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"Bei mir lösen die Transfersummen nichts mehr aus"
'Wir haben über all die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut': Jochen Saier (rechts) mit Christian Streich. Foto: dpa
15.09.2018 - 00:00 Uhr
Jochen Saier wuchs in Zell-Weierbach auf und spielte Jugend-Fußball in Oberweier. Er studierte Sportökonomie an der Universität Bayreuth und verbrachte 2001 ein Jahr an der Uni in Boston/USA. Seit 2002 ist der 40-Jährige hauptamtlich beim Bundesligisten SC Freiburg tätig. 2003 folgte er auf Andreas Bornemann als Nachwuchskoordinator und Leiter der Freiburger Fußballschule. Im April 2013 wurde er gemeinsam mit Klemens Hartenbach kommissarischer Sportdirektor und rückte im Oktober 2014 in den Vorstand auf. Er ist zudem Mitglied im Vorstand des Fördervereins Freiburger Fußballschule und in der DFL-Kommission. Unser Redakteur Michael Ihringer unterhielt sich mit Saier.

Interview

BT: Herr Saier, Bundestrainer Joachim Löw ist bis zum heutigen Tag Rekordtorschütze des SC Freiburg und oft Beobachter von Bundesligaspielen im Schwarzwaldstadion. Welchen Eindruck hat er auf Sie beim kürzlichen deutschen Krisengipfel gemacht?

Jochen Saier: Als Mitglied der Kommission Fußball der DFL war ich dazu eingeladen, aber an jenem Tag im Ausland unterwegs und konnte leider nicht teilnehmen. Deshalb kann ich zu der Frage nach den persönlichen Eindrücken wenig sagen. Bei allem, was ich später darüber erfahren habe, war es ein konstruktives Treffen, bei dem man sich ganz grundsätzlich auf einen gemeinsamen Weg verständigt hat. Aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge - wie die globale Entwicklung des Fußballs, die Rolle der Bundesliga und der Nachwuchsleistungszentren sowie zur Arbeit und Außendarstellung des DFB - wird es keine einfachen Antworten geben. Für den ersten Austausch in der Konstellation war es, so glaube ich, ein gelungenes Treffen.

BT: Wird Löw die Nationalmannschaft wieder in die Weltspitze zurückführen?

Saier: Ich arbeite jetzt im 16. Jahr hauptamtlich beim SC Freiburg. Trotzdem weiß ich, wie kurzfristig manche Perspektive erscheint. Bis vor einigen Monaten noch waren wir Weltmeister, haben mit einer jungen Mannschaft den Confed Cup gewonnen und waren U-21-Europameister. Daraus hätte man als Zwischenbilanz ziehen können: Unglaublich, was man erreicht hat. Natürlich redet niemand den schwachen Auftritt bei der WM schön. Es kam sehr viel zusammen, wie die fehlende Form und Frische einzelner Spieler, die energieraubenden Begleitthemen, die holprigen Tests im Vorfeld und - wie ich es empfunden habe - eine ausgebliebene Euphorie rund um das Turnier. Aber ich glaube nicht, dass Jogi Löw in der personellen Ausrichtung vor der WM eine andere Wahl gehabt hätte. Man kann auf dem sportlichen Höhepunkt als Weltmeister schwerlich einen Umbruch forcieren, wenn man sich in den zurückliegenden, gemeinsamen Jahren immer zu 100 Prozent auf seine Spieler verlassen konnte und diese zudem noch in einem guten Alter sind. Die meisten von ihnen spielen das ganze Jahr über in einem brutalen Rhythmus, bei dem alle drei Tage ein wichtiges Spiel ansteht, dann kommt noch ein Wichtigeres und noch Eines. Das zehrt nicht nur körperlich. Niederlagen und schwierige Phasen gehören zum Sport. Diese Erfahrung mussten auch andere große Fußballnationen machen. Jogi Löw und sein Team haben in der Gesamtschau außergewöhnlich gute und erfolgreiche Arbeit geleistet. Das beziehe ich nicht allein auf gewonnene Titel, sondern vor allem auf das "wie". Da gab es eine durchaus positive Entwicklung.

