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Zwischen Tafel und Smartboard
16.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Anja Groß

Durmersheim - Im Erdgeschoss hängt ein Bildschirm mit den neuesten Infos - Ausfall- oder Vertretungsstunden beispielsweise, die Schüler und Eltern auch online abrufen können. Die Oberstufe führt ein digitales Klassenbuch, über das auch das Entschuldigungsverfahren läuft, die Notenverwaltung erledigt der Lehrer auf seinem Tablet - im Programm ist jeder Schüler mit Namen und Foto hinterlegt. Vom 3D-Video eines schlagenden Herzens im Bio-Unterricht oder der GFS (Hausarbeit mit Präsentation) per Video ganz zu schweigen. Am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium (WHG) in Durmersheim ist das alles schon Realität.

Hintergrund

Jedes Klassenzimmer ist mit Beamer, Projektionsfläche, Multimediawagen mit Visualizer und Audioanlage sowie der Möglichkeit zur kabellosen Bildprojektion, ausgestattet und hat WLAN. Auch wenn die kreiseigene Schule damit weiter ist als viele andere Bildungseinrichtungen, hält der stellvertretende Schulleiter Thomas Kress den Oberbegriff "digitale Schule" in diesem Zusammenhang für zu hoch gegriffen. Der Biologie- und Sportlehrer, der den Wandel maßgeblich mitgestaltet, findet "Schule in der digitalen Dimension" passender. Warum? "Wir brauchen Zeit, um alles zu entwickeln", sieht er die Schule erst am Anfang des Weges, den ein Medienentwicklungsplan vorzeichnet.

Schüler eignen sich Lernstoff per Video an

2015 ging es am WHG richtig los, erinnert er sich: Zunächst erhielten alle Lehrer Mailadressen mit Passwort, damit die Online-Kommunikation nicht über Privatadressen erfolgen muss. Die Mathelehrer Felix Fähnrich und Carsten Thein haben in einem nächsten Schritt dann alle Inhalte ihres Unterrichts für die Oberstufe als Videos auf einer Homepage gespeichert (https://fliptheclassroom.de). Das Projekt "Flip the classroom" wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Die Schüler eignen sich den Lernstoff per Video zu Hause an. So kann im Unterricht in erster Linie geübt werden. "Es bleibt mehr Zeit für den direkten Lehrer-Schüler-Kontakt", betont Kress. Im Rahmen des Medienentwicklungsplans der Schule ist geplant, für alle Altersstufen und Themen digitale Lernarrangements zu entwickeln.

Ganz wichtig ist Kress dabei: Digitales soll Analoges ergänzen, nicht verdrängen, und digitale Lehr-Lern-Arrangements müssen einen Mehrwert bieten. Den Unterricht mit digitalen Möglichkeiten aufzuwerten, das steht für ihn im Vordergrund.

Dabei hat sich die Arbeitsgruppe "Bildung im digitalen Zeitalter" der Schule zum Ziel gesetzt, einheitliche, über alle Betriebssysteme einfach und sicher funktionierende Standards für digitales Arbeiten zu schaffen. Schüler können sich mit ihren privaten Smartphones oder Tablets drahtlos einklinken und das jeweilige Thema aktiv mitgestalten. Dabei werden sie auch im Umgang mit Medien geschult. Besonderen Wert legt die Arbeitsgruppe auch auf den kontinuierlichen Austausch über Erfolge und Misserfolge.

Doch auch das digitale Lehren will gelernt sein. Die "Schule in der digitalen Dimension" erfordere ein enormes Maß an Fortbildung zunächst der Lehrkräfte, die "nicht alle so technikaffin sind wie ich", wie Kress sehr wohl weiß. Die Schulung ins immer dichter werdende Aufgabenpaket einzubauen, sei eine große Herausforderung. "Eigentlich müsste ich jedem Lehrer freie Deputatsstunden einräumen mit der Maßgabe, diese für Fortbildung zu nutzen, doch dafür haben wir keine Kapazitäten", beschreibt er das Dilemma.

Das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium hat deshalb ein eigenes Konzept der sogenannten Mikrofortbildung entwickelt: Einmal im Schuljahr wird drei Wochen lang in der Mittagspause 45 Minuten Lehrerfortbildung angeboten "zu Themen, die wir in der AG Bildung im digitalen Zeitalter für sinnvoll halten", erklärt Kress. Die Teilnahme ist für das Kollegium verpflichtend. Vorgestellt werden Lern- und Unterrichtssoftware, Klassen- und Notenverwaltung, Datensicherheit oder Erstellen von Erklärvideos.

