"Brücke" engagiert sich unbeirrt für Integration

'Brücke' engagiert sich unbeirrt für Integration

Von Markus Koch

Rastatt - Der Putschversuch in der Türkei Mitte Juli 2016 hat nicht nur das Land und die Gesellschaft erschüttert, die sich anschließende Hetz- und Unterdrückungskampagne gegen Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, der von Ministerpräsident Erdogan als Initiator des Putsches beschuldigt wird, hatte auch Auswirkungen auf die in Deutschland lebenden Türken. In Rastatt musste die Bildungseinrichtung Ekol in der Bahnhofstraße schließen (wir berichteten) und auch der Verein "Die Brücke für den interkulturellen Dialog" ist bis heute in seiner Arbeit massiv geschwächt.

Hatice Özütürk hatte sich im Jahr 2008 mit gleichgesinnten Frauen zusammengeschlossen, um sich für eine bessere Integration von Türken zu engagieren und auch einen Dialog zwischen den Kulturen zu fördern. Rund 30 Frauen gründeten dann 2009 den Verein "Die Brücke für den interkulturellen Dialog", bis 2016 wuchs die Mitgliederzahl auf mehr als 100 an. Nach dem Putschversuch in der Türkei änderte sich dann alles für den Verein, der sich mit zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen in der Barockstadt einen Namen gemacht hatte.

Die Mitgliederzahl sank innerhalb kurzer Zeit auf 22 ab, dennoch ließ sich Hatice Özütürk nicht von Beschimpfungen der Erdogan-Anhänger unter Druck setzen: "Ich lese die Werke von Fethullah Gülen, die mich motivieren, ehrenamtlich tätig zu sein. Wir werden aber nicht von Herrn Gülen unterstützt und überweisen auch kein Geld an ihn", betont die 40-Jährige.

Beim Rastatter Stadtfest im Jahr 2017 wurde der Stand des Kulturvereins "Die Brücke" von Erdogan-Anhängern fotografiert, die dann auf Facebook zu dessen Boykott aufriefen. Außerdem wurden die Vereinsmitglieder von diesen beschimpft, einige Frauen trauten sich danach nicht mehr, mitzuhelfen. "Über Facebook hatte sich die Nachricht rasch verbreitet und wir haben dann von ganz vielen Leuten Unterstützung erhalten, sogar aus Mannheim ist die Freundin einer Bekannten extra an unseren Stand gekommen. Außerdem haben wir auch Hilfe von unseren deutschen und russischen Freunden bekommen", berichtet Hatice Özütürk.

Hintergrund

Der Rastatter Gemeinderat reagierte umgehend und verurteilte nicht nur die verbalen Angriffe auf die "Brücke", sondern beschloss auch, einen offenen Brief auf Deutsch und Türkisch an alle Haushalte in der Barockstadt zu verschicken, in dem zu Toleranz und Respekt aufgerufen wird. "Das hat uns positiv überrascht und hat gezeigt, dass wir zu Rastatt gehören. Es hat uns auch motiviert, weiterzumachen", zeigt sich die "Brücke"-Vorsitzende dankbar.

Doch die Aktivitäten des Vereins laufen auf Sparflamme. Das Frauenfrühstück und den Dialogkochkurs gibt es seit 2016 nicht mehr: "Meine Köchinnen möchten nicht mehr mitmachen", bedauert Hatice Özütürk und zeigt gleichzeitig Verständnis dafür, dass die Frauen aufgrund der Beschimpfungen und auch wegen des sozialen Drucks von familiärer Seite aufgegeben haben.

Der Verein hat sich in der Zwischenzeit wieder etwas erholt, momentan gibt es 41 Mitglieder, darunter fünf deutsche Fördermitglieder sowie 15 bis 20 Deutsche, die den Verein bei Aktivitäten unterstützen, führt Hatice Özütürk im BT-Gespräch aus. Daneben gibt es auch acht Spätaussiedler, die dem Verein nahestehen und helfen. Ein Großteil der Mitglieder arbeite aber lieber im Hintergrund, verdeutlicht die Vorsitzende. Regelmäßige Unterstützung für den interkulturellen Verein gibt es seit einiger Zeit von zwei jungen Männern, die im Rahmen eines studienbegleitenden Praktikums bei Aktionen und Veranstaltungen mithelfen.

Und wie sieht es aus mit Unterstützung seitens der Stadtverwaltung, etwa von der Integrationsbeauftragten oder von der Gemeinwesenarbeit? "Der Verein steht für eine ganz wunderbare Integrationsleistung", findet die städtische Pressesprecherin Heike Dießelberg lobende Worte. Und auch mit der Gemeinwesenarbeit Bahnhof/Industrie arbeite die "Brücke" seit Jahren "sehr gut zusammen". In deren Räumen hatte bis 2016 der Dialogkochkurs stattgefunden. Zudem stellte die Stadt im Vorjahr das Kantorenhaus zur Verfügung, damit der Verein dort zum Fastenbrechen während des Ramadans einladen konnte, zeigt sich Hatice Özütürk dankbar.

Die 40-Jährige lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, obwohl sie wenig Zeit hat, da sie seit März 2017 Sozialarbeit in Mannheim studiert, täglich pendelt und nächstes Jahr ihren Bachelor-Abschluss macht. "Ich unterstütze sie und halte ihr den Rücken frei", erklärt ihr Mann Deger. Er findet auch gut, dass seine Frau für den Rastatter Gemeinderat kandidiert. Hatice Özütürk wurde von CDU-Fraktionssprecherin Brigitta Lenhard angesprochen, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. "Ich war schon bei Ratssitzungen dabei, habe mir aber Bedenkzeit erbeten", berichtet die 40-Jährige.

Bei den "Input-Sitzungen" für interessierte Kandidaten habe sie sich willkommen gefühlt und sich dann für eine Kandidatur bereit erklärt. Die Kopftuchträgerin hat kein Problem damit, für eine christlich-konservative Partei ins Rennen zu gehen: "Schließlich arbeiten alle im Gemeinderat für Rastatt", findet sie.

Beim Frühlingsfest ist die "Brücke" am morgigen Sonntag mit einem Stand vertreten, außerdem beteiligt sich der Verein am "Tag der Nachbarn" am 24. Mai, an dem eine Aktion mit der Gemeinwesenarbeit geplant ist.

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