Ein Bahnhof für einen Euro

Ein Bahnhof für einen Euro

Durmersheim (HH) - Strahlend weiß steht der Bahnhof Durmersheim da. Der heruntergekommene Zustand des Gebäudes ist Vergangenheit. Die gründliche Instandsetzung, die den Ausbau des Dachgeschosses umfasste, ist weitgehend abgeschlossen. Mit dem Wettbüro im einstigen Wartesaal ging am Dienstag das erste Geschäft im Erdgeschoss in Betrieb, ebenfalls diese Woche soll die Raucherbar "Dampflok" eröffnen.

Die von einem Unternehmer vorgenommene Sanierung des mehr als zehn Jahre leer stehenden Bahnhofs war auch in finanzieller Hinsicht ein schwieriges Unterfangen. Diese Seite des Projekts kam in den v ergangenen Monaten im Zusammenhang mit den lebhaften Diskussionen zum Vorschein, die im Gemeinderat über die neuen gewerblichen Nutzungen geführt wurden. So war im Juli dieses Jahres im Mitteilungsblatt der Gemeinde ein Beitrag der BuG abgedruckt, dem zufolge mehrere erfolglose Versuche unternommen worden seien, den Bahnhof "zu vermarkten". Erst "nachdem der Kaufpreis (symbolisch) auf einen Euro festgesetzt wurde", habe man "doch noch ein Angebot" bekommen.

Gerüchteweise machte der Verkaufspreis schon lange die Runde. Die Ein-Euro-Entscheidung des Gemeinderats war das Resultat einer längeren Vorgeschichte. Die Kommune hatte den Bahnhof 2003, als Rüdiger Schäfer Bürgermeister war, für rund 228 000 Euro von der Deutschen Bahn gekauft. Wie Bürgermeister Andreas Augustin nach der Veröffentlichung der BuG-Fraktion auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, seien in dem damaligen Preis auch die Parkplatzfläche südlich des Gebäudes und das Gelände nördlich davon bis ans Ende der Bahnhofstraße enthalten gewesen, die als Sackgasse aufhört.

Augustin bestätigte nicht nur den Symbolpreis von einem Euro, sondern auch einen Sanierungszuschuss der Gemeinde von 40 000 Euro an den Käufer. Die Entscheidung war im November 2017 in nichtöffentlicher Sitzung getroffen und vorschriftsmäßig öffentlich bekannt gemacht worden. Augustin hob aber hervor, dass der Investor für den Boden, auf dem der Bahnhof steht, habe bezahlen müssen. Zur Liegenschaft gehören auch einige Parkplätze neben dem Gebäude. Der Betrag für die Gesamtfläche sei nach dem aktuellen Bodenrichtwert bemessen worden, erklärte Augustin. In der entsprechenden Rubrik auf der Internetseite der Gemeinde ist der Wert für den betreffenden Ortsbereich mit derzeit 235 Euro pro Quadratmeter angegeben. Es war, wie bereits berichtet, die Wohnbau Kunz GmbH, die sich erbarmte, die marode Immobilie zu sanieren.

Investor Michael Kunz bezifferte gegenüber unserer Zeitung nach der Gemeinderatssitzung im Juli den an die Gemeinde entrichteten Grundstückspreis auf "150 000 bis 160 000 Euro". Auch bezüglich der Sanierungskosten für das Bahnhofsgebäude nannte er konkrete Zahlen. Die Gesamtinvestition belaufe sich auf 1,4 Millionen Euro. Weitere 100 000 Euro gebe er für die Einrichtung eines Cafés im Erdgeschoss aus. Kunz bestätigte insoweit frühere Angaben der SPD-Fraktion, die von einer "siebenstelligen Summe" berichtet hatte, die der Bauherr investiere.

Zu den Hindernissen beim Wiederverkauf gehörte offenbar auch, dass die Bahn immer noch ein altes unbesetztes Stellwerk unterhält. Es beansprucht zwei Räume, die der neue Besitzer nicht antasten darf. Noch ungewiss ist, wann das geplante Tagescafé eröffnet werden soll. Die Räumlichkeiten mitsamt einem Außenbereich für rund 20 Plätze stehen bereit. Vor drei Monaten war bereits die Verpflichtung eines Pächters bekannt gegeben worden. Wie Kunz vor wenigen Tagen gegenüber dem BT bedauerte, sei der Interessent abgesprungen. Man suche einen neuen Partner. Auch ein Eiscafé käme in Frage.

Der Unternehmer wünscht sich, dass die negativen Schlagzeilen über den alten Bahnhofszustand, schnell vergessen sind und das sanierte Objekt als Bereicherung begriffen wird. Bürgermeister Augustin gab sich überzeugt, dass die Gemeinde letzten Endes ein gutes Geschäft gemacht habe.

Beim Debattieren über den Bahnhof wurde im Gemeinderat von Durmersheim immer mal wieder das Gegenstück in Bietigheim mit Café und Rösterei als nachahmenswertes Vorbild bemüht. In der jüngsten Sitzung zum Thema, die Ende Juli stattfand, wurde aber daraufhingewiesen, dass die Nachbargemeinde für die Sanierung ihres Bahnhofs Mittel aus dem Landessanierungsprogramm habe einsetzen können. In Durmersheim habe man sich entschieden, die Gelder aus diesem Programm anderweitig einzusetzen: Für die Neugestaltung der Hauptstraße und den Hildaplatz etwa.

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