Dabei steht für Kress im Vordergrund, den Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzliche Arbeit aufzubürden, sondern er sieht die technischen Systeme vor allem als Entlastung. Beispiel: Unterrichtsmaterial, das man bislang raussuchen und mühsam auf Folien für den Overhead-Projektor sowie für die Klasse kopieren musste, kann man heute digital zur Verfügung stellen. Einmal auf dem Laptop oder Tablet gespeichert, ist es immer wieder verfügbar - genau wie Filmmaterial, das früher erst im Kreismedienzentrum ausgeliehen werden musste. Allerdings müssten die Lehrkräfte so geschult sein, dass sie sicher im Umgang mit den neuen Möglichkeiten sind und die Anwendung auch den Schülern beibringen können. "Sonst ist das ein zusätzlicher Stressfaktor und hat keine Akzeptanz", betont Kress.

Apropos Akzeptanz: Die sei beim Kollegium am WHG groß, meint der stellvertretende Schulleiter. Selbstverständlich werde beispielsweise bei Gesamtlehrerkonferenzen an der Schule mittlerweile mittels QR-Codes abgestimmt, die die Schulleitung mit dem Handy abscannt. "Früher mussten wir oft fünfmal nachzählen, das entfällt nun", schildert Kress den Vorteil.

Doch er könne es auch akzeptieren, wenn jemand den traditionellen Unterricht bevorzugt. Den will er auch keineswegs verdrängen. Das Abschreiben des digital in der Stunde Erarbeiteten gebe er beispielsweise oft als Hausaufgabe, weil sich Wissen erwiesenermaßen dabei verfestige. Deshalb hat für ihn auch die Tafel nicht ausgedient. "Manchmal ist ein Tafelanschrieb einfach viel schneller und effektiver als die Arbeit mit dem Smartboard", betont er mit Blick auf die multimedialen Tafeln. Eine große Hilfe sind am WHG die 25 Schülermedienmentoren - eine AG, die Kress betreut.

In der großen Pause holen sich an diesem Tag prompt drei Schüler Arbeit bei ihm ab: "In Raum 313 flackert der Beamer, und dann könnt ihr die drei EZ-Casts bitte noch installieren, damit auch dort Smartphone oder Notebook kabellos mit dem Beamer verbunden werden kann." Thomas Kress ist froh um die Unterstützung, denn die technikaffinen Schüler beraten die Schulleitung auch in Sachen digitale Ausstattung. "Das ist eine tolle Sache, aber es kann nicht Standard sein", sieht er das durchaus auch kritisch. Denn die technische Unterstützung beispielsweise bei Kleinreparaturen könne man nicht einfach den Lehrkräften aufbürden. Und die Netzwerkbetreuer, die jede Schule haben muss, seien ausgelastet. Jedes Mal externe Dienstleister zu holen, sei ebenfalls nicht sinnvoll. Auch strukturell gebe es bei der Weiterentwicklung der Digitalisierung an den Schulen noch einiges zu klären, meint er.

Technik-Sprechstunde für die Lehrkräfte

Einmal monatlich bieten die Schülermedienmentoren auch eine Technik-Sprechstunde für die Lehrkräfte an. Das sei eine Win-win-Situation, findet Kress. Das niederschwellige Angebot verbessere die Kompetenz der Lehrkräfte und die Schüler würden dadurch eine hohe Akzeptanz erfahren.

Um den Digitalpakt Schule der Bundesregierung ist er zwar froh, weil die Ausstattung mit dem Geld verbessert werden kann, doch für viel wichtiger hält er es, den Unterricht mithilfe der neuen Möglichkeiten aufzuwerten. "Kollaboratives Lernen" im Unterricht und auch zu Hause ist für ihn ein Beispiel. Im analogen Schulzeitalter war das einfach Gruppenarbeit, "heute kann man das über einen Chat in den Unterricht einbauen, wo auch ich als Lehrer immer wieder Anmerkungen einfügen kann", berichtet Kress. Die entsprechenden Tools dafür gibt es bereits.

Nächstes Projekt am WHG soll ein digitaler Arbeitsplatz in der Aula sein - ähnlich denen in einer Universitätsbibliothek. "Vielleicht sind wir bis zu meiner Rente so weit, dass alles umgesetzt ist, was mir heute schon im Kopf rumschwebt", meint der 46-Jährige und lacht. Das findet er aber in Ordnung, denn es gelte nicht nur, das Kollegium mitzunehmen, sondern auch die Rahmenbedingungen müssten stimmen - und da ist aus seiner Sicht noch Luft nach oben.

Ein sogenanntes Backbone (Basisnetz) mit sehr hohen Datenübertragungsraten beispielsweise sei unabdingbar. "Wenn bei uns 15 Klassen gleichzeitig digital arbeiten würden, müssten ungeheure Datenmengen verarbeitet werden, das könnten wir derzeit gar nicht", erklärt Kress. Mal ganz davon abgesehen, dass auch das Angebot an digitalem didaktisiertem Unterrichtsmaterial in Deutschland sehr überschaubar sei. Die Nachfrage sei wohl zu gering - noch. Und die Frage, was in sechs bis acht Jahren passiert, wenn die Ausstattung der Schulen veraltet ist, sei auch noch ungeklärt.

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