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Bravehearts letzter Kampf
Bravehearts letzter Kampf
15.01.2019 - 00:00 Uhr
Schon vor dem letzten Punkt flossen die Tränen. Bei Mama Judy. Bei vielen Fans auf der Tribüne. Ganz sicher auch bei dem einen oder anderen Weggefährten vor dem Fernseher. Und schließlich war es auch um Andy Murray geschehen. Mit zittriger Stimme und feuchten Augen sprach der tapfere Schotte: "Ich habe alles gegeben, was ich hatte. Wenn das mein letztes Spiel war, dann war es ein großartiges Ende."

Vier Stunden und zehn Minuten dauerte Murrays letztes Match bei den Australian Open, vier Stunden und zehn Minuten, die zum Denkmal für das wurden, was die Tenniswelt in Zukunft vermissen wird. Trotz seiner unübersehbaren Hüftprobleme und drei Tage nach der emotionalen Rücktrittsankündigung kämpfte Murray gegen den Spanier Roberto Bautista Agut bis zum letzten Punkt. Bis er sich mit 4:6, 4:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:4) und 2:6 geschlagen geben musste.

Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht ergriffen war, den rissen die Botschaften von Murrays Rivalen, Kollegen und Freunden hinweg, die über die Leinwand der Melbourne Arena flimmerten. "Wir können Dir gar nicht genug danken. Du hast so viel für diesen Sport getan", sagte etwa Alexander Zverev. "Du hast Schottland stolz gemacht, Du hast Großbritannien stolz gemacht, Du bist ein Sir - wer kann das schon von sich sagen?", verkündete Roger Federer. Novak Djokovic erinnerte an ein Juniorenmatch, in dem ihm Murray "ziemlich heftig den Hintern versohlt" habe. Keiner habe damals die großen Karrieren beider vorhergesehen. "Ich wollte Danke sagen für alles, was Du für das Tennis getan hast", fügte Rafael Nadal hinzu.

Der 31 Jahre alte Schotte, der davon vorher nichts ahnte, nahm die Lobpreisungen gerührt entgegen - mit offenem Mund und glasigem Blick. Schon nach der emotionalen Pressekonferenz am Freitag, als Murray von seinen Schmerzen berichtet und unter Tränen seinen Abschied spätestens nach dem Turnier in Wimbledon angekündigt hatte, hatte ihn eine Welle der Sympathie erfasst. "Den Respekt seiner Kollegen zu haben, ist das Wichtigste", sagte Murray nun gestern. Er hat ihn sich hart erarbeitet - auf und neben dem Platz. Murray (31) wird als "Braveheart" in die Tennisgeschichte eingehen, aber erst, wenn er auch den letzten Ball hat passieren lassen.

Wann es soweit ist, wird sich noch herausstellen und auch damit zusammenhängen, wie Murrays Körper auf die Belastung des epischen Matches gegen Bautista Agut reagiert. Eurosport-Experte Boris Becker, der sich selbst gut mit Hüftproblemen auskennt, ist zuversichtlich, dass es das noch nicht war. "Ich bin schwer überzeugt, dass wir Andy Murray in diesem Jahr noch einmal auf dem Tennisplatz sehen werden", sagte der dreimalige Wimbledonsieger.

Und während Murrays Landsleute im All England Club an der Londoner Church Road bereits eine Statue für den zweimaligen Turniersieger und zweimaligen Olympiasieger planen, ließ der Volksheld in Melbourne sogar noch eine winzige Option auf eine Rückkehr offen: "Vielleicht sehe ich euch sogar alle wieder. Wenn ich noch mal zurückkommen wollte, wäre jedoch eine große Operation notwendig, und man wüsste dennoch nicht, ob das reichen würde."

Zumindest bis Wimbledon, das wünschen ihm wohl alle Tennisfans, sollte er auf jeden Fall noch durchhalten. Dann ist der nächste und endgültige emotionale Abschied garantiert. (sid)

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