"Vor 17 Jahren wichtige Weichenstellung"

BT: Viele Experten haben nach dem historischen WM-Vorrunden-Aus auch die Trainerausbildung und Nachwuchsarbeit kritisiert. Zurecht?

Saier: Das ist ein so vielschichtiges Thema. An was macht man diese Bewertung fest? An einem gewonnenen Titel? Oder wie jetzt am erstmaligen Vorrunden-Aus? Sind wir in der Vergangenheit durch die großen Turniere wie das heiße Messer durch die Butter gezogen? Oder haben wir uns in der Vergangenheit nicht eher ins Turnier reingearbeitet und sehr enge Spiele knapp gewinnen können? Am Ende konnte man sich auf die Jungs immer verlassen, weil sie, wenn es wirklich darauf ankam, abgeliefert haben. Vor 17 Jahren hat man eine elementar wichtige Weichenstellung mit der Einführung der Nachwuchsleistungszentren vorgenommen. Davon hat der deutsche Fußball enorm profitiert. Die Umwelt verändert sich aber stetig. Ist, was vor 15 Jahren richtig und wichtig war, noch aktuell? Welche gesellschaftlichen Veränderungen gab es? Wieviele Entwicklungsfreiräume haben Jugendspieler noch, die sich in der extremen Konkurrenzsituation der Nachwuchsleistungszen-tren und dem dortigen Ligensystem Jahr für Jahr durchsetzen müssen? Welche Rolle haben Berater, welche Rolle spielt Geld, Abwerbung und häufige Vereinswechsel?

BT: Schaut man sich dann an, wieviele Talente gerade Weltmeister Frankreich und mittlerweile auch England produzieren, dann haben diese Nationen in den vergangenen Jahren aber wohl einiges besser gemacht...

Saier: Die haben tatsächlich einiges richtiggemacht. Gerade die Engländer haben sich in der Gesamtstruktur mit dem Zertifizierungssystem an Deutschland orientiert. Ich war vor rund zehn Jahren in England und habe dort vor den Clubs der Premier League über die Abläufe der Zertifizierung in Deutschland referiert. Die Engländer haben die guten Dinge für sich mitgenommen und einige andere, die schon funktionierten, beibehalten. In England gab es für Mannschaften der Leistungszentren bis zur U18 keinen Auf- und Abstieg, also keinen Tabellendruck. Der Fokus kann dann natürlich viel stärker auf dem Einzelnen liegen, auf seiner Individualität, beispielsweise auf dem Auflösen von offensiven Eins-zu-Eins-Situationen und damit auf dem Herausspielen von Torchancen, der Königsdisziplin im Fußball. In unserem Ligasystem kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die Ausrichtung und Arbeitsweise fälschlicherweise zu stark an den Sachzwängen eines schwierigen Tabellenstands orientiert. Muss der 14-, 15-Jährige nicht schon alles gruppen- und mannschaftstaktisch perfekt machen, wenn wir in der C-Junioren-Regionalliga gegen Mannschaften wie Stuttgart, Hoffenheim, Frankfurt oder Karlsruhe spielen und nicht in Abstiegsnot kommen wollen? Welchen Freiraum hat der Junge, um sich auszuprobieren und Fehler machen zu dürfen? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns immer wieder. Da braucht man starke Trainer und Verantwortliche, die die Arbeit anhand individueller Entwicklungen bewerten und nicht nach kurzfristigen Tabellenständen. Das ist kein einfacher Prozess. Man tut gut daran, sich immer wieder zu durchleuchten und sich die richtigen Fragen zu stellen. Das allerdings ist aufgrund der Schnelllebigkeit und Getriebenheit des Profifußballs nicht einfach.

BT: Sie haben vor Saisonbeginn das 22-jährige Verteidigertalent Caglar Söyüncü für die Freiburger Rekordablösesumme von mehr als 20 Millionen Euro an Leicester City verkauft. Sind Sie bei den irrwitzigen Transfersummen heutzutage froh, nicht in der Premier League, sondern in der Bundesliga arbeiten zu dürfen?

