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Gefühlt schon ein Einwohner von Absurdistan
Gefühlt schon ein Einwohner von Absurdistan
03.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Sebastian Linkenheil

Rastatt - Die deutschen Behörden wollen ihn am liebsten nach Afghanistan abschieben, dabei fühlt er sich selbst längst als Bürger von Absurdistan: Mojtaba Nazarzadeh, der 2015 als Flüchtling aus Iran nach Deutschland kam, seit 2016 in Rastatter Unterkünften für Asylbewerber lebt und sich selbst als staatenlos bezeichnet, betont: "Ich war noch nie in Afghanistan, kenne dort niemanden und bin auch kein afghanischer Staatsbürger." Doch das soll sich nach dem Willen des Regierungspräsidiums Karlsruhe (RP) jetzt ändern.



Am Donnerstag dieser Woche, 14.30 Uhr, muss der 26-Jährige beim afghanischen Generalkonsulat im Münchner Nobelvorort Grünwald vorsprechen. Den Weg dorthin kennt er bereits, denn im Februar 2018 war er schon einmal dort. Der junge Mann hat den Termin am Donnerstag nicht etwa selbst ausgemacht. Das war die Abteilung acht im RP Karlsruhe, die unter anderem für Asylrecht und "Rückkehrmanagement" zuständig ist.

Die Behörde nennt den Besuch im Konsulat "begleitete Vorsprache bei Vertretern Ihres Heimatlandes". Mojtaba Nazarzadeh lächelt bitter, wenn er die Zeile im Schreiben des RP liest, denn als sein Heimatland sieht er Afghanistan keineswegs an. Ein Bürger dieses Staates möchte er nicht sein und natürlich will er auch nicht dorthin abgeschoben werden.

Sein Vater sei zwar als Kleinkind mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran eingewandert, habe aber selbst nie einen afghanischen Pass besessen. Als Erwachsener heiratete er eine Iranerin, die Mutter von Mojtaba. Doch nach iranischem Recht werde die Staatsbürgerschaft nur durch den Vater vererbt. Deshalb habe Mojtaba Nazarzadeh nie eine Staatsbürgerschaft besessen, weder die iranische, noch die afghanische.

Unverblümt heißt es im Brief des RP: Die Maßnahme werde getroffen, weil "an der zügigen Aufenthaltsbeendigung abgelehnter Asylbewerber ein besonderes öffentliches Interesse besteht". Den Asylantrag hatte das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in der Tat abgelehnt, und das Verwaltungsgericht Karlsruhe hat die Ablehnung auch bestätigt.

In seinem Asylantrag hatte der junge Mann angegeben, dass er als Staatenloser im Iran keine Zukunft habe: Er könne keine Schule besuchen, nicht legal arbeiten, nicht heiraten. Versuche, die iranische Staatsbürgerschaft zu erhalten seien gescheitert. Er befürchte, im Iran entweder nach Afghanistan abgeschoben oder in den Krieg nach Syrien geschickt zu werden. Für das BAMF ist das alles schon allein deshalb nicht relevant, weil für das Asylverfahren nur Ereignisse entscheidend sind, die einem Antragsteller in dem Land widerfahren, dessen Staatsbürgerschaft er besitzt. Man könnte sagen: Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

An sich ist Nazarzadeh nun ausreisepflichtig, aber wohin soll er ausreisen oder in welches Land könnten die Behörden ihn abschieben? Äußerst misslich ist für den jungen Mann zudem, dass seine Arbeitserlaubnis widerrufen wurde, solange er keinen Pass vorlegt. "Niemand will mich, ich fühle mich wie Abfall", sagt er. Die Perspektivlosigkeit mache ihn krank.

Beim BAMF und beim RP ist man indes der Ansicht, dass Nazarzadeh keineswegs staatenlos ist. Aufgrund seines afghanischen Vaters habe er Anspruch auf die afghanische Staatsangehörigkeit. Das Amt fordert ihn auf, seine Abstammung gegenüber der afghanischen Vertretung zu beweisen. Aber wie? Dazu bräuchte er eine sogenannte Tazkira. Das ist ein in Afghanistan übliches Identitätsdokument, das man erhält, wenn man die Tazkira des Vaters vorlegt. Das verlangte das Konsulat bereits beim ersten Besuch vor knapp zwei Jahren. Schon der Vater besaß aber kein solches Papier - und er ist überdies inzwischen verstorben.

Beim RP rechnet man auch nicht mehr damit, dass er einen afghanischen Pass erhält: "Herr Nazarzadeh ist nicht im Besitz einer Tazkira und kann eine solche voraussichtlich auch nicht erlangen, weshalb ihm die Beantragung eines Reisepasses nicht möglich ist", räumt die Pressestelle ein. Bei einer begleiteten Vorsprache sei es hingegen möglich, dass die afghanische Staatsangehörigkeit aufgrund der eigenen Angaben der Person bestätigt wird. Ein frommer Wunsch an jemanden, der sich selbst nicht als Afghane fühlt.

Behörde droht

mit Verhaftung

Das RP pocht auf die Mitwirkungspflicht bei der Beschaffung von Papieren und droht mit Zwangsmaßnahmen bis hin zur Haft. Denn die Hoffnung, dass der zweite Konsulatsbesuch von Erfolg gekrönt sein könnte, gibt man in den Amtsstuben nicht so schnell auf, schließlich habe das in anderen Fällen schon geklappt: "Wir führen zu den Vorgängen keine Statistik", schreibt die Pressestelle, bestätigt aber, "dass die Vorsprachen bei Konsulaten von mutmaßlichen Heimatländern zu der Identifikation der Betreffenden maßgeblich beitragen."

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