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Von Elfmetern und Purzelbäumen
14.07.2018 - 00:00 Uhr
Frank Ketterer (Leiter der BT-Sportredaktion): Zugegeben: Das Tor war von feinster Art, auch wenn zweifelsfrei eine gute Portion Glück mit im Spiel war. Dennoch: Wie Toni Kroos den Ball gegen Schweden in allerletzter Sekunde zum 2:1-Sieg der deutschen Mannschaft in den Winkel zimmerte, das war großes Kino. Der für mich denkwürdigste - um nicht zu sagen: nachdenkenswürdigste - Moment dieser WM sollte indes erst noch folgen, und zwar nach Ende des Spiels und nicht auf dem Platz, sondern in der Interviewzone. Der Hauptdarsteller war erneut Toni Kross, nur dass er diesmal eine weit weniger glückliche Figur abgab, wohl auch, weil der Mann vom Fernsehen ihn auf seinen Patzer ansprach, der zum 0:1 geführt hatte. "Natürlich geht das erste Tor auf meine Kappe", gab Kroos gerade noch zu, wohl auch, weil es bei den vorliegenden (TV-)Beweismitteln sinnlos gewesen wäre, abzustreiten. Mit jedweder Art von Selbstkritik hatte dieses Eingeständnis dennoch nichts zu tun, wie man sogleich erfahren musste. "Wenn du 400 Pässe spielst, kommen auch zwei mal nicht an", ließ Kroos nämlich wissen, verbunden mit dem Hinweis: "Du musst dann aber die Eier haben und so eine zweite Halbzeit spielen. Aber das haben dann schon wieder die wenigsten gesehen." Es wirkte unendlich arrogant. Selbstverliebt. Kritikunfähig. Abgehoben. Jeglicher Realität entschwunden. Es war einfach völlig unpassend zu dem, was Kroos und die deutsche Mannschaft bei dieser WM bis dato geleistet hatten. Für mich war just dies der Moment, ab dem ich ein Ausscheiden der DFB-Elf nach der Vorrunde nicht mehr nur für möglich, sondern für wahrscheinlich hielt.

Moritz Hirn(stellvertretender Leiter der BT-Sportredaktion): Toni Kroos' Kunstschuss zum DFB-Zwischenhoch, Michy Batshuayis selbst produzierter Fratzenknaller, putzwillige Japaner auf der Tribüne, Panamas historisches erstes WM-Tor oder Cristiano Ronaldo, wahlweise als Oberschenkel-Model mit Bilderbuch-Quadrizeps oder als Stütze für den verletzten Kontrahenten Edinson Cavani - mir sind tatsächlich viele Momente dieser WM in Russland positiv in Erinnerung. Über den Achtelfinalsieg der Engländer gegen Kolumbien im Elfmeterschießen - ja, Sie lesen richtig - habe ich mich allerdings ganz besonders gefreut. So ekstatisch ich jubiliert habe, als Chris Waddle bei der WM 1990 den Ball in den Turiner Nachthimmel jagte oder Gareth Southgate bei der EM sechs Jahre später in Wembley gegen Andreas Köpke die Nerven versagten, so sehr ging mir das Herz auf bei der emotionalen Eruption der "Three Lions" nach dem Triumph vom ominösen Punkt und dem Ende des britischen K.o.-Fluchs. Der Akribie des einstigen Elfer-Versagers Southgate, der linken Hand des richtig guten - nein, auch das ist kein Scherz - Goalies Jordan Pickford sowie der Coolness von Eric Dier ist es zu verdanken, dass dieses tiefsitzende nationale Trauma überwunden wurde. Bei aller gebotenen Rivalität - diesen Erfolg gönne ich den Inselkickern von Herzen gern. Für mehr als das Halbfinale hat es am Ende zwar nicht gereicht, aber man muss es ja auch nicht gleich übertreiben...