Saier (lacht): Na ja, es wäre sicherlich eine interessante Erfahrung, auf der anderen Seite des Tisches zu sein und einfach die Spieler zu holen, auf die man sich intern festgelegt hat. Einen Caglar für einen solchen Preis einfach mal dazuzunehmen und zu schauen, ob er funktioniert. Am Ende definiert sich alles über das Tauschmittel Geld, und wenn ich davon nur genug anbiete, bekomme ich, was ich möchte. Kapitalismus in Reinkultur.

"Dann kommt der

Fluch der guten Tat"

BT: Ist es aus Ihrer Sicht gut, wenn die Bundesliga im Feilschen um internationale Topstars nicht mehr mithalten kann oder will?

Saier: Ich glaube, dass die Grundrichtung der Bundesliga die Richtige ist, dass man sich in diesem Punkt nicht in ein Rennen begibt, das man in Bezug auf die Premier League nicht gewinnen kann. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Bei mir lösen die aktuellen Transfersummen nichts mehr aus. Ob 80, 100 oder 222 Millionen Euro. Zweifelsohne ist das obszön - die Empörung wich aber einer Gleichgültigkeit, da solche Summen nichts mehr mit einem echten Gegenwert zu tun haben.

BT: Das Abschneiden der deutschen Vereine im Europacup war zuletzt mit Ausnahme der Bayern extrem schwach...

Saier: Natürlich muss es der Anspruch sein, dass die deutschen Vertreter vor allem in der Europa League eine bessere Rolle spielen. Von den finanziellen Möglichkeiten her müsste es den Teilnehmern der Bundesliga gelingen, die Gruppenphase zu überstehen und bis ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen. Sevilla hat das mit vergleichbarem Umsatz eindrucksvoll vorgemacht und die Europa League in den vergangenen fünf Jahren drei Mal gewonnen. In der Bundesliga war es in der Vergangenheit aber des Öfteren so, dass sich kleinere Standorte wie Mainz, Augsburg oder Freiburg nach Ausreißerjahren dafür qualifiziert haben, und wuchtige, finanzkräftige Standorte wie Wolfsburg, Leverkusen oder Schalke, die die Qualität und Kaderstruktur für die Bewältigung der Doppelbelastung hätten, nicht dabei waren. Ich spreche da aus eigener Erfahrung mit dem SC. Du spielst eine überdurchschnittlich gute Saison mit jungen, talentierten Spielern. Dann kommt der Fluch der guten Tat. Die Unterschiedsspieler bekommen verlockende Angebote, die Gruppe kann nicht zusammengehalten werden. Obwohl die Freude über die internationalen Vergleiche unter der Woche riesig ist, geht es in der Liga Woche für Woche - etwas salopp gesagt - gegen einen ausgeruhten Gegner ums Überleben. Daher handelt es sich bei kleineren Standorten immer um eine schwierige Balance.

"Die Bayern leisten

herausragende Arbeit"

BT: Während Ihres Studienaufenthalts in Boston 2001 haben Sie auch Einblick in das US-Profisportsystem bekommen. Die Playoffs sind in den vier Hauptsportarten Football, Baseball, Basketball und Eishockey sehr populär. Wäre dies für die Bundesliga ein Ansatz, damit die Bayern nicht jedes Jahr spätestens im Frühling Meister werden?

Saier: Erst mal muss man anerkennen, dass die Bayern über viele Jahrzehnte herausragende Arbeit geleistet haben. Die aktuelle Position ist nicht vom Himmel gefallen, sondern es wurde sportlich sehr viel richtig gemacht. Eine Meisterschaft über 34 Spieltage ist der "ehrlichste" Titel. Im Playoff-Modus wäre die Meisterschaft von der Tagesform in einem einzelnen, dann entscheidenden Spiel abhängig. Ob dies die besagte Problematik lösen und Akzeptanz finden würde, wage ich zu bezweifeln. Ich habe aber schon die Hoffnung, dass andere große Standorte dafür sorgen, dass die Meisterschaft länger offen bleiben wird. Das große Geld wird in der Champions League verdient, von daher wird die Schere auch künftig nur in eine Richtung gehen, nämlich auseinander. Die vier, fünf großen Fußballstandorte, die regelmäßig Champions League spielen, werden dem Rest weiter finanziell enteilen.

