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Sauberer "Streuobstrasen" nicht erwünscht
Sauberer 'Streuobstrasen' nicht erwünscht
19.10.2019 - 00:00 Uhr

Von Markus Koch

Iffezheim - "Wir kommen viel umher, aber das hier ist wirklich ein Vorzeigeprojekt, wir fahren sehr gern von Enzklösterle nach Iffezheim", lobt Martin Schiller vom Natursaft-Mobil das Engagement der Initiative Naturschutz Iffezheim (INI). Die verantwortlichen Akteure um Organisator Johannes Godbarsen wollen aber nicht nur Gelegenheit bieten, Saft zu pressen, sondern auch für eine ökologische Pflege von Streuobstwiesen werben. Godbarsen stellt das Streuobstkonzept der Gemeinde bei einer Infoveranstaltung des Landschaftserhaltungsverbands für Bürgermeister und Rathausmitarbeiter am 24. Oktober im Loffenauer Rathaus vor.

Dreimal rollte das Natursaft-Mobil dieses Jahr an, beim ersten Termin kamen rund vier Tonnen Äpfel in die Presse, beim zweiten fünf und diese Woche noch einmal etwa vier Tonnen. Rund 200 Kinder hatten ihr Obst angeliefert: Von den Kindergärten Sankt Martin und Storchennest, vom Pädagogium Baden-Baden, der Astrid-Lindgren-Schule und der Maria-Gress-Schule. Letztere hatte 650 Kilogramm angemeldet. Godbarsen koordiniert die Presstermine, fragt bei den Anlieferern die zu erwartende Menge ab und vergibt dann Anliefertermine, um Wartezeiten zu vermeiden. "Das ist vom Ablauf wirklich toll und es kommen immer wieder neue hinzu", freut sich Schiller.

Hintergrund

"Wir haben Mitte der 1980er Jahre damit angefangen, abgängige Obstbäume auf gemeindeeigenen Grundstücken zu ersetzen", blickt Vorstandsmitglied Herbert König zurück. Die INI pflanzte jedoch nicht nur selbst, sondern verschenkte auch Obstbäume an alle Interessierten. Auf diese Weise wurden seither etwa 500 Obstbäume auf Iffezheimer Gemarkung neu gesetzt. Die Gemeinde hat etwa 350 Obstbäume in ihrem Eigentum, davon sind 178 verpachtet. Die INI pflegt 36 Bäume mit den dazugehörigen Wiesen, neue Pächter werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda und durch Aktivitäten rund ums Saftmobil gewonnen. "Leider hören aber auch viele altersbedingt auf", bedauert Godbarsen.

Um die ökologische Wertigkeit von Streuobstwiesen zu erhalten, sollten diese nur zweimal im Jahr gemäht und das Mähgut abgeräumt werden: "Wenn möglich, mit Balkenmäher mähen, um die Tiere der Bodenvegetation zu schützen, AS-Mäher oder Rasenmäher sind schlecht, weil dann das Mähgut liegen bleibt und dadurch die Magerwiese zur Fettwiese wird beziehungsweise überdüngt ist mit Stickstoff", erläutert Godbarsen. Für die meisten Bewirtschafter von Wiesen stehe der Zeitaufwand im Mittelpunkt. "Wenn ich aber nur zweimal mähe und nicht vier- bis fünfmal, dann spare ich deutlich mehr Zeit ein", plädiert der Naturschützer für ein Umdenken: "Auf den Streuobstwiesen gab es früher wahre Blütenteppiche. Heute könnte man eher von einem Streuobstrasen sprechen", meint Godbarsen.

Auch der Landkreis Rastatt möchte die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen attraktiver machen und Mehreinnahmen durch die Zertifizierung von Öko-Apfelsaft erreichen. Die INI bewertet das Vorhaben "grundsätzlich positiv". Allerdings werde die Arbeit auf das Ehrenamt verlagert, der Landkreis selbst investiere nicht in zusätzliches Personal. "Es geht in erster Linie nur um den Obstverkauf und darum, einen höheren Preis zu erzielen. Die eigentliche Funktion der Streuobstwiese wird nicht oder nur am Rande berücksichtigt", kritisiert Godbarsen.

Er gibt zu bedenken, dass die Streuobstwiesenbesitzer bedingt durch die Erbteilung sehr heterogen seien. Die Federführung, nicht nur in der Planungsphase, müsste beim Landratsamt verbleiben, etwa beim Landschaftserhaltungsverband. Beim Bioprojekt in der Ortenau gebe es eine größere Anzahl von Streuobstwiesenbauern. "In Iffezheim sind es alles Privatleute, die entweder ihre Äpfel zu einem Verwerter bringen und dann Saft holen oder sie lassen den Saft für den Eigenbedarf pressen", verdeutlicht Godbarsen.

Mehr Marketing für heimischen Apfelsaft

Um heimischen Apfelsaft besser zu vermarkten, macht er eine Rechnung auf: In Deutschland liege der Pro-Kopf-Verbrauch von Apfelsaft bei acht Litern pro Jahr. Hochgerechnet auf die Einwohnerzahl von Iffezheim wären das 40 000 Liter Saft. "Es muss meines Erachtens wesentlich mehr Marketing betrieben werden. Wir müssen die Kinder dazu bringen, dass sie nicht nur im Supermarkt Saft kaufen, sondern dass sie durch eigene Erfahrungen feststellen können, wie heimischer Apfelsaft produziert wird und vor allem, wie er schmeckt." Deshalb rührt die INI die Werbetrommel bei Schulen und Kindergärten für ihre Apfelsaft-Aktion. Mit dem Erlös aus dem Saftverkauf können die Schüler eigene Projekte umsetzen. In der Maria-Gress-Schule werden die Einnahmen für die neue Schulgarten-AG verwendet. Betreut von Lena Kunzweiler, Marcus Lingnau und Julia Staudt und werden die jungen Gärtner weitere Projekte in Kooperation mit der Initiativgruppe Naturschutz umsetzen, freut sich Godbarsen. Bürgermeister Christian Schmid schaute beim Saftmobil vorbei, denn die Sechst- bis Achtklässler hatten Äpfel für den "Iffezheimer Apfelsaft" aufgelesen. Die Gemeinde nahm den Schülern 30 Bags à drei Liter ab und spendete einen Beitrag für die Schulgarten-AG.

Seit 2014 gibt es in der Renngemeinde ein Streuobstwiesenkonzept, das von der INI und dem Obst- und Gartenbauverein umgesetzt wird. Die Gemeinde bezahlt Zuschüsse für das Mähen von Streuobstwiesen und den Pflegeschnitt von Obstbäumen. Beide Vereine kontrollieren die Pflegemaßnahmen und bearbeiten die Anträge. Auf diese Weise wird die Pflege von rund 60 Wiesen gefördert, wie König im BT-Gespräch berichtet.

Dieses Konzept lasse sich eins zu eins auf andere Kommunen übertragen, der Aufwand sei überschaubar. Die Kommunen sollten sich laut INI im Klaren über den Nutzen von Streuobstwiesen für die Allgemeinheit sein und Wiesenbesitzer finanziell unterstützen: "Die Streuobstwiesen haben eine ähnliche Funktion wie Wälder. Dortige Defizite werden von den Kommunen, das heißt, vom Steuerzahler übernommen", zieht Godbarsen einen Vergleich.

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