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Mit Gittermaske ritterhaft ins Getümmel
Mit Gittermaske ritterhaft ins Getümmel
04.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Michael Ihringer

Moritz Seider fällt auf dem Eis schnell auf. Was nicht nur, aber natürlich hauptsächlich mit seiner frechen, mutigen Spielweise zusammenhängt. Doch der 17-Jährige Eishockey-Crack der Adler Mannheim trägt auch einen anderen Helm als seine älteren Teamkollegen: Mit einem Gitter als Visier, ausgerüstet wie ein tapferer Ritter, wirft sich der Jungspund mit wehender Mähne in die Zweikämpfe und Schüsse des Gegners. Erst im April kann das Megatalent mit der Volljährigkeit die Schutzvorrichtung ablegen: Dann wird aus dem Bub ein richtiger Mann.



Und nur zwei Monate später vielleicht sogar ein ganz Großer: Dem Verteidiger werden gute Chancen eingeräumt, beim nächsten NHL-Draft in der ersten Runde gezogen zu werden. Die Chicago Blackhawks, bei denen es Dominik Kahun nach seinem Wechsel vom DEL-Meister EHC München sogleich ins Stammteam schaffte, und die Vancouver Canucks sind sehr interessiert.

Die Übersee-Scouts nehmen Seider seit Saisonbeginn genau unter die Lupe. Nachdem Dennis Seidenbergs NHL-Karriere unwiderruflich vorbei ist, und Korbinian Holzer aufs Abstellgleis geschoben wurde, könnte im jungen Mannheimer in der nächsten Saison endlich wieder ein deutscher Verteidiger mitmischen. "Er hat definitiv das Potenzial, schon in der ersten Runde gezogen zu werden", sagt Marco Sturm. Der ehemalige Bundestrainer muss es wissen. Als über 1 000-facher NHL-Profi und heutiger Assistenztrainer der Los Angeles Kings kennt er die beste Liga der Welt aus dem Effeff.

Seider bringt alle Voraussetzungen mit. Das Können, die Größe (1,92 Meter), das Auge für die Situation und die Mitspieler, die Passgenauigkeit, Schnelligkeit und Einstellung. "Man muss einfach härter arbeiten als alle anderen, und ich denke, dass das bei mir zutrifft. Während viele meiner Teamkollegen nach drei, vier Stunden wieder heimgefahren sind, habe ich Extraschichten geschoben. Man muss aber auch verrückt sein nach dem Sport", sagt der Umworbene. Er ist es im positiven Sinne.

Dazu gehört auch, dass er nach dem Training, das er als Erster aufnimmt und als Letzter beendet, die Pucks vorbildlich einsammelt und dem Eismeister im Eimer persönlich übergibt. Oder die schwere Materialkiste ohne zu murren zum Teambus schleppt. Adler-Coach Pavel Gross, der viel fordert, fördert ihn wohl auch deshalb nach Kräften. Pro Spiel lässt er sein Nesthäkchen durchschnittlich zwölf Minuten Eiszeit schrubben.

Während seine gleichaltrigen Kameraden sich mit Computerspielen vergnügen, zieht der Fachabiturschüler sich eifrig Videoclips seiner Eishockey-Helden rein. Die von Columbus-Verteidiger Zach Werenski zum Beispiel oder von Scott Niedermayer, der schon vor Jahren seine Schlittschuhe an den Nagel hängte. Der Wissbegierige, der an der Mosel geboren wurde, in Erfurt aufgewachsen ist, saugt alles auf, was seine Sportart auf oder abseits der Eisfläche hergibt.

Beide Verteidiger-Vorbilder verfüg(t)en über große Offensivqualitäten, Seider hat bisher neben drei Vorlagen einmal in der DEL getroffen. Den Ehrenpuck hat er nach dem Jubel von Topscorer Chad Kolarik überreicht bekommen. Als Glücksbringer hat er das schwarze Objekt der Begierde in seinem Spind in der Adler-Kabine seitdem aufbewahrt.

Ein paar Tore mehr würden ihn im weiteren Saisonverlauf im NHL-Draftranking noch um einige Positionen weiter nach oben pushen. Im November war er wegen einer Schulterverletzung vier Wochen zum Zuschauen verurteilt. Rechtzeitig zur U-20-WM stand er in Füssen wieder auf dem Eis und schaffte mit seinen Teamkollegen den Wiederaufstieg in die Top-Division. Der Jüngste im Kader war auch gleich der Kapitän - und wurde nach einem Tor und sechs Assists zum besten Turnierverteidiger gewählt.

Scouts aus Übersee



strecken Fühler aus

"Vor allem hebt er nicht ab, sondern zeigt, dass er das Team führen kann", lobte ihn Sturmkollege Mike Fischer. Seiders Kommentar zur Auszeichnung bestätigt das: "Das war das i-Tüpfelchen, aber der Aufstieg mit den Jungs bedeutet mir viel mehr." In Füssen waren zahlreiche NHL-Scouts vor Ort, deren Augen vor allem auf den Hünen mit der Gittermaske gerichtet waren. "Das darf mich nicht beeinflussen", weiß Seider, dass er die Aufmerksamkeit vermehrt auf sich zieht.

"Ich werde weiter hart arbeiten, um meine Chancen zu wahren, beim NHL-Draft gezogen zu werden", verspricht das Ausnahmetalent mit dem großen Ehrgeiz. Wenn er bei der feierlichen Ziehung am 21. Juni in der Rogers Arena in Vancouver persönlich auf den Aufruf seines Namens und den seines künftigen Klubs wartet, wird ihn ein ähnliches Gefühl beschleichen wie vor seinem DEL-Debüt bei den Adlern als 16-Jähriger: "Als das Rolltor aufging, hatte ich am ganzen Körper Gänsehaut."

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