"Macke, Macke" mit überraschendem Schluss

'Macke, Macke' mit überraschendem Schluss

Von Xenia Schlögl

Rastatt - Seien wir ehrlich: Fast jeder kennt sie, die harmlosen Alltagszwänge. Das mehrfache Überprüfen, ob Licht/Strom/Wasser auch wirklich abgestellt sind, die Tageszeitung von hinten nach vorne beginnend zu lesen, morgens mit einem bestimmten Fuß aus dem Bett aufzustehen oder den Tag mit einem Glas warmer Milch ausklingen zu lassen. Wir alle entwickeln eigene Rituale, um Kräfte zu sparen und Ordnung in unser Leben zu bringen, sei es zu Hause, im Beruf oder im Urlaub. Das ist menschlich und nicht unbedingt unvernünftig.

Aber was passiert, wenn zu viele Zwänge die Lebensqualität verschlechtern, die eigene persönliche Entwicklung auf der Strecke bleibt und zwischenmenschliche Beziehungen Schaden nehmen? Diesen Fragen ging das Esprit-Theater in seiner Premierenvorstellung der Komödie "Macke, Macke" auf humorvolle Weise auf den Grund. Ensemblemitglied und Regisseur Markus Sutmöller inszenierte das Stück nach der Vorlage des französischen Autors Laurent Baffie. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen und drei Männer, die an unterschiedlichen Macken und Zwangsstörungen leiden. Sie alle treffen im Wartezimmer des bekannten Psychiaters Dr. Stern aufeinander.

Im Zentrum des Geschehens steht der 73-jährige Fred, der ungewollt verbale Obszönitäten von sich gibt und gerne Anwalt geworden wäre. Ralph Hammerstiel spielt sich mit seiner Darstellung den an einem Tourettesyndrom leidenden Fred von Anfang an in die Herzen der Zuschauer. Zu ihm gesellen sich Timo Treiber als energischer Taxifahrer Vincent, der an Arithmomanie leidet und in Sekundenschnelle die tägliche Anzahl an Freds Beleidigungen vorrechnen kann. Lena Golis gibt die unsichere Blanche, die ihre Umgebung mit ihrem Waschzwang nervt. Die Protagonistin Marie wird von Sybille Huber gespielt, die einen fast unerträglichen Kontroll- und Religionszwang ausübt, während Claudia Heberle als Lili an Palilalie und Echolalie leidet, dem Drang eigene Sätze und Wörter und die des Gegenübers permanent zu wiederholen. Das Sextett vervollständigt Matthias Kuchta als junger Computernerd Bob, der an Symmetriebesessenheit leidet und erstaunlicherweise unfähig ist, Linien auf dem Boden zu übertreten.

Ungeduld macht sich breit, als die Praxishilfe (Nathalie Schurz) mitteilt, dass sich Dr. Stern aufgrund von Problemen am Flughafen verspäten wird. Diese ungewollte Wartezeit bringt die Patienten an ihre Grenzen, denn sie müssen nicht nur in einem Raum ihre eigenen Ängste und Neurosen ertragen, sondern auch die der anderen.

In dieser spannungsgeladenen Atmosphäre treten die Protagonisten die Flucht nach vorne an und beginnen eine Gruppentherapie, in der sie das Gesellschaftsspiel Monopoly spielen. Versunken im Spiel und in der Interaktion mit den anderen, vergessen sie für eine Weile ihre eigenen Phobien. Sie lernen, einander auszuhalten, und am Ende wird keiner den Raum so verlassen, wie er ihn betreten hat.

Mit dem Stück "Macke, Macke" ist dem gut aufspielenden Ensemble ein unterhaltsames Plädoyer gelungen, den eigenen Schrullen und denen der Mitmenschen mit Nachsicht zu begegnen. Gekonnt verpackt hat Regisseur Sutmöller dies in einer feinen und leisen Komödie, die mit einem überraschenden Ende aufwartet und auch ein zweites Mal sehenswert ist.

Weitere Aufführungen im Kellertheater finden am 6., 9., 14., 16., 21., 22. und 23. November um 20 Uhr statt, die Sonntagsvorstellungen am 10. und 17. November beginnen um 18 Uhr. Barrierefrei wird das Stück am 6. und 21. November gezeigt.

www.esprit-theater.de

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