Hoffnung für zu kleine Stacheltiere

Hoffnung für zu kleine Stacheltiere

Von Sebastian Linkenheil

Bischweier - Igelfreund Karl-Ludwig Matt schlägt Alarm: "Dieses Jahr haben wir ein Igeldesaster", ist der Vorsitzende der Rastatter NABU-Ortsgruppe besorgt. Denn der heiße und extrem trockene Sommer habe den ohnehin gefährdeten Stacheltieren zusätzlich zugesetzt. Dass der NABU in Bischweier seit Oktober eine neue Igelpflegestation etablieren konnte, ist da zumindest ein Hoffnungsschimmer. Zurzeit werden dort elf unterernährte oder verletzte Igel liebevoll umsorgt und auf ein Leben in Freiheit vorbereitet.



Die Natur ist manchmal grausam: Viele Igelmütter haben in diesem Sommer und Herbst ihren Nachwuchs im Stich gelassen, um sich selbst zu retten, erklärt Matt. Weil es viel zu trocken war, fanden die Tiere zu wenig Nahrung, Regenwürmer und Käfer zum Beispiel. Die geschwächten Igelmamas haben deshalb nicht genug Milch für ihre Jungen, weiß Anja Starck. Zusammen mit ihrem Mann Gerhard betreibt die gelernte tiermedizinische Fachangestellte die neue NABU-Igelpflegestation in Bischweier. Hinzu kommt, dass manche Igelweibchen noch im späten September ein zweites Mal geworfen haben. Diese Igelchen konnten sich noch keine Reserven für die Winterruhe anfressen. Unter Anja Starcks Schützlingen gibt es Igel, die nur 200 Gramm auf die Waage bringen. 600 bis 700 Gramm seien eigentlich nötig, um den Winter zu überstehen, erklärt sie. Alle Tiere in der Igelstation, die dieses Gewicht noch erreichen, werden vor dem Winter in die Freiheit entlassen. Die anderen dürfen in der Station auf den Frühling warten.

Die Igelstation befindet sich im Pferdestall eines Gnadenhofs, den das Ehepaar Starck betreibt. Er liegt in idyllischer Umgebung vor dem Ortsrand inmitten von Pferdekoppeln und Streuobstwiesen. Eine der Pferdeboxen haben die Starcks eigens gedämmt. Gespendete Kaninchenkäfige beherbergen die Stacheltiere, natürlich hat jedes viel Heu und ein Häuschen, um sich verstecken zu können. Die Igelchen bekommen Katzenfutter mit Haferflocken. Die Starcks "bekochen" ihre Pfleglinge aber auch. Sie vertragen gebratenes Rinderhackfleisch, hartgekochte Eier oder Rührei. "Allerdings alles ohne Gewürze", betonen die beiden. Wer einen geschwächten Igel findet, könne es auch so machen. Ein großer Fehler sei es allerdings, den Tieren Milch zu geben. "Igel sind laktoseintolerant", weiß die Tierarzthelferin, "sie können daran sterben."

Stirbt ein Igel, fließen auch mal Tränen

Auch in der Igelstation überlebt nicht jeder Schützling. Ein Igelkind war einfach zu schwach und ist vor einigen Tagen gestorben. Dass Anja Starck in so einem Fall ihre Tränen nicht zurückhalten kann, ist ihr gar nicht peinlich. "Schreiben Sie das ruhig", sagt sie. Zornig machen sie aber Geschichten wie diese: Ein ansonsten gesunder und wohlgenährter Igel hatte das Pech, einem Autofahrer in einem Kreisverkehr bei Rheinmünster im Weg zu sein. Der Mann stieg aus und kickte den Igel von der Straße. Eine Frau beobachtete das: Drei Meter sei das Tier durch die Luft geflogen. Beim Besuch des BT in der Igelstation lag der Igel fast bewegungslos in seinem Käfig. Die Starcks hatten ihm eine richtige kleine "Intensivstation" eingerichtet. Sie vermuten innere Verletzungen, denn auch Tage nach dem Vorfall blutete das Tier aus Maul und Nase. Der Igel war zu schwach zum Fressen. Er wurde mit einer kalorienreichen Spezialpaste "zwangsernährt" und atmete frische Luft aus einem Inhalator. Seine Überlebenschance bezifferten die Starcks mit 50 Prozent. Er hat es trotzdem nicht geschafft und ist inzwischen gestorben. Besser geht es da schon einem anderen Igel, den ein Hund schwer verletzt hat. "Ein befreundeter Tierarzt hat ihn kostenlos operiert", freut sich Starck. Er ist auf dem Weg der Genesung.

Mehr Sorgen bereitet dem Ehepaar da schon die fernere Zukunft der Igelstation und des Gnadenhofs, der zum Beispiel auch vernachlässigte Tiere aufpäppelt, die vom Veterinäramt beschlagnahmt wurden. Eine anonyme Anzeige rückte den Gnadenhof nämlich jüngst in den Blickpunkt der Behörden (wir berichteten). Es gibt eine Abbruchverfügung des Landratsamts. Die Starcks berichten, dass ein privilegierter Landwirt Anfang der 1990er Jahre die Anlage errichtet hat. Inzwischen ist er gestorben. Die Starcks sind Pächter der Erben. Für den Erhalt des Gnadenhofs und der Igelstation wollen sie kämpfen. Sie weisen darauf hin, dass in dem Stall Fledermäuse und die seltengewordenen Rauchschwalben nisten. Diese könne man nicht umsiedeln, sagt Gerhard Starck. Die Pferde auf den Koppeln würden für die natürliche Offenhaltung der Landschaft sorgen, und die Streuobstwiesen mit viel Totholz seien ein Lebensraum für viele Tiere - nicht zuletzt für die Igel.

Wer einen Igel findet und bei der Igelstation abgeben will oder wer Tipps braucht, wie er Igeln helfen kann, der darf Anja Starck anrufen, im Notfall auch nachts: (0 171) 4 17 30 05. Wer die Igelpflegestation besichtigen möchte, hat dazu am Sonntag, 16. Dezember, 12 bis 16 Uhr, Gelegenheit. Die Starcks laden zum Tag der offenen Tür mit Reiten und Führungen zu den Igeln ein.

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