugung, NSDAP-Mitglieder geworden waren. In einem Fall hat eine ältere Dame nach mehreren Stunden Gespräch zum ersten Mal in ihrem Leben gesagt: "Ja, der Opa war schon vor 1933 Parteimitglied." Das wusste bis zu diesem Termin auch ihre Tochter nicht, die ebenfalls dabei war. Sie hat mir als Beleg dann auch das Parteibuch ausgehändigt, das noch vorhanden und in einem Nachttisch versteckt war. Die Zeitzeugen wussten immer, wenn sie mir etwas geben, wird das auch veröffentlicht. Mir wurden auch Dinge anvertraut, die sehr persönlich sind, und die ich nicht in aller Ausführlichkeit behandelt habe. So kam es nach der Befreiung durch französische Besatzungstruppen 1945 auch zu Vergewaltigungen in Muggensturm, über die die Frauen nicht sprachen.

BT: Es gibt in Muggensturm immer noch uneheliche Kinder der marokkanischen Einheit, die zur Zeit der französischen Besatzung dort stationiert war, die ihre Väter nicht kennen. Haben Sie auch darüber etwas erfahren?

Jung: Ja, das war natürlich in den "betroffenen" Familien, besonders von überzeugten Nationalsozialisten, ein schwieriges Kapitel - zum einen uneheliche Kinder, zum anderen von eher dunkelhäutigen Moslems. Anfangs war das in den Augen der Leute, die diese ganze rassische Ideologie der Nationalsozialisten aufgesogen hatten, eine absolute Schande, dass sich ihre Töchter in der Regel freiwillig mit den Soldaten eingelassen hatten. In Muggensturm war anfangs noch eine "Engelmacherin" tätig, die Schwangerschaftsabbrüche vornahm. D ie geborenen Kinder wurden alle katholisch getauft - und infolgedessen ging es ihnen beispielsweise in der Schule viel besser als den evangelischen Kindern im Ort. Denn die Kluft zwischen Katholiken und Protestanten war damals noch sehr tief.

BT: Die Grundlagenarbeit hat deutlich länger gedauert als ursprünglich gedacht. Woran lag das?

Jung: Es war von vornherein ausgemacht, dass ich mir Zeit nehmen darf, wenn ein Thema noch intensiver ausrecherchiert werden muss. Und ich habe in den Archiven noch sehr viel Neues entdeckt. Das musste ausgewertet werden. Denn die Arbeit soll ja in 40 bis 80 Jahren noch eine verlässliche Quelle sein. Dann hatten sich bei der Gemeinde zusätzlich noch sehr viele Zeitzeugen gemeldet. Und schließlich kam mir 2017 die Wahl zum FDP-Bundestagsabgeordneten im Wahlkreis Karlsruhe-Land dazwischen, die mein Leben ziemlich umgekrempelt hat. Ironie der Geschichte ist, dass mein Wahlkreis genau die Grenze zwischen Malsch und Muggensturm zum Landkreis Rastatt hat. Dort verlief auch die Grenze zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone.

NS-Amtsträger später keineswegs geächtet

BT: Waren die Muggensturmer offen für Ihre Recherchen oder sind das immer noch Kapitel der Vergangenheit, über die lieber geschwiegen wird?

Jung: Dieses Buch ist nur möglich, weil viele Protagonisten aus der NS-Zeit nicht mehr leben, die eine systematische Aufarbeitung jahrzehntelang zu verhindern wussten. In der Gegenwart braucht man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Für viele Familien, die "belastete Vorfahren" haben, war es reinigend, dass sie zum Teil zum ersten Mal erfahren haben, was damals Sache war. Manche Menschen haben teilweise bis zu ihrem Tod diese Ideologie im Herzen getragen. Aber wir sehen ja gerade heute wieder, dass Antisemitismus und völkisch-nationalistisches Gedankengut in vielen Menschen schlummert oder nach ein oder zwei Generationen wieder hervortreten kann. Wenn Archivunterlagen über 70 Jahre alt sind, gibt es da auch keine Restriktionen. So sind ziemlich viele bisher unveröffentlichte Dokumente und Biografien zutage gekommen.

BT: Es wird ja immer behauptet, dass "alte Seilschaften" weiterhin Bestand hatten.

Jung: Es war jedenfalls keineswegs so, dass die Amtsträger der Nationalsozialisten später geächtet wurden. Man sieht das am Beispiel des früheren Muggensturmer Bürgermeisters Karl Bender ganz gut. Der zog nach dem Krieg nach Freiburg zu seiner Tochter, war aber relativ oft im Ort zu Besuch. Man ging dann mit alten Weggefährten in den Gottesdienst und ins Wirtshaus, aber er bekam als Belasteter keine Bürgermeisterpension, wie ich aus Entnazifizierungsakten weiß. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter beispielsweise war bis 1950 noch Grundschullehrer.

BT: Wie sind bisher die Reaktionen auf das historische Lesebuch?

Jung: Sehr positiv. Ich bekomme mittlerweile jede Woche zwei bis drei E-Mails oder Briefe, in denen sich zumeist Unbekannte bei mir für das Buch bedanken. Ein Bekannter aus der Politik sprach mich direkt an, dass er das Buch nun schon zwei Mal gelesen habe, da drei seiner Großeltern aus Muggensturm stammten und nun wieder viele Kindheitserinnerungen aus dem Gedächtnis hervorkommen würden. Gefreut hat mich auch eine Buchbesprechung im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Was ich natürlich nicht mitbekomme, ist, ob und wie Bürger dadurch tatsächlich über diese Zeit ins Gespräch kommen. Das didaktische Ziel des Buches ist jedenfalls, dass die Menschen sich mit der Geschichte beschäftigen. Denn man kann daran sehr gut sehen, was passieren kann, wenn ein demokratischer Rechtsstaat auf der Dorf-Mikroebene abrutscht.

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