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"Ich war der südbadische Exot"
'Ich war der südbadische Exot'
12.01.2019 - 00:00 Uhr
Seit Donnerstag spielen die deutschen Handballer um jenen Titel, den Arnulf Meffle bereits vor 41 Jahren gewonnen hat. Der ehemalige Rechtsaußen des TuS Hofweier ist einer jener Handball-Helden, die 1978 bei der WM in Dänemark überraschend den WM-Titel gewonnen haben. Im Finale haben Meffle & Co. die damals scheinbar übermächtige Handball-Großmacht Sowjetunion mit 20:19 besiegt. Im Interview mit BT-Redakteur Frank Ketterer blickt der 61-Jährige zurück.

BT: Herr Meffle, was vom so wunderbaren WM-Titelgewinn von 1978 ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Arnulf Meffle: Ich kann mich noch gut an die direkte Vorbereitung aufs Finale erinnern und wie wir alle diesem Spiel gegen die Russen entgegengefiebert haben. Und auch die Jubelszenen nach dem Spiel sind im Gedächtnis haften geblieben, ebenso wie das Bankett danach und unsere Heimfahrt.

BT: Wer hat Trainer Vlado Stenzel denn die berühmte Pappkrone aufgesetzt, die er auf den Jubel-Fotos trägt?

Meffle: Keine Ahnung. Das hab' ich in all dem Trubel gar nicht mitgekriegt. Aber ich glaube, das kam von den Fans.

Interview

BT: Wann ist Ihnen die Größe des durchaus historischen Augenblicks so richtig bewusst geworden? Wann war Ihnen klar, dass Sie und Ihre Mannschaftskameraden gerade zu lebenden Handball-Legenden geworden waren?

Meffle: Oh, das hat relativ lange gedauert. Direkt nach dem Titelgewinn hat man zwar eine große Freude und Euphorie verspürt, eben weil wir gewonnen hatten. Aber gleich danach ging dann ja der Alltag weiter. Wir steckten ja alle im Studium oder im Beruf. Alles andere hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Das ging Monate, vielleicht sogar Jahre. Letztendlich hat man erst am Ende der Karriere überblickt, was dieser WM-Titel bedeutet, zumal es ja lange gedauert hat, bis eine deutsche Mannschaft ihn wiederholen konnte.

BT: Der Sportinformationsdienst hat gerade festgestellt, es habe sich damals um einen "wilden Haufen aus Amateuren, Studenten und Auszubildenden" gehandelt, die da der Handball-Weltmacht Russland den Titel geklaut habe. War dem so?

Meffle: Na ja, wir waren schon eine Truppe mit vielen Studenten oder Auszubildenden. Aber wir waren alle diszipliniert und zielorientiert. Vlado Stenzel hätte auch gar nichts anderes zugelassen. Er hat zwar eine individuelle Note zugelassen, aber immer nur im Rahmen dessen, was in sein Konzept gepasst hat. Wer aus diesem Rahmen ausgebrochen ist, war schnell raus aus der Mannschaft.

BT: Es gibt Menschen, die den Handball-Titelgewinn 1978 mit dem "Wunder von Bern" der deutschen Fußballer 1954 vergleichen. Ist das gerechtfertigt?

Meffle: Ich denke schon, dass es da zumindest Parallelen gibt. Auch bei den Fußballern 1954 war der Gegner scheinbar übermächtig und kam aus dem Ostblock. Die Ungarn waren alle Profis, unsere Mannschaft hingegen setzte sich nach den Wirren des Krieges zum Großteil aus Feierabendfußballern zusammen, die alle im Beruf oder in der Ausbildung standen. Das war bei uns nicht anders. Auch die russischen Handballer waren Profis. Die haben täglich ein bis zwei Mal trainiert, wir hingegen höchstens drei bis vier Mal in der Woche. So gesehen kann man Bern und Kopenhagen schon irgendwie miteinander vergleichen.

BT: Obwohl der Titelgewinn allseits als Überraschung gewertet wurde, sollen Sie bereits vor Turnierbeginn gesagt haben: "Ich fahre dahin, um Weltmeister zu werden." Stimmt das?

Meffle: Natürlich stimmt das. Wenn ich zu einer WM fahre, dann will ich auch gewinnen. Das habe ich auch so gesagt, zumindest intern. Um Platz fünf oder acht zu spielen, das ist ja keine Zielsetzung.

"Stenzel wusste,



wo er hin will"

BT: Heißt das, dass der Titelgewinn für Außenstehende eine größere Sensation war als für die Mannschaft?

Meffle: Ich würde es mal so sagen: Für uns hat sich das so langsam entwickelt, schon weil wir von Spiel zu Spiel gedacht haben. Und je mehr Spiele wir gewonnen hatten, umso mehr haben wir auch den Titel für möglich gehalten.

BT: Trainer und somit Baumeister der Weltmeistermannschaft war, Sie haben es bereits erwähnt, Vlado Stenzel, der "Magier". Was war das Besondere an ihm?

