Feuerwehren mit neuen Konzepten zukunftsfit machen

Feuerwehren mit neuen Konzepten zukunftsfit machen

Rastatt - Die Feuerwehren im Landkreis Rastatt sind gut aufgestellt - "noch gibt es keinen Anlass zur Sorge", sagt Kreisbrandmeister Heiko Schäfer im Gespräch mit BT-Redakteurin Anja Groß. Gleichwohl müsse man "sehr wachsam sein". Die Zahl der Aktiven ist seit Jahren konstant, viele Leistungsträger sind zwischen 55 und 60 Jahre alt - und in den nachfolgenden Generationen gibt es teils Alterslücken. Wo es ganz eng wird, wie aktuell in Elchesheim-Illingen, setzt man auf Nachbarschaftshilfe. Dennoch seien Werbeaktionen und Ideen zur Entlastung unerlässlich, um die Pflichtaufgabe der Gemeinden auch künftig in gewohnter Weise aufrechterhalten zu können.

Interview

BT:
Herr Schäfer, Tageseinsätze stellen manche Feuerwehren im Landkreis zunehmend vor Probleme. Woran liegt das?

Heiko Schäfer: Ein Problem ist, dass die Menschen oft nicht mehr dort arbeiten, wo sie wohnen - auch viele Mitglieder der Feuerwehr pendeln zum Teil über weite Strecken und sind damit tagsüber nicht verfügbar. Zudem sind viele in ihrem Betrieb Leistungs- und Funktionsträger und können manchmal aufgrund der Betriebsabläufe nicht einfach zum Einsatz los. Aber es ist auch ein demografisches Thema. Viele Leistungsträger in unseren Feuerwehren sind 55 und älter. Und es gibt zwischendrin einige Jahrgänge, in denen wir keinen Nachwuchs gewinnen konnten.

BT: Gibt es denn Ideen, dem entgegenzuwirken?

Schäfer: Es war vor Jahren die richtige Entscheidung, das Eintrittsalter in die Jugendfeuerwehr auf sechs Jahre zu senken. Denn wir stehen natürlich im Wettbewerb zu Vereinen - und versuchen daher, den Nachwuchs möglichst früh zu gewinnen. Dadurch haben wir in den letzten Jahren deutlichen Zuwachs in den Kinder- und Jugendfeuerwehren erhalten - es sind aktuell 1 014 Mitglieder, vor drei bis vier Jahren waren es noch etwa 800. Auswirkungen zeigen sich im sehr geringen Altersdurchschnitt in den Feuerwehren. Der liegt so zwischen 30 und 35 Jahren. Wichtig ist es, die jungen Leute nach dem Übergang in die aktive Abteilung zu binden. In der Kinder- und Jugendfeuerwehr sind sie wöchentlich zusammen und Spiel, Spaß, Spannung sowie das Gruppenerlebnis stehen im Vordergrund. In der Altersabteilung sind die Übungszyklen teilweise weniger und es kommen aufgrund des Alters andere Interessen wie Beruf, Schule, Familie ins Spiel.

BT: Manche ziehen auch weg ...

Schäfer: ... das ist ein wichtiger Punkt, den wir im Kreisfeuerwehrverband angehen wollen: Gegenseitige Information der Feuerwehrverbände, wenn ein Aktiver umzieht. Denn dann kann man die Leute am neuen Wohnort gezielt ansprechen, sich auch dort in der Feuerwehr zu engagieren.

BT: Wie sehen Sie insgesamt das Gefüge im Landkreis. Muss man sich Sorgen machen?

Schäfer: Anlass zur Sorge gibt es noch nicht. Gleichwohl muss man sehr wachsam sein. Wir haben momentan 2 291 aktive Mitglieder in der Einsatzabteilung der Feuerwehren. Die Zahl ist seit Jahren konstant, aber es gibt Alterslücken. Und viele Leistungsträger, die auch tagsüber verfügbar sind, sind aktuell im Alter zwischen 55 und 60. Wenn die wegbrechen, wird es schwierig, das zu kompensieren. Bei der Tagesverfügbarkeit sind die Feuerwehren angewiesen, mit einer Gruppe, also neun Aktiven, binnen zehn Minuten vor Ort zu sein. Das schaffen viele Feuerwehren noch, aber die zweite Gruppe, die dann nachkommen muss, können viele in der Tagesverfügbarkeit nicht mehr bereitstellen. Da muss dann die interkommunale Zusammenarbeit greifen, dass also die Nachbarfeuerwehren Einsatzhilfe leisten.

