Leidenschaft fürs Theater

Leidenschaft fürs Theater

Von Xenia Schlögl

Rastatt - Er wirkt jünger, als sein kommender Geburtstag vermuten lässt. Harald Hemprich wird am Sonntag 70 Jahre alt. Kein Grund für ihn, sich zur Ruhe zu setzen. Seit seiner Pensionierung vor fast drei Jahren widmet er sich intensiv seiner wahren Leidenschaft - dem Theater. Die Rastatter Kulturszene ist ohne das von ihm gegründete Ensemble 99 nicht vorstellbar. Seit 22 Jahren leitet Hemprich erfolgreich zusammen mit den Akteuren auf und hinter der Bühne den Theaterverein. Was er sich zum Geburtstag wünsche? "Die Lust und die Kraft zu behalten, um weiter Theater spielen und Regie führen zu können."

Die Rastatter kennen ihn nicht nur als Theaterfachmann. Generationen von Schülern haben ihn als Deutsch-, Philosophie- und Sportlehrer am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium erlebt - Hemprich war mit Leib und Seele Lehrer. Der Landtagsabgeordnete Jonas Weber, der 2002 sein Abitur ablegte und Schüler Hemprichs war, erinnert sich lebhaft: "Er war ein engagierter Lehrer mit Respekt vor den Schülern. Kreatives Schreiben war ihm wichtig. Gelesen wurde in seinem Unterricht alles, vom Groschenroman bis zur Hochliteratur."

Hemprich gründete 1979 die Theater-AG und gab Schülern die Möglichkeit, ungeahnte Talente in sich zu entdecken und ihre Liebe zum Theaterspiel zu entwickeln. Ehemalige Schüler wie Jacqueline Frittel und Gabi Oestreicher sind dem Theater eng verbunden geblieben. Er inszenierte mehr als 30 Stücke, manchmal kontrovers vom Lehrerkollegium bewertet: "Klassiker in der heutigen Sprache zu spielen, wurde als Frevel angesehen", schmunzelt Hemprich. Erfolge blieben nicht aus. Für das jährliche Schultheaterfestival der Bundesländer wurde 1986 seine LWG-Inszenierung von "König Ö dipus" als einziger Beitrag Baden-Württembergs entsandt.

Der Ruhestand ist für ihn ein Unruhestand. Der ehemalige Leichtathlet erhält sich seine körperliche Fitness mit täglichem Radfahren. Es sei ein Genuss, selbst den Tagesablauf zu bestimmen, meint der bekennende Frühaufsteher. Oft sitze er bereits um 6.30 Uhr in einem Rastatter Café, lese die Tageszeitungen und denke über neue Theaterstücke nach. Seit zehn Jahren fahre er einmal die Woche an die Universität Heidelberg und besuche Philosophieseminare.

Der gebürtige Magdeburger, der in Westberlin und in Oldenburg aufwuchs, sagt, dass viele Zufälle ihn begleitet haben. Sein Elternhaus sei zwar sehr konservativ gewesen, aber "man ließ mich ein freies Leben leben."

Mit 15 sah er zum ersten Mal ein Theaterstück, nachhaltig beeindruckt habe ihn aber seine erste Oper: "Mathis der Maler" von Paul Hindemith. "Ich habe nichts verstanden. Nur das gigantische Bühnenbild fing mich ein." Diese visuelle Erfahrung führte Hemprich zum Kauf einer Fotokamera. Er fotografierte im Querformat und trainierte seinen Blick durch die Linse. Dies habe ihm später geholfen, Ideen für Kulissen zu entwickeln. Übertroffen wurde er von seinem Sohn Henning Schwarz. Der Steinbildhauer war von 2008 bis 2013 für die beeindruckenden Bühnenbilder des Ensembles 99 verantwortlich.

Dankbar ist Hemprich der Stadt Rastatt, die seit über 20 Jahren den Theaterverein unterstütze. Bürgermeister Arne Pfirrmann sieht den Quereinsteiger als Urheber und Vater des Amateurtheaters in Rastatt: "Dank seiner Gestaltungskraft, Ideenvielfalt und auch Hartnäckigkeit gehört heute die Amateurtheaterszene zum Kernbereich der örtlichen Kultur und macht Rastatt weit über seine Grenzen bekannt." Ein langjähriger Weggefährte in der Rastatter Kulturszene ist der 81-jährige Klaus Winterhoff. Hemprich sei ein gewiefter Theatermann mit einem unglaublichen Fachwissen und könne auf jeden Schauspieler empathisch eingehen, erzählt er.

Hemprich sieht das Ensemble 99 als Amateurtheater mit semiprofessionellem Status. Mehr als 40 Produktionen seit Bestehen zeugen von künstlerischer Vielfalt und dem Ringen, das anspruchsvolle Niveau zu halten. "Klassiker sollten nur gespielt werden, wenn sie einen Bezug zur Gegenwart haben", ist er überzeugt, das Ensemble könne alles spielen - Komödien, Tragödien, Collagen. Gutes Theater brauche gute Stücke und gute Schauspieler. Er versuche, junge und ältere Menschen für die Bühne zu begeistern: "Theater ist eine lebendige Bildungsanstalt für alle."

Jacqueline Frittel, Mitglied der ersten Stunde, ist inzwischen ausgebildete Theaterpädagogin und gründete 2017 das Phoenixtheater. Für sie sind die Reithalle und das Ensemble 99 "ein Raum, der vieles mit Harald Hemprich und seinem künstlerischen Schaffen gemeinsam hat. Ein Raum voller Ideen und Fantasien, der einlädt zwischen Realität und Fiktion zu suchen."

Fünf neue Produktionen stehen für 2019 an. 35 Schauspieler umfasst der Kader. Der große Zulauf bestärkt Hemprich, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Sein heutiges Leben sei ein Dreieck, sagt Harald Hemprich. Theater, Philosophie und seine Familie sind die Eckpunkte. Hemprich ist inzwischen Großvater von drei Enkeln. Er lacht, als er dies erwähnt. "Ich gebe mir Mühe, meinen Enkeln die Faszination Theater näher zu bringen". Die Zukunft wird es zeigen.

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