Kurze Nächte ganz ohne süße Träume
12.05.2018 - 07:30 Uhr
Von Michael Ihringer

Präsident und Gourmet-Restaurantbesitzer Fritz Keller empfahl zur Nervenberuhigung vor dem "Endspiel" den Gang in den Weinkeller: "Vielleicht ein Glas Spätburgunder am Abend mehr." Das gilt für Nils Petersen gewiss nicht. Ihm schwante in den letzten Tagen vor dem letzten Bundesliga-Spieltag heute aber auch ohne Alkoholzufuhr: "Das werden kurze Nächte, in denen man darüber nachdenkt, was alles passieren kann." Süße Träume klingen anders. Der Stürmer des SC Freiburg dachte dabei wohl vor allem an das Drama vor drei Jahren in Hannover, als man nach einem 1:2 den bitteren Gang in die zweite Liga antreten musste.

Sollte das letzte Heimspiel heute gegen den unberechenbaren FC Augsburg verloren gehen und Wolfsburg gegen Köln gewinnen, sind die Südbadener zwar noch nicht abgestiegen, die Enttäuschung wäre indes vergleichbar mit jener damals in Niedersachsen, müsste man doch dann nächsten Donnerstag und den darauf folgenden Montag stressige Überstunden in den zwei Relegationsspielen gegen die ebenso unberechenbare Zweitliga-Überraschungsmannschaft von Holstein Kiel schieben. Diesen schweren Rucksack will man partout nicht noch tagelang mit sich herumschleppen.

Die Saison war nervenaufreibend genug. Neben der chronischen Auswärtsschwäche - nur ein Sieg in Köln - führten gerade die drei miserablen Leistungen in den Schlüsselspielen gegen die direkten Konkurrenten in Mainz (0:2), Hamburg (0:1) und zu Hause gegen Wolfsburg (0:2) zu dieser trügerischen und gefährlichen Situation. Mehrfach hatte man die Chance, die extrem schwere Spielzeit zu einem guten Ende zu bringen - wäre man sich nicht oft selbst im Weg gestanden.

Vor diesem Hintergrund überrascht auch das ständige Gedöns über umstrittene Schiedsrichterentscheidungen und die fünf Dunkelmänner im Kölner Videobeweis-Bunker nicht. Bis auf die Kuriositätennummer in Mainz, als die Südbadener bereits zur Pause in der Kabine weilten, ehe sie aufgefordert wurden, zurück aufs Feld zu kommen und ein Elfmeter gegen sie verhängt wurde, waren die anderen Urteile bisweilen umstritten, aber auch nicht falsch. "Das müssen die Leute verantworten, die das tun", giftete Trainer Christian Streich, "Woche für Woche" werde sein Team benachteiligt. Der stets besonnene Sportvorstand Jochen Saier traf da schon eher des Pudels Kern: "Wir haben selbst Probleme, das ist das Hauptproblem."

Der permanent unter Starkstrom stehende Streich muss freilich personell das auslöffeln, was ihm andere eingebrockt haben. Denn aus eigenen Stücken hat er sicher nicht Maximilian Philipp abgegeben. Und genau hier liegt wohl das Kardinalproblem: Nach der überragenden Vorsaison mit Rang sieben und dem frühzeitig feststehenden Wechsel von Vincenzo Grifo nach Mönchengladbach traf der Abgang auch des zweiten Offensivkönners nach Dortmund den Verein bis ins Mark - für die SC-Rekordablösesumme von 20 Millionen Euro, die im Hinblick auf den bevorstehenden Stadionneubau wie gerufen kam. Doch während der Sport-Club in der Vergangenheit schon so manchen Schnäppchen-Deal abwickelte, lag man diesmal mit den Neuzugängen so ziemlich daneben. Die überragenden Leistungsträger Grifo und Philipp, der selbst beim heftig kriselnden BVB oft trifft, konnten nicht ansatzweise ersetzt werden.

Der junge Pole Bartosz Kapustka setzte sich im Mittelfeld nicht wie gewünscht in Szene, der ausgeliehene Engländer Ryan Kent wurde nach peinlichen Kurzzeitauftritten in der Winterpause gleich wieder abgegeben. Der Franzose Yoric Ravet zeigte gute Ansätze, wurde durch Verletzungen aber mehrfach zurückgeworfen. Und der im Herbst verpflichtete Lucas Höler ist zwar bienenfleißig, hat Top-Laufwerte, doch je näher er dem Strafraum kommt, desto weniger sieht man ihn. Gegen Köln gelang ihm aus knapp einem Meter sein erstes Saisontor. Damit reiht er sich ein in die Harmlosigkeit seiner Offensivkollegen Tim Kleindienst (1) und Florian Kath (1). SC-Boss Fritz Keller musste in Hamburg eingestehen: "Unsere Grundproblematik ist klar: Wir verwerten unsere Torchancen nicht."

Der Sport-Club wäre auch nicht Freiburg, wenn das Verletzungspech nicht wieder gnadenlos zugeschlagen hätte. Kaum war Philipp abgegeben, verletzte sich der zuverlässige Stürmer Florian Niederlechner gleich zum Start mit einem Kniescheibenbruch so schwer, dass er die gesamte Spielzeit ausfiel. Auch die fünfmonatige Auszeit von Mittelfeldführungsfigur Mike Frantz traf den Verein knüppelhart.

Lebensversicherung Nils Petersen

Man muss nicht um den heißen Brei herumreden: Hätte Lebensversicherung Nils Petersen mit seiner individuellen Klasse und dem unnachahmlichen Torinstinkt nicht 15 Mal ins Schwarze getroffen - damit ist der Publikumsliebling in der Bundesliga die Nummer zwei hinter Robert Lewandowski -, wären die Breisgauer schon jetzt mausetot. "Der Nils kann auch nicht immer alle Tore schießen", beklagte Streich selbst die Abhängigkeit von einem Spieler.

Petersen muss immer treffen, möglichst heute nochmal. Routinier Julian Schuster, der mehrere Auf- und Abstiege schon mitmachte, wusste nach der Niederlage in Mainz, was auch im letzten Spiel der Spiele vonnöten ist. "Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, dass die Mannschaft zusammenhält. Das können wir jetzt beweisen." Heute ist ein perfekter Tag, um seinen Worten Taten folgen zu lassen.

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