BT: Ein aktuelles Beispiel ist Elchesheim-Illingen, wo die Feuerwehr die Mindeststärke unterschritten hat. Interkommunale Zusammenarbeit klingt gut, aber das bedeutet natürlich auch, dass Nachbar-Wehren zusätzlich belastet werden. Droht da nicht eine Überbeanspruchung und in der Folge möglicherweise Demotivation der Aktiven?

Schäfer: In dem konkreten Fall ist die Einsatzbelastung aller drei Kommunen (Au am Rhein, Elchesheim-Illingen und Steinmauern) nicht so hoch, dass es zu einer Überlastungssituation kommen wird. Im Gegenteil, es gab eine große Solidarität zu helfen. Denn allen ist bewusst, dass es sie ebenso treffen kann. Das Kirchturmdenken ist bei den Feuerwehren glücklicherweise passé. Aber klar: Das Ziel in Elchesheim-Illingen muss sein, dass Gemeinde und Feuerwehr versuchen, dem Trend entgegenzuwirken und Nachwuchs zu gewinnen, um die Feuerwehr wieder aufzubauen und leistungsfähig zu machen.

BT: Sehen Sie sich und den Kreisfeuerwehrverband da auch gefordert zu unterstützen?

Schäfer: Das muss eine Gemeinschaftsaktion sein. Die Situation in der dortigen Jugendfeuerwehr ist gut, die haben 20 Kinder und Jugendliche. Die gilt es, nun in den aktiven Dienst zu überführen und dafür auszubilden. Wenn es um Lehrgangsplätze geht, da habe ich als Kreisbrandmeister Optionen zu helfen. Es geht aber auch darum, Mitgliederwerbung zu betreiben, beispielsweise junge Väter und Mütter anzusprechen oder andere, um sie für das Ehrenamt in der Feuerwehr zu begeistern. Dann muss man schauen, dass man diese schnell ausbilden kann. Sowieso plant der Kreisfeuerwehrverband eine gemeinsame Aktion zur Mitgliederwerbung - das kann ein weiterer Anstoß sein.

BT: Könnte es ein Weg sein, vermehrt Mädchen anzusprechen?

Schäfer: Mittlerweile ist es eine Selbstverständlichkeit, dass es Frauen in der Feuerwehr gibt. Stollhofen beispielsweise hat eine Abteilungskommandantin. Gleichwohl ist der Anteil der Frauen und Mädchen im Vergleich zu den männlichen Kollegen immer noch verhältnismäßig gering.

BT: Um die Tagesverfügbarkeit zu verbessern, gab es mal Überlegungen, gerade in den Großen Kreisstädten städtische Mitarbeiter anzusprechen, sich in der Feuerwehr zu engagieren. Was ist daraus geworden?

Schäfer: Eine Überlegung von unserer Seite ist eher, ob es möglich ist, aktive Feuerwehrleute, die in einem anderen Ort/Stadt arbeiten, dort in die Feuerwehr so zu integrieren, dass sie für Tageseinsätze zur Verfügung stehen.

BT: Wird man die ehrenamtliche Feuerwehr dauerhaft aufrechterhalten können?

Schäfer: Ich denke schon. Das ist schließlich eine Pflichtaufgabe der Kommunen, und ich kann mir nicht vorstellen, wie das sonst funktionieren sollte, geschweige denn finanziert werden könnte. Unser ehrenamtlich getragenes Feuerwehrwesen ist einmalig. Dieses System auf dem hohen Niveau durch ein hauptamtliches Feuerwehrwesen zu ersetzen, wäre nicht finanzierbar.

Aber man muss natürlich auch schauen, wie man die kleiner werdende Anzahl der ehrenamtlichen Kräfte entlasten kann - beispielsweise indem die Wartung technischer Geräte von den größeren Feuerwehren wie Rastatt, Bühl oder Gaggenau als Dienstleistung übernommen werde. Über solche Konzepte und Strukturen denken wir im Landkreis gerade nach.

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