Michael Ihringer (BT-Sportredakteur): Wer nach einer entscheidenden Niederlage mit Ovationen und minutenlangen Fangesängen verabschiedet wird, muss Großes geleistet haben. Und England hat in Russland nichts weniger geschafft, als wieder ernst genommen zu werden im Kreis der großen Fußball-Nationen. Nicht mehr verlacht vom Ausland für seine Fliegenfänger im Tor und die tölpelhaften Versuche, aus elf Metern ein rundes Leder im Kasten unterzubringen. Nicht mehr verhöhnt von der eigenen Mecki-Messer-Presse wie ehedem ("Wir sind Müll, und wir wissen das") für all das Konglomerat aus Pleiten, Pech und Pannen, das Mister Bean zur Ehre gereichte. Hauptverantwortlich für den Stil-, Image- und Ergebniswandel ist bezeichnenderweise ein früherer Versager vom Elfmeterpunkt. Was zig Vorgänger in 52 Jahren Tristesse seit dem Wembley-Coup 1966 nicht geschafft haben, ist Gareth Southgate in gerade einmal knapp zwei Jahren Amtszeit gelungen. Im Gegensatz zu den steten Verwaltern des Mangels hat er fast schon wissenschaftlich analysiert, was es zu verbessern gilt und die Mängelliste Punkt für Punkt abgearbeitet. In Russland bestand sein gelehriger Talentschuppen den ersten Härtetest mit Bravour. Im Gegensatz zu seinem einstigen Vorbild Deutschland zieht Southgate hungrige junge Wilde satten Routiniers vor. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Mutterland dank der neben Frankreich besten Nachwuchsarbeit weltweit die volle Ernte einfahren wird.

Christian Rapp (BT-Sportredakteur): Es läuft die 94. Minute im Gruppenspiel zwischen Spanien und dem Iran. Der Underdog kämpft aufopferungsvoll, schnürt die Tiki-Taka-Künstler in deren Hälfte ein und drängt auf den Ausgleich. Es bleiben noch 30 Sekunden. Der Iran bekommt einen Einwurf nahe des spanischen Strafraums - Milad Mohammadi soll den Ball ähnlich einer Flanke in die Gefahrenzone schleudern. Mohammadi gibt dem runden Leder noch ein Küsschen mit auf die Reise, läuft an, stoppt ab - und macht einen Purzelbaum. Vor rund 40000 Zuschauern im Stadion und Millionen an der Flimmerkiste. In dieser einen Sekunde, als Mohammadi kurz die Sportart wechselte und sich als Turner (leider erfolglos) versuchte, kam bei mir echtes WM-Flair auf - und Erinnerungen an frühere Endrunden. An bunte Hühner wie Kameruns Roger Milla, der die Eckfahne zum Tanz bat, oder an Struwwelpeter Carlos Valderrama, der auf und abseits des Platzes für geniale Momente sorgte. In dieser einen Sekunde also, als Mohammadi die Rolle vorwärts zeigte, war für mich das hochgezüchtete Merchandising-Event weit, weit weg. Irgendwie von dem total misslungen Einwurf Mohammadis gar ad absurdum geführt. Schließlich wäre so eine Szene eher in den "Bauernligen" der Region zu erwarten gewesen, als auf der Millionen-Bühne Fußball-WM. Als sich der Außenverteidiger von seiner Turneinlage berappelte und sich schließlich für einen normalen Einwurf entschied, war die Restzeit nahezu abgelaufen. Dass der Einwurf nichts Zählbares einbrachte, versteht sich von selbst...

Heiko Borscheid (BT-Sportredakteur): Die Enttäuschung über das erstmalige Ausscheiden einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Vorrunde sitzt immer noch sehr tief. Trotz allem gab es einen denkwürdigen WM-Moment, der wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird, nämlich jener: Ich saß auf der Terrasse meiner Eltern und schaute gemeinsam mit meinem Vater Schweden gegen Deutschland. Ich schaue Fußball immer mit meinem Vater, weil er der einzige ist, der mich dabei nicht nervt und ein Fachmann ist - und nahezu immer meiner Meinung. Wir schreiben also die 95. Minute. Toni haut das Ding von der Sechzehnergrenze ins Netz. Wahnsinn! Wir waren so fasziniert von diesem Treffer, dass wir im ersten Moment nicht einmal jubeln konnten. Ein denkwürdiger Moment, weil er zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung aufrecht erhielt und es zweifellos auch ein schönes Tor war. Dass es der einzige bei dieser WM bleiben sollte, konnten mein Vater und ich zu diesem Zeitpunkt ja nicht ahnen...

Janina Fortenbacher (BT-Volontärin): Spätestens als Gareth Southgate nach dem Elfmeterschießen gegen Kolumbien am Spielfeldrand in die Knie sinkt und die Becker-Faust gen Himmel ballt, bekomme selbst ich als gedemütigte Deutsche in dieser WM noch meinen Gänsehautmoment. Ist das gerade wirklich passiert? Erst die Jubelschreie meiner englischen Bekannten, deren erstarrte Gesichter plötzlich wieder zum Leben erwachen, versichern mir: Ja, ist es. Eric Dier läuft genau fünf Schritte an, schießt den Ball vom Elfmeterpunkt mit dem rechten Innenrist von sich aus gesehen nach links, katapultiert ihn ins kolumbianische Tor - und schreibt damit Geschichte: Der Fluch ist beendet. Alles ist möglich. God save the Queen - and Eric Dier!

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