Meffle: Er wusste, wo er hin will. Und er hat diesem Ziel, dem WM-Titel, alles untergeordnet. Dementsprechend hat er auch seine Mannschaft zusammengebaut. Die einzelnen Spieler mussten zusammenpassen wie Puzzleteile. Und er hat den Spielern das Gefühl gegeben, zwar dabei zu sein, aber auch immer noch mehr tun zu müssen, um auch dabei bleiben zu dürfen. Rein vom Training her, hat er ansonsten auch nichts anderes gemacht als andere Trainer, außer dass er vielleicht etwas mehr Wert auf die Athletik gelegt hat, weil er wusste, dass man die gerade gegen Ostblock-Mannschaften braucht, wenn man sie schlagen will.

BT: Unter anderem soll Stenzel mit Hilfe eines Fragebogens ermittelt haben, wer mit wem am besten konnte und diese Erkenntnis auch bei der Zimmerverteilung und nicht zuletzt auf dem Feld berücksichtigt haben.

Meffle: Das ist das, was ich mit den Puzzleteilen gemeint habe. Er hat richtige Soziogramme von uns erstellt. Dabei sind auch Spieler durchs Raster gefallen, die handballerisch zwar das Zeug hatten, in der Nationalmannschaft zu spielen, aber nicht in Stenzels Struktur gepasst haben.

BT: Mit wem konnten Sie besonders gut?

Meffle: Ich war damals sowieso so eine Art süddeutscher, um nicht zu sagen südbadischer Exot, schon wegen der Sprachprobleme, die es am Anfang gab. Die anderen haben mein Badisch zunächst nicht wirklich verstanden.

BT: Es heißt, Sie sollen in einem Trainingslager einmal mit Heiner Brand das Zimmer geteilt haben, der kein Wort mit Ihnen gesprochen hat, eben weil er Sie nicht verstanden hat.

Meffle: Das stimmt. Ich komme halt aus Schutterwald, also aus der Provinz. Da spricht man badisch. Für den Rest der Mannschaft, der zum Großteil aus West- oder Norddeutschland kam, war das schon speziell. Mit der Zeit haben wir's dann aber hingekriegt.

BT: Geht man die Weltmeister von 1978 durch, fallen einem zu allererst Namen wie Brand, Deckarm und Wunderlich ein. Der Name Meffle kommt einem hingegen erst mit ein bisschen Nachdenken in den Sinn. Warum ist das so?

Meffle: Das ist relativ leicht zu erklären: Ich habe in Hofweier gespielt - und mit dem TuS waren wir nur einmal im Europacup vertreten. Die Gummersbacher und Großwallstädter, also Spieler wie Brand und Wunderlich, waren durch ihre Europacupauftritte hingegen ständig in den Medien und im Fernsehen, wir Hofweierer hingegen eher selten. Hinzu kam, dass ich als jüngster Spieler erst ein halbes Jahr zuvor zur Nationalmannschaft gekommen war und man mich auch deshalb noch nicht kannte. Der Rest war ja schon 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal dabei.

Eine Schrankwand

für die Eltern

BT:
Dabei waren Sie als Rechtsaußen eine der Schlüsselfiguren der Mannschaft. Nach dem Vorrundenspiel gegen Jugoslawien etwa wurden Sie als Matchwinner gefeiert, weil Sie als "vorgezogener Indianer" das Aufbauspiel des Gegners immer wieder empfindlich gestört hatten. Im Finale selbst haben Sie den großen Wladimir Maximov aus dem Spiel genommen. Auch ZDF-Kommentator Fritz Hattig nannte Sie "eine der großen Entdeckungen dieses Turniers". Da gab es doch bestimmt die Möglichkeit, auch nach Großwallstadt oder Gummersbach zu wechseln...

Meffle: Natürlich waren Anfragen da. Aber ich wollte in Freiburg studieren und war schon deshalb gebunden. Außerdem bin ich ein Kind der Region und wollte auch hier bleiben.

BT: Als Prämie für den WM-Titel durften Sie für 1 000 Mark in einem Möbelhaus einkaufen. Was haben Sie sich angeschafft?

Meffle: Meine Eltern hatten sich gerade eine neue Schrankwand gekauft. Da ich nicht wirklich neue Möbel gebraucht habe, habe ich das Geld dafür verwendet. Das hat gepasst.

BT: Herr Meffle, wie hat sich der Handball seit damals verändert?

Meffle: Er ist schneller und athletischer geworden, bedingt auch durch die Professionalisierung und verschiedene Regeländerungen. Zu meiner Zeit gab es zum Beispiel noch die Anspielregel: Alle mussten über der Mittellinie sein, bevor man anspielen darf. Der Wegfall allein dieser Regelung hat das Spiel deutlich schneller gemacht.

BT: Am Donnerstag hat erneut eine WM begonnen. Wie schätzen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft ein?

Meffle: Oh. Ich denke, da ist 'ne große Spanne drin. Der Worstcase wäre natürlich ein Ausscheiden in der Vorrunde, was niemand hofft, obwohl die deutsche Gruppe es in sich hat. Wenn man da schlecht reinkommt, kann's den deutschen Handballern ruckzuck so gehen wie den Fußballern. Ich traue der Mannschaft aber durchaus das Erreichen des Halbfinals zu. Spätestens ab da ist sowieso alles möglich. Wichtig wird sein, dass man eine gute Lösung für die Problemzonen Rückraum Mitte und Rückraum links findet.

BT: Wer wird Weltmeister?

Meffle: Ich habe die Dänen und die Franzosen ganz oben auf meinem Zettel.

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