Fußball aus dem Schacht
Wiedersehen: Neben Dimitrij Nazarov spielen auch die Ex-Karlsruher Pascal Köpke und Dennis Kempe in Aue.  Foto: GES
15.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Christoph Ruf

Wer die Tatsache veranschaulichen will, dass Aue wirklich die mit Abstand kleinste Stadt mit einem Fußball-Erst- oder Zweitligisten ist, hat viele Möglichkeiten: Er kann die Einwohnerzahl nennen (16300). Oder darauf verweisen, dass man bei guter Verkehrslage in zwei bis drei Minuten vom einen zum anderen Ende der Stadt gefahren ist. Oder darauf, dass es (fast) alles, was städtisches Leben ausmacht, auch in Aue gibt - aber eben jeweils nur ein Mal: Ein griechisches Restaurant. Ein Kino. Und ein Hotel.

Beim "Blauen Engel" handelt es sich allerdings um einen Prachtbau aus dem 17. Jahrhundert. Der Sohn des Hauses, Benjamin Unger, ist als Koch hochdekoriert - und hat selbstverständlich auch einen Bezug zum lokalen Fußballverein: Unger war früher Torwart beim Nachwuchs des FC Erzgebirge. Nun beherbergt er seit vielen Jahren im "Blauen Engel" die jeweiligen Trainer und so manchen Spieler des Vereins, der im Volksmund immer noch "Wismut" genannt wird. Den ein oder anderen Unsympathen haben die Ungers schon untergebracht, Details auszuplaudern, verbietet allerdings das Berufsethos. Über die letzten beiden Trainer ist Unger ohnehin voll des Lobes. Selten habe er einen anständigeren Menschen als Domenico Tedesco erlebt, den Coach, der mit Aue in aussichtsloser Situation den Klassenerhalt geschafft hat und von Schalke 04 entdeckt wurde. Auch der jetzige Trainer Hannes Drews ist so ganz nach dem Geschmack von Unger: Höflich, freundlich. Und kein Großmaul, das sich für wichtiger hält als es ist.

Heute in einer Woche ist im "Blauen Engel" kein Zimmer mehr zu bekommen. Unmittelbar nachdem der FC Erzgebirge als Relegationsgegner des Karlsruher SC feststand, liefen die Telefone heiß. Sympathisanten der Badener waren am anderen Ende der Leitung, aber auch Exil-Sachsen, denen man die Empörung über die Ereignisse vom Sonntagnachmittags an der Stimme anhören konnte.

Gegen harmlose Darmstädter waren die Sachsen das bessere Team gewesen, doch der unerfahrene Referee versagte einem regulären Auer Treffer die Anerkennung und verweigerte einen klaren Handelfmeter. In drei der letzten vier Spiele hatte der FCE - wie bereits gegen Bochum und Duisburg - also Punkteinbußen aufgrund von Schiedsrichterfehlentscheidungen. "Das war jetzt innerhalb von vier Wochen die dritte klare Fehlentscheidung gegen uns", stöhnte Trainer Drews, Und Präsident Helge Leonhardt sprach gar von einer "bodenlosen Sauerei und Frechheit." Aue sei "verschaukelt worden, warum auch immer. "Ich weiß nicht, ob es fahrlässig oder vorsätzlich war." Ein parteiloser Stadtrat aus Aue wittert gar den "Anfangsverdacht des Betrugs" und hat eine Klage angekündigt (siehe: "Im Blickpunkt").

Am Freitag haben die Auer in Karlsruhe im ersten Relegationsspiel die Gelegenheit zu zeigen, dass ihre Auswärtsschwäche nicht der zweite Fluch ist, der über dieser Spielzeit hängt. Lediglich 14 Punkte und nur 17 Treffer gelangen ihnen während der Saison. Dabei ist Aue eine Mannschaft, die zwar den Working-class-Kult in Vereinslied ("Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht") und Außendarstellung kultiviert, unter Drews aber zu einer Mannschaft mit Spielkultur gereift ist. Zusammen mit Teams wie Dresden, Bochum oder Nürnberg zählt der FCE mit seinem auf Ballbesitz beruhenden Fußball zu den Ausnahmeerscheinungen in einer Liga, in der Konterfußball und weite Bälle gern gesehen sind.

Zu den Leistungsträgern des Teams gehört Keeper Martin Männel, der seit zehn Jahren im Verein ist und trotz seiner geringen Körpergröße von 1,84 m einer der besten Keeper der zweiten Liga ist.

Auch Christian Tiffert, der seine Profikarriere vor über 18 Jahren bei TeBe begann und zwischenzeitlich auch in Stuttgart und Kaiserslautern spielte, zählt zu den Köpfen der Mannschaft. Die meisten Angriffe führen über ihn. Weitere wichtige Spieler im Team sind zwei ehemalige Karlsruher: Pascal Köpke, dem man im Badischen 2015 die Zweitligatauglichkeit absprach, traf in dieser und in der vergangenen Saison jeweils zehn Mal. Neben ihm spielen Ex-KSC-ler Dimitrij Nazarov und Sören Bertram im von Drews favorisierten 5-2-3-System. Auch in der Abwehr mischt ein Ex-Karlsruher mit, Dennis Kempe nämlich.

Gut möglich, dass weder die elf Auer noch die elf Karlsruher Spieler vor dem ersten Spiel am Freitag (18.15 Uhr/live im ZDF) dem größten Stress ausgesetzt sind. In der Haut eines Schiedsrichters, der in einer kniffligen Situation erneut gegen Aue entscheidet, möchte nach dem derzeitigen Medienecho auf das Darmstadt-Spiel wohl niemand stecken. Der DFB jedenfalls dürfte gut beraten sein, einen seiner erfahrensten Referees zu schicken. Es muss ja nicht gleich Manuel Gräfe sein.

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