Ein kleiner Junge, "der in kein Raster passt"

Ein kleiner Junge, 'der in kein Raster passt'

Von Sabine Wenzke

Rastatt - Sie sieht erschöpft aus, die Haut ist blass, der schmale Körper wirkt zerbrechlich. Wann sie das letzte Mal durchgeschlafen hat, daran kann sich Annalena nicht mehr erinnern. Den angebotenen Muntermacher lehnt sie dankend ab: "Ich brauche keinen Kaffee, ich habe Kinder", sagt sie und versucht ein zaghaftes Lächeln. Und dann erzählt sie mit fester Stimme von Ben, der acht Jahre alt und so ganz anders ist, als die Kinder in seinem Alter.



Von dem Jungen, der in seiner eigenen Welt lebt, der sich schon in der inklusiven Kindertagesstätte zunehmend isolierte und bei dem schließlich 2017 Autismus (Asperger Syndrom) diagnostiziert wurde. Für den sie sich von Herzen einen reizarmen Ort mit schulischer Förderung wünscht, "an dem er zur Ruhe kommen und sich entfalten kann, mit den Möglichkeiten, die ihm gegeben sind". Bisher vergeblich. "Denn Ben passt durch seine Verhaltensauffälligkeiten in kein Raster und wurde bislang von allen angefragten Einrichtungen in Baden-Württemberg abgelehnt", erzählt Annalena. Die Familie ist verzweifelt, sie lebt nicht mehr, sie funktioniert nur noch.

Die Spitze



des Eisbergs

Annalena und Ben heißen in Wirklichkeit ganz anders, die Redaktion hat aber aus Rücksicht auf die Familie und die Kinder die Namen geändert, um diese Geschichte erzählen zu können, die nur die Spitze des Eisbergs ist.

Ben, der jetzt Pflegegrad IV hat, nässt und kotet ein und verschmiert Exkremente oft nachts auch an Wänden, erzählt die 28-Jährige nur zögerlich von einigen Details. Morgens um 5 Uhr beginnt der Tag für die junge Frau erst einmal damit, die nächtliche Bescherung zu beseitigen. Annalena ist wichtige Bezugsperson für den Jungen, bei dem schon kleinste Veränderungen in der Alltagsroutine massive Wutanfälle auslösen können, die teilweise auch mit selbstverletzendem Verhalten einhergehen. Er hat keinen geregelten Tages- und Nachtrhythmus, schläft drei bis vier Stunden und ist dann wieder wach. Er hat mehrere ambulante Therapien hinter sich gebracht, stand lange auf der Warteliste für eine Autismustherapie - und hat jetzt dafür immerhin einen ersten Kennenlerntermin erhalten.

2017 sollte er eingeschult werden, doch weil er so schmächtig und klein ist - der Junge misst nur 1,04 Meter - wurde dies um ein Jahr verschoben. Ben passe in keine Schule für geistig Behinderte, er sei "geistig zu fit und kognitiv zu schlau", bringe aber durch seine Verhaltensweisen auch "zu viele Päckchen mit", um es in einer Einrichtung für Menschen mit seelischer Behinderung zu schaffen, erläutert Annalena.

Im März dieses Jahres kam Ben in ein Lernprojekt der Heinz-von-Förster-Schule in Rastatt. Eine sehr kompetente Schulbegleiterin, so berichtet Annalena, kam dazu für 15 Stunden pro Woche nach Hause. Allerdings musste auch Annalena immer dabei sein. Ben mache Fortschritte, solange Stabilität für ihn gewährleistet werden kann, hieß es in der fachlichen Einschätzung. Aber auch, dass er erheblich mehr Sicherheit, Struktur, Konstanz und Belohnungen benötige als gewöhnlich. Im Sommer wurde das Lernprojekt dann abgebrochen, da sich der Junge zu diesem Zeitpunkt verweigerte. Danach erhielt er den Status "nicht beschulbar". Wie es mit der Beschulung weitergeht, soll nun bei einem "runden Tisch" geklärt werden, wurde Annalena mitgeteilt, die sich rund um die Uhr um den Jungen kümmert.

Die Situation ist schwierig, der Alltag anstrengend geworden in der Patchworkfamilie, die zu zerbrechen droht, wenn es keine Hilfe gibt. Ben ist nicht Annalenas leibliches Kind, "aber für mich ist er mein Sohn", betont die junge Frau mit Nachdruck in der Stimme, denn diesen kleinen Jungen, den liebt sie bedingungslos.

Seit 2015 ist sie mit Bens Vater verheiratet, Annalena hat ihre heute neunjährige Tochter mit in die Ehe gebracht. Die Ehepartner haben auch einen gemeinsamen dreijährigen Sohn. Zu fünft leben sie in einer Vier-Zimmer-Wohnung, jedes Kind hat sein eigenes Zimmer. Das Geld ist knapp.

