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"Da ist was am Wachsen"
'Da ist was am Wachsen'
01.12.2018 - 00:00 Uhr
Mit Platz vier haben die deutschen Curling-Männer bei den Europameisterschaften in Tallinn/Estland mehr als positiv überrascht und ihr bestes internationales Ergebnis seit einem Jahrzehnt erzielt. Maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt war der Sinzheimer Marc Muskatewitz. Unser Redakteur Frank Ketterer sprach mit dem 22 Jahre alten Skip des Baden Hills Golf und Curling Clubs, der seit Oktober in Kempten Mechatronik studiert und im benachbarten Füssen trainiert, für dessen Curling Club er ab Januar auch starten wird.

Interview

Frage: Herr Muskatewitz, Glückwunsch zum vierten Platz bei der EM. Hatten Sie im Vorfeld mit einer so guten Platzierung gerechnet?

Marc Muskatewitz: Nein, eher nicht. Unser Ziel war es, mindestens Platz sechs zu erreichen und damit die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaften kommenden April in Kanada.

Frage: Wann ist Ihnen klar geworden: Mensch, wir können bei der EM sogar vorne mitspielen? Gab es eine Art Initialzündung?

Muskatewitz: Die Woche lief einfach generell sehr gut für uns. Dafür, dass wir mit einer neu zusammengestellten Mannschaft ins Rennen gegangen sind, haben wir von Beginn an bestens performt und alle Pflichtsiege, die wir im Vorfeld als solche ausgemacht hatten, also gegen Finnland, Polen und die Niederlande, auch tatsächlich souverän eingefahren. Hinzu kam unser Erfolg über die starken Russen und quasi als Sahnehäubchen der Bonussieg gegen die Schweiz, der uns den Halbfinaleinzug beschert hat. Damit war klar, dass es keine schlechte Woche mehr für uns werden kann.

Frage: Warum ist es so viel besser gelaufen als gedacht?

Muskatewitz: Als junge und neu zusammengestellte Mannschaft konnten wir ohne großen Druck aufspielen. Wir hatten, gerade im Gegensatz zur Schweiz, ja nichts zu verlieren. Umso mehr stand bei uns der Spaß am Spiel und der Teamzusammenhalt im Vordergrund. So sind wir Spiel für Spiel angegangen - immer mit der Einstellung, es möglichst gewinnen zu wollen. Diese Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und unbedingtem Siegeswille war vielleicht der Vorteil, den wir gegenüber den anderen Teams hatten.

Frage: Dabei hat sich das deutsche Curling in der Vergangenheit nicht eben mit Ruhm bekleckert. In der Potenzialanalyse der olympischen Wintersportverbände 2018 rangiert der Deutsche Curling Verband auf dem letzten Platz und ist damit schlechtester deutscher Wintersportverband. Bei der EM sind nun nicht nur die DCV-Männer EM-Vierter geworden, sondern die Frauen haben sogar Bronze gewonnen. Wie konnte es zu dieser Leistungssteigerung kommen?

Muskatewitz: Es war, wie bereits erwähnt, eine neue Mannschaft - und es war bezüglich der Qualität der Einzelspieler die bestmögliche Mannschaft, die Deutschland aufbieten konnte. Früher war es ja Usus, die beste Vereinsmannschaft automatisch auch als Nationalmannschaft zu den internationalen Großereignissen zu schicken. Mit dieser Gepflogenheit hat man diesmal gebrochen und versucht, die jeweils Besten aus verschiedenen Vereinsteams in einer Mannschaft zu vereinen. Ich denke, das war ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

"Die Stimmung im Team war sehr gut"

Frage: Seit Anfang des Jahres ist Uli Kapp, selbst dreifacher Europameister, Bundestrainer. Welchen Anteil hat er an diesem Erfolg?

Muskatewitz: Uli war bei der Zusammenstellung des Männer-Teams mit dabei. Was das Training an sich anbelangt, war er aber von Anfang an eher für die Frauen zuständig.

Frage: Wie oft konnte das neue Nationalteam vor der EM denn miteinander trainieren?