BT: Mit 23 Jahren sind Sie zum SC gekommen und haben von 2002 bis 2013 die Fußballschule mitgeleitet. Wird der Kampf um Talente aus Ihrer Sicht immer schwerer bei all diesen Beratern?

Saier: Ja, das ist mit Sicherheit so. Sich aus Spielersicht die nötige Zeit zu geben, die grundsätzliche Ruhe in der Entwicklung und Begleitung der Spieler, das hat abgenommen. Das hat mit vielen Dingen zu tun. Natürlich auch mit dem Einfluss von Beratern. Aber auch ganz grundsätzlich mit dem zunehmenden Einfluss von Geld, der stetig steigenden Konkurrenzsituation und der Abwerbepraxis von Vereinen. All das macht es für die Jungs sicher nicht einfacher.

BT: Ist es vorteilhaft, wenn Entscheidungen wie Spielertransfers gemeinsam mit Trainer Christian Streich und Vorstandskollege Klemens Hartenbach getroffen werden und nicht einer allein die Richtung vorgibt?

Saier: Ohne Zusammenarbeit und gemeinsame Abstimmung würde es nicht gehen, weil es Entscheidungen von großer Tragweite und damit Verantwortung sind. Auch meinen Vorstandskollegen kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Die Anbahnung von Transfers ist ein langwieriger, intensiver Prozess. Aus der umfangreichen Arbeit der Scoutingabteilung muss die für uns richtige Essenz herausgefiltert werden. Wir brauchen Jungs, die entwicklungsfähig sind. Spieler, bei denen die Lampen brennen, die Informationen aufnehmen und verarbeiten können. Spieler mit sozialer Intelligenz, um gemeinsam durch schwierige Phasen zu kommen. Der meist lange offene Saisonausgang stellt bei einem Standort wie dem unseren die größte Herausforderung dar. Eine tragfähige, mittelfristige Planung in den unterschiedlichen Szenarien bedeutet große Verantwortung. Bei steigenden TV-Einnahmen im Erstliga-Szenario steigt gleichzeitig die Fallhöhe im Abstiegsfall. Die Balance zwischen dem bestmöglichen Kader im hier und jetzt und dem aus finanziellen Gesichtspunkten möglichen Wiederaufstieg über zwei, drei Spielzeiten hinweg ist die Königsdisziplin.

"Sind überzeugt, dass es inhaltlich richtig ist"

BT: Ist diese gemeinschaftliche Grundhaltung auch einer der Gründe, warum in sportlichen Krisenzeiten oder nach einem Saisonfehlstart wie aktuell keine Unruhe entsteht?

Saier: Wir behalten die Ruhe, weil wir der Überzeugung sind, dass es inhaltlich richtig ist. Dass diese Ausrichtung hilft, um maximal erfolgreich zu sein. Auf dem Platz, aber auch in der Weiterentwicklung des Vereins als Ganzes. Wenn wir das Gefühl hätten, mit einer Brandrede wird von Zauberhand alles besser, dann wäre dies das Mittel der Wahl. Wir haben über all die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und wissen, wer welche Qualitäten hat und einbringt. Wir brauchen nicht drei Saiers, sondern ein heterogenes Team mit unterschiedlichen Qualitäten. Das jeweilige Knowhow muss einfließen, um möglichst gute Entscheidungen zu treffen. Das verstehe ich unter Teamarbeit. Daraus kann sich etwas Spannendes entwickeln. Personelle Kontinuität hilft natürlich auch - wenn sie die Konsequenz aus Qualität und Herzblut ist. Diese Überzeugung habe ich bei uns.

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