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Meister, König, Diktator und Wundertrainer
09.08.2018 - 00:00 Uhr
Er genießt in Bremen den Status einer Legende. Er führte Aufsteiger Kaiserslautern sensationell zur Meisterschaft und machte sich mit dem "Wunder von Lissabon" in Griechenland unsterblich --doch so richtig ins Schwärmen gerät Rehhagel erst, wenn er von seiner Beate spricht. "Der größte Erfolg, den ich jemals hatte, ist der, dass ich mit Beate 54 Jahre verheiratet bin", sagte Rehhagel kürzlich bei einer Gala in Bremen, auf der er einmal mehr für sein Lebenswerk geehrt wurde. Ein typischer Rehhagel, der den Blick für das Wesentliche auch nach über 50 Jahren im Fußballgeschäft nicht verloren hat. Heute wird der Ex-Profi und Kult-Coach 80 Jahre alt. "Wer in diesem Alter noch so fit ist, der hat Glück gehabt und vieles richtig gemacht", sagte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus. Rehhagel sei noch immer "taufrisch. Gesundheit, Fußball und die Liebe zu seiner Frau Beate werden ihn hoffentlich auch weiter fit halten." Meister, König, Wundermacher: Kaum eine Figur prägte die Bundesliga-Geschichte so wie der gebürtige Essener, der mit seinen 832 Spielen an der Seitenlinie der unangefochtene Rekordtrainer ist. Noch heute sieht man Rehhagel an Wochenenden regelmäßig mit seiner Frau an der Essener Hafenstraße, wo für ihn Anfang der 1960er Jahre als Spieler von Rot-Weiß alles begann.

Als Verteidiger bei Hertha BSC erlebte Rehhagel 1963 die Geburtsstunde der Bundesliga, die großen Erfolge feierte er aber erst als Trainer. Je drei Meisterschaften und DFB-Pokalsiege errang er, gewann mit Werder Bremen 1992 den Europapokal der Pokalsieger und holte 2004 im Alter von 65 Jahren mit Fußball-Zwerg Griechenland den EM-Titel - ein Coup, der bis heute als größte Überraschung der EM-Geschichte gilt. "Dem Sport", wird Rehhagel, gelernter Anstreicher, in einer Vereinschronik von RWE zitiert, habe er alles zu verdanken. "Ich komme aus einer Arbeiter-Familie, habe mir alles erarbeitet, habe nicht auf allen Hochzeiten getanzt, war diszipliniert, denn ich musste immer Vorbild sein. Heute kann ich mir alles erster Klasse erlauben, habe die Welt gesehen, Menschen kennengelernt. Das ist mein Pfand, auf das ich zurückgreife." Die "Bild am Sonntag" nannte Rehhagels Wirken als Trainer jüngst eine "Demokratische Diktatur". Seine Spieler siezte der Coach, auch wenn er ihnen gleichzeitig Freiräume zugestand. "Einen Mario Basler kann man versuchen zu disziplinieren oder man bekommt Ärger. Oder man lässt ihn laufen und hat Erfolg", sagte Rehhagel einst. Aus seinen 14 Jahren in Bremen ist folgender Satz überliefert: "Hier kann jeder sagen, was ich will."

Rudi Völler nennt Rehhagel heute den "wichtigsten Trainer in meiner Karriere" und steht damit beileibe nicht alleine da. "Bei ihm wurde ich nicht in irgendwelche Schablonen gepresst, es gab keine taktischen Zwänge. Er hat mir das Gefühl vermittelt, dass ich machen konnte, was ich wollte", erinnert sich Völler. Eine Methode, die vor allem an der Weser zum Erfolg führte: In seinen 14 Jahren in Bremen gewann Rehhagel zwischen 1981 und 1995 fünf große Titel und stieg zum gefeierten "König Otto" auf. Zu den wenigen Tiefpunkten in seiner Trainer-Zeit gehört das zehnmonatige Intermezzo beim FC Bayern von 1995 bis 1996. Nach dem 30. Spieltag wurde Rehhagel von Franz Beckenbauer abgelöst, die Münchner waren damals Zweiter. Für Rehhagel war das kein Beinbruch - im Gegenteil. Er heuerte wenige Wochen später bei Bundesliga-Absteiger Kaiserslautern an, stieg direkt wieder auf und holte 1998 mit den Pfälzern den bis heute einzigen Meistertitel eines Aufsteigers. Sein Erfolgsgeheimnis? "Ich habe meinen Spielern als Trainer immer gesagt: Ich muss sie kritisieren", sagt er: "Aber als Mensch sind sie mir heilig." (sid)

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