Muskatewitz: So wie wir letztendlich gespielt haben, haben wir im Vorfeld kein einziges Mal zusammen trainiert.

Frage: Wie bitte? Wie konnte denn das funktionieren?

Muskatewitz: Es lag einfach an der Qualität der Einzelspieler - und dass wir Fünf uns von der Mentalität her ziemlich ähnlich sind. Jeder in der Truppe wollte aufs Eis gehen, zusammen Spaß haben und dabei den größtmöglichen Erfolg einfahren, egal wie. Die Stimmung in der Mannschaft war einfach sehr gut.

Frage: Sie selbst sind eigentlich nur als Ersatz für den etatmäßigen Skip Alexander Baumann, der seine EM-Teilnahme zumindest offiziell aus persönlichen Gründen abgesagt hatte, eingesprungen. Ist Platz vier gleichbedeutend mit einer dauerhaften Wachablösung auf der Skip-Position?

Muskatewitz: Das weiß ich nicht. Ich denke aber, dass die EM-Mannschaft sich mit diesem vierten Platz von Tallinn gegenüber dem Verband schon einen gewissen Respekt und auch Bonus erarbeitet hat. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, das Team Deutschland auch in Zukunft zu führen. Ob Alexander Baumann dann wieder dazu stoßen wird, wird sich in den nächsten Wochen klären.


Frage: Was bedeutet der EM-Erfolg für die Förderung des Curlings, die schon seit einiger Zeit auf dem Prüfstand steht?

Muskatewitz: Das müssen wir abwarten. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass der Verband gegenüber dem Deutschen Olympischen Sportbund mit den Rängen drei und vier bei der EM bezüglich der Förderung deutlich besserere Argumente in der Hand hat, als das in der Vergangenheit der Fall war. Zuletzt waren die Ziele und Vorgaben ja immer wieder aufs Neue verpasst worden. Jetzt aber kann man sagen: Seht her, bei uns geht es bergauf. Dazu passt auch, dass die Junioren letztes Jahr zur A-Weltmeisterschaft aufgestiegen sind und dort den Klassenerhalt geschafft haben. Also da ist schon was am Wachsen und Werden.

Sixten Totzek fehlt bei WM wegen seines Abis

Frage: Bei der EM waren lediglich Schweden, Norwegen und Schottland besser als Ihr Team. Was fehlt noch, um auch diese Top-Nationen schlagen zu können?

Muskatewitz: Na ja, das ist und bleibt fürs Erste schwierig, schon weil diese Teams im Gegensatz zu uns zumindest zum Großteil aus Vollprofis bestehen. Die Schweden spielen beispielsweise schon seit drei Jahren in ihrer EM-Formation zusammen und reisen den ganzen Winter über durch die Welt von Turnier zu Turnier. Diese Möglichkeiten haben wir in Deutschland nicht. Bis auf Alexander Baumann, der bei der Bundeswehr und somit quasi Curlingprofi ist, haben wir alle noch einen Beruf oder studieren. Vielleicht ändert sich das ja in absehbarer Zeit. Wenn ich mir unser Juniorenteam ansehe, kann ich mir schon vorstellen, dass da der ein oder andere in Zukunft mal sagt: Ich probier's mal eine Zeit lang als Curling-Profi, zum Beispiel bei der Bundeswehr. Dadurch würde man auf ein ähnliches Trainings- und Erfahrungslevel wie etwa die Schweden kommen - und damit würden dann auch automatisch die Chancen steigen, sie mal schlagen zu können. Aktuell aber muss man schon so ehrlich sein und zugeben, dass wir einen sehr guten Tag und die einen sehr schlechten Tag erwischen müssen, damit dies geschieht.

Frage: Wie geht es nun weiter?

Muskatewitz: Erstes Ziel ist es, für die WM ein neues Team zusammenzustellen. Sixten Totzek, der eigentlich noch Junior ist, aber bei der EM auf der Drei gespielt hat, wird bei der WM fehlen, weil er derzeit sein Abi macht. Deshalb müssen wir in den nächsten zwei Wochen unser EM-Team umbauen und möglichst viel trainieren und Turniere spielen. Ich hoffe, dass wir das bis April hinkriegen.

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