https://www.badisches-tagblatt.de/spielerwahl/index.html
"Tanzen gehört zur Allgemeinbildung"
'Tanzen gehört zur Allgemeinbildung'
13.01.2020 - 00:00 Uhr
Rastatt (dm) - Musik, Tanz, jubelndes Publikum: So viel Unterhaltung war wohl noch nie beim Neujahrsempfang der Stadt Rastatt. Seit Jahren ist es Usus, dass sich nach der Ansprache des OB (wir berichteten in der Samstagausgabe) ein Traditionsunternehmen präsentiert. Dieses Mal nutzte die Tanzschule Müller diese Bühne, um neben einem Rückblick in ihre nun über fünf Jahrzehnte andauernde Geschichte "beste Werbung für den Tanzsport zu machen", wie es Hans Jürgen Pütsch formulierte.



Klar: Bei vielen Besuchern wurden Erinnerungen an früher wach, als sie selbst Teile ihre Jugendzeit bei "s'Müllers" verbrachten, dem Inbegriff für Tanzschule in Rastatt schlechthin. Wie alles anfing, wussten viele indes nicht. Das Gebäude an der Moltkestraße 1, das Peter und Doris Müller Anfang der 70er Jahre vermittelt bekommen hatten - noch heute die Adresse der Tanzschule -, war zuvor eine Gänseleber- und Pastetenmanufaktur mit eigener Schneckenzucht gewesen. Ein "Geisterhaus", noch voll eingerichtet, wo sich "Millionen von Schneckenhäuschen" im ganzen Haus verteilten und es "bestialisch" stank, wie Peter Müller erzählt. Die Besitzer hatten sich "in die Schweiz abgesetzt": Doch ihr Architekt beruhigte: "Wenn da erst der Gipser durch ist, riecht man nichts mehr..."

Müllers bauten tatsächlich ihren ersten Tanzsaal dort auf - und waren "endlich zu Hause". Zuvor hatten sie keine eigenen Räume. Aus Offenburg kommend, hatten sie in Rastatt 1968 ihren ersten Kurs im ehemaligen Konvikt (Bildungshaus St. Bernhard) gegeben, mit "erzbischöflichem Segen". Die Nachfrage stieg. Dass man sich letztlich für Rastatt statt Offenburg entschied, sei die richtige Entscheidung gewesen, betont Müller im Rückblick. Das Domizil in der Moltkestraße wurde bis heute 15 Mal um- und ausgebaut, mehr als 100 000 Menschen aus der Region haben dort Tanzen gelernt.

Die Erfolge von Sohn Ralf mit Ehefrau und Tanzpartnerin Olga Omeltchenko-Müller taten ein Übriges, die Insitution noch bekannter zu machen. Bei einem Turnier in Mannheim 1990 hatten sich die beiden kennengelernt, wie Ralf Müller berichtet. Die Funken sprangen über. Doch wie in einem Krimi wollte Olgas damaliger Tanzpartner die gebürtige Russin nicht freigeben. Er forderte Lösegeld für die Freigabe des Passes. Ralf Müller bezahlte. Der Rest ist Geschichte: Seit 1991 verheiratet, holte das Paar vier Weltmeister-, zwei Europameister- und acht deutsche Meistertitel. Seit 2012 führen sie die Tanzschule. Und reichen den Stab dereinst vielleicht an einen ihrer Söhne weiter. Der eine (Len) hat mit vier Jahren gerade zu tanzen begonnen, der andere, Tom (zwölf), ist mit seiner Tanzpartnerin Lea bereits Landesmeister in ihrer Altersklasse. "Als ich so jung war, habe ich nicht so gut getanzt", gestand Vater Ralf am Freitagabend, nachdem Tom und Lea das Publikum mit einem Jive hingerissen hatten. Noch lauter der Jubel, als das einstige Weltmeisterpaar selbst, das inzwischen auch international als Trainer agiert, seine Kür zu Ausschnitten aus Georges Bizets Oper "Carmen" zeigte.

Der Turniersport ist das eine, der Gesellschaftstanz weiterhin das andere Standbein der Müllers. Eine Gruppe Vierjähriger sowie Jugendliche und Erwachsene bis tief ins Seniorenalter zeigten unter viel Applaus ebenfalls einen Querschnitt dessen, was in der Moltkestraße gelehrt wird. Dazu gehören auch Umgangsformen. Tanzen zu können, so konstatierten Ralf Müller und Pütsch, gehöre heute wieder zur Allgemeinbildung. "s'Müllers", so der OB, seien insofern gesellschaftlicher Anziehungspunkt und kulturelle Wegbegleiter in Rastatt.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Wien
Premiere beim Wiener Opernball

11.01.2020
Premiere beim Wiener Opernball
Wien (lsw) - Erstmals in der Geschichte des Wiener Opernballs tanzen in diesem Jahr zwei Frauen als Debütantenpaar den Eröffnungswalzer mit. Die 21 Jahre alte Sophie Grau (Foto: dpa) aus Fellbach und die 22-jährige Iris Klopfer aus Ludwigsburg wurden als Teilnehmerinnen akzeptiert. »-Mehr
Durmersheim
Boogie-Woogie für den Mega-Star

08.01.2020
Ein Tänzchen für Ed Sheeran
Durmersheim (dm) - Die Durmersheimer Nellia und Dietmar Ehrentraut, 67 und 72 Jahre, tanzen im neuen Video des britischen Megastars Ed Sheeran mit. Durch einen millionenfach im Internet geklickten Tanzclip war der Musiker auf das Paar aufmerksam geworden (Foto: pr). »-Mehr
Baden-Baden
In 100 Jahren stets angepackt und Widerstände überwunden

31.12.2019
Blume 100 Jahre in Familienbesitz
Baden-Baden (co) - Eine Traditionsgaststätte in dritter Familiengeneration zu führen, ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Thomas und Roland Müller setzten beim Hotel-Restaurant Blume in Sandweier auch im 100. Jahr ihres Bestehens auf familiäre Gastlichkeit (Foto: co). »-Mehr
Baden-Baden
Lupenreine Tanzpreziosen

30.12.2019
Glitzernde Ballettkunst
Baden-Baden (cl) - Hohe russische Tanzkunst, facettenreicher Feinschliff, funkelnde Farbenpracht in Pas de deux und Ensembletänzen: Mit Balanchines elegantem Juwelen-Ballett ist das Weihnachtsgastspiel des Mariinsky-Balletts im ausverkauften Festspielhaus zu Ende gegangen (Foto: Razina). »-Mehr
Rheinau
Knapp 175 Jahre geballte Saxofon-Power

28.12.2019
175 Jahre geballte Saxofon-Power
Rheinau (gb) - Die Saxofonisten Hans Kuhn und Melis Wüger - zusammen sind das knapp 175 Jahre geballte Saxofon-Power. Im Diersheimer "Rappen" gaben sie ein Tanz-Stelldichein mit Hits aus vergangenen Zeiten wie "Sunshine Sax" oder "Herz-Schmerz-Polka" (Foto: Birsner). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

Aus Protest gegenüber der Agrarpolitik legen Bauern in mehreren Landeshauptstädten mit Traktoren den Verkehr lahm. Halten Sie ein solches Vorgehen für angemessen?

Ja.
Nein.
Das weiß ich nicht.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1