Bausparvertrag für Gibson-Gitarre aufgelöst

Bausparvertrag für Gibson-Gitarre aufgelöst

Von Markus Koch

Steinmauern - "Dialekt war eigentlich nie so mein Ding", gesteht Johann Florian. Der 71-jährige Gitarrist und Sänger hat jahrzehntelang bevo rzugt englische Songs gespielt, doch nun hat er sich mit dem Lied "Dei Hirn isch in Urlaub" beim Mundartwettbewerb "De gnitze Griffel" des Regierungspräsidiums beworben und ist in dieser Kategorie auf Anhieb auf dem dritten Platz gelandet.

Florian wuchs in Steinmauern auf und ging nach der Volksschule in Rastatt aufs Ludwig-Wilhelm-Gymnasium. "Als Bub vom Dorf hatte man dort bei manchen Lehrern ein Etikett. Es wurde einem gesagt, dass man Hochdeutsch sprechen soll", berichtet Florian.

Die Liebe zur Musik hat er bereits im Kindesalter entdeckt, mit neun Jahren begann er mit dem Akkordeonspiel. Seine Schwester spielte damals Gitarre und es reizte ihn, das Instrument auszuprobieren. Er brachte sich selbst einige Griffe bei und nahm zusätzlich noch Unterricht. Die Gitarre sei das passende Instrument für die Rock- und Pophits der 1960er Jahre gewesen, blickt der Steinmauerner im BT-Gespräch zurück. Zu seinen musikalischen Vorbildern zählen die Soul-Legende Ray Charles, der Jazz-Gitarrist Joe Pass und der Jazz-Pianist Mose Allison.

Und dann kam jener Polterabend Anfang der 80er Jahre, bei dem er eine Gibson, Baujahr 1957, angeboten bekam: "Ich war Student und hatte kein Geld, wollte aber unbedingt diese Gitarre haben." Florian beschloss, seinen Bausparvertrag aufzulösen, um an die Kult-Gitarre zu kommen. "Du schpinnsch", lautete die Resonanz im Freundeskreis, doch der Entschluss war gefasst. Seither spielt Florian begeistert auf seiner Gibson, unter anderem im Quartett "La Rosée", das sich auf Chansons spezialisiert hat. Des Weiteren tritt er auch hin und wieder mit anderen Musikern bei Festen auf, wie es sich gerade ergibt. Und nicht zuletzt macht er auch gerne mit seinen erwachsenen Kindern Constanze, Melchior, Paolo und Valentin mal eine "Session".

Florian beherrscht aber nicht nur die Gitarre, er hat sich auch in afrikanisch-brasilianischer Perkussion ausbilden lassen und spielt in der Formation Tam-Tam-Tankstelle mit. Über einen Auftritt bei den Naturfreunden kam der Kontakt zur Mundartautorin Brigitte Wagner zustande, die ihn dazu ermunterte, doch auch mal in Mundart zu singen. Gesagt, getan: Florian nahm das Lied "Your mind is on vacation"von Mose Allison, übersetzte es ins Badische, und fertig war sein Wettbewerbsbeitrag "Dei Hirn isch in Urlaub". Mit diesem Lied kritisiert er Zeitgenossen, die unaufhörlich plappern: "Do sitsch un blärrsch mir voll ins Gsicht/I denk, I setz di mol ins rechte Liecht/Wenn Schweige Gold wär, donn wärsch du än armer Hund/weil dei Hirn isch in Urlaub un dei Gosch macht ä Iwwerstund."

Florian war nicht sein ganzes Leben in Steinmauern: Nach der Schule begann er zunächst eine Verwaltungsausbildung im Landratsamt Rastatt. Doch er merkte bald, dass dies nicht sein Ding war, und ließ sich an der Elly-Heuss-Schule zum Erzieher ausbilden. Anschließend studierte er Sozialpädagogik in Freiburg. Nach Stationen in Baden-Baden und Darmstadt kam er zurück nach Steinmauern und unterrichtete von 1992 bis 2010 angehende Erzieherinnen an der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Bühl. Steinmauern ist seine Heimat, hier fühlt er sich "sehr wohl". Doch Florian fasst den Begriff noch weiter, er will ihn nicht auf einen Ort beschränken: "Ich schätze die Gegend hier, das Kulturangebot in Karlsruhe, den Schwarzwald und die Nähe zu Frankreich. Ich gehe dreimal in der Woche nach Rastatt auf den Wochenmarkt und treffe mich meist noch mit Freunden zum Kaffeetrinken", verdeutlicht der Steinmauerner. Wenn er mit seinen früheren Schulfreunden zusammenkommt, dann wird badisch gebabbelt. Florian schätzt mittlerweile den Dialekt, der "manche Phänomene besser auf den Punkt bringen kann als die Hochsprache, in Details ist er teilweise überlegen", urteilt er. Reizvoll findet er auch, dass manche Begriffe mehrere Bedeutungen haben, etwa "gnitz". Damit könne man im positiven Sinne eine gewitzte und schlaue Person charakterisieren, es gibt aber auch Zeitgenossen, die "zu gnitz zum Rüberupfen" sind, sich also vor unangenehmer Arbeit drücken. "Ich weiß nicht, ob es gelingt, den Dialekt zu erhalten, denn schon im Kindergarten wird Hochdeutsch gesprochen und auch in unserem Bildungssystem", blickt der 71-Jährige etwas skeptisch in die Zukunft.

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