Zudem zerren Altlasten aus der Vergangenheit an den Nerven: Ein Kredit, der noch abzubezahlen ist, das immer wieder zermürbende Gerangel um das Umgangsrecht beziehungsweise Sorgerecht mit der leiblichen Mutter vor Gericht und die damit verbundenen Aufregungen. Und ganz nebenbei managt die 28-Jährige noch den Familienalltag mit all seinen Anforderungen und Sorgen, der auch für die anderen Kinder nicht einfach ist.

Ihre Tochter könne keine Spielkameraden mit nach Hause bringen und auch ansonsten gebe es aufgrund der Verhältnisse keine Besuche von Freunden oder Bekannten. "Wir kapseln uns sozial ab", meint Annalena traurig, auf der alles lastet und bei der sich die Frage stellt, woher die junge Frau, die gerade mal knapp 40 Kilo wiegt, die Kraft und Energie hernimmt für diesen großen alltäglichen Kampf. Da sie weder einen Führerschein noch ein Auto besitzt, legt sie alle erforderlichen Fahrten zu den Behörden, Ärzten und zum Einkaufen für die Familie mit dem Fahrrad nebst Fahrradanhänger zurück. Da kommen pro Woche etliche Kilometer zusammen. Dass sie seit ihrem Fahrradunfall 2017 immer wieder mit Rückenproblemen zu kämpfen hat, wenn der Stress besonders groß ist, wischt sie indes einfach weg. Freilich: "Es gibt schon Momente, in denen ich verzweifle. Dann ziehe ich mich ins Bad zurück, damit es niemand merkt", offenbart die zarte Mutter für einen flüchtigen Moment ihre Verletzlichkeit und kämpft tapfer mit den aufsteigenden Tränen. Doch sie muss stark sein für alle, das weiß sie. Ein wenig Ruhe findet sie nur abends, wenn die anderen schlafen. Dann näht sie bis tief in die Nacht hübsche Sachen, die sie auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen will, um die Haushaltskasse etwas aufzubessern.

Annalena hat im Februar ihr Maß- und Schneideratelier schließen müssen, ihr Mann, der schon viele Rückschläge in seinem Leben einstecken muste, ist psychisch erkrankt, sein Arbeitsvertrag wäre Ende Oktober ausgelaufen. Als sein Chef Philipp Götz, Geschäftsführer der Firma Götz Maschinenbau in Ötigheim, von dem bewegenden Schicksal der Familie erfuhr, verlängerte er umgehend den Arbeitsvertrag: "Da muss man einfach helfen, außerdem ist er ein guter Mitarbeiter", sagte er im BT-Gespräch. Die Familie ist dankbar dafür, weil damit nicht noch eine weitere Baustelle aufgerissen wird.

Seit mehr als drei Jahren währt bereits die Suche nach einer passenden Einrichtung für Ben, in acht Häusern sei er persönlich vorgestellt worden, bilanziert Annalena. Und danach hieß es meist immer warten. Quälende Wochen voller Hoffen und Bangen - bis die Absage kam und damit wieder eine Enttäuschung. Die Fahrt zu den Einrichtungen bedeute jedes Mal einen großen Aufwand, denn Ben nimmt man nicht einfach mal so mit auf einen Termin. Er müsse tagelang darauf vorbereitet werden.

Familie fühlt sich



zunehmend überfordert

Die Behörden, besonders der Allgemeine Soziale Dienst Rastatt-Stadt im Landratsamt, setze sich zwar ein ("was da schon alles geschrieben wurde, das ist der Wahnsinn", lobt Annalena) - mit einer passenden Einrichtung wirklich helfen konnte bisher aber niemand. "Die Stellen wissen auch nicht, wo sie Ben unterbringen sollen", konstatiert die junge Frau. Und so fühlt sich die Familie trotz allem allein gelassen im Alltag, der bewältigt werden muss, und zunehmend überfordert.

Hinzu kommt die Sorge, dass auch die Geschwister immer mehr unter der Situation leiden und sich negativ entwickeln könnten.

Schon mehrfach sei sie gefragt worden, warum sie "dies alles" als Stiefmutter auf sich nehme, berichtet Annalena und dabei schwingt Empörung in ihrer Stimme mit. Denn für sie ist die Antwort glasklar: "Ich liebe meine Familie und möchte, dass es ihr gut geht."

Annalena will Ben nicht abschieben. Sie will aber, dass er endlich eine Chance bekommt, in einer Einrichtung Aufnahme findet, dort gefördert wird und zeigen kann, "was für ein toller Junge er ist. Das ist er wirklich", bekräftigt sie - und dann fließen doch noch Tränen.

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