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Gejagt wie nie
16.06.2018 - 00:00 Uhr
Genug geredet - jetzt müssen Joachim Löw und die Goldjungs von 2014 zum Auftakt einer beschwerlichen Russland-Reise ihr wahres fußballerisches Leistungsvermögen offenbaren. Die Vorbereitung lief holprig, die öffentliche Aufregung um Mesut Özil und Ilkay Gündogan kostete Energie. Aber gegen Mexiko soll trotzdem der erste Schritt zur historischen Titelverteidigung gelingen. "Endlich geht's los", lautete zwei Tage vor dem Anpfiff für den Weltmeister der Standardsatz im Teamquartier von Watutinki, wo der Bundestrainer alle 23 fitten Akteure abgeschirmt von der Außenwelt in Sitzungen und geheimen Taktikeinheiten auf den Tag X einschwört. "Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg", sagte Löw. "Übermenschliche Kräfte" seien nötig, um wieder Champion zu werden.

Teammanager Oliver Bierhoff konnte Positives aus dem Innenleben kundtun. Die Spieler haben aus den mauen Tests gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) Schlüsse gezogen. Kurzum: Sie haben kapiert! "Gerade die erfahrenen Spieler haben das Tempo angezogen", bestätigte Bierhoff. Immerhin schieden drei der letzten vier Weltmeister bei der nächsten WM in der Vorrunde aus. "Die Gefahr besteht immer, gerade wenn man viel Potenzial hat und denkt, die Dinge kommen von alleine", warnte der Ex-Nationalspieler.

Die Brasilien-Champions und internen Anführer wie Kapitän Manuel Neuer, Mats Hummels, Sami Khedira oder Toni Kroos hätten seit der Ankunft in Russland "den Fokus noch stärker drauf gerichtet, von der ersten Sekunde an im Spiel da zu sein". Das sei extrem wichtig, führte Bierhoff aus: "Im Spiel kann man manchmal auch nicht mehr umschalten." WM-Neuling Joshua Kimmich bestätigte: "Im Training ist viel Zug drin. Wir wollen einen guten Start erwischen."

Heute wird die Anspannung mit dem letzten Training im Luschniki-Stadion weiter erhöht. Morgen, am 17. Juni, wird der iranische Unparteiische Alireza Faghani dann um 18 Uhr Ortszeit in der Endspielarena im Herzen der russischen Hauptstadt die Partie für den Champion anpfeifen (17 Uhr MESZ/ ZDF u. Sky). "Eine WM ist das Allergrößte, das haben wir 2014 erlebt", erinnerte Löw. Aber 2018 werde alles schwieriger: "Deutschland wird gejagt werden wie nie!"

Löw: "Wir müssen Lösungen finden"

Die über 80000 Zuschauer fassende Luschniki-Arena soll Anfangs- und Endpunkt der maximal über sieben Spiele führenden deutschen WM-Tour werden. Die Nummer 1 wird zunächst vom Weltranglisten-15. Mexiko herausgefordert. "Es kommt ein Gegner auf uns zu, der uns alles abverlangen wird", glaubt Löw. Herzblut, Leidenschaft und technisches Vermögen schreibt der 58-Jährige den Lateinamerikanern zu. Vor zwölf Monaten besiegte er die Mexikaner beim Confed Cup mit einem jungen deutschen Team um den zweifachen Torschützen Leon Goretzka im Halbfinale deutlich mit 4:1. Da fehlten die großen Weltmeisterstars von Neuer über Özil bis hin zu Thomas Müller.

Schöne Vergangenheit. Für Löw zählt die Gegenwart. Er will Taten sehen: "Es ist logisch, dass man nicht alles einfach wieder abrufen kann, indem man davon spricht. Wir müssen es uns wieder auf dem Platz erarbeiten." Der Weltmeistercoach blickt nicht weit voraus, zunächst nur auf die Gruppenphase. "Wir wissen schon, was in der Vorrunde auf uns zukommt. Schweden, Südkorea, wahrscheinlich auch Mexiko werden defensiv spielen. Wir müssen uns gegen dichte, massive Abwehrreihen in Szene setzen und Lösungen finden", sagte Löw.

Wem traut er das gerade offensiv zu? Timo Werner ist vorne gesetzt. Thomas Müller sowieso. Auf Özil hat der Bundestrainer noch nie in einer Turnier-Startelf verzichtet. Die am meisten diskutierte Frage lautet, ob Löw seine "Rakete", den Dortmunder Marco Reus, sofort startet - oder eben doch der erprobte Confed-Cup-Kapitän Julian Draxler beginnen darf. Özil? Draxler? Reus? "Ich weiß es nicht, das wird spannend", antwortete Bierhoff: "Am Ende wird so ein bisschen das Bauchgefühl des Trainers entscheidend sein."

Dieses riet Löw bereits dazu, den lange verletzten Kapitän Manuel Neuer wieder zur Nummer 1 zu ernennen. Auch Jérôme Boateng hat er trotz Rückständen nach einer Oberschenkelblessur als "Pfeiler" im Abwehrzentrum fest eingeplant. Taktgeber Toni Kroos gibt den Kurs vor: "Für so ein Turnier ist der absolute Wille ganz entscheidend. Jeder muss in jedem Spiel über sich hinauswachsen wollen."

Mexiko wird ein erster Gradmesser sein. "Wir wissen, dass wir alles herausholen müssen", sagte Bierhoff. "Es ist gut zu wissen, dass da ein guter Gegner wartet. Das ist wichtig, um vom Kopf her direkt da zu sein", bemerkte Kroos. (dpa)

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