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Nur das Quietschen der Sohlen fehlt
19.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Vor dem Selbstversuch war ich zuversichtlich: Im Sitzen Ball spielen - das sollte selbst für einen bekennenden Sportmuffel wie mich zu machen sein. Doch bereits nach den ersten Trainingsminuten mit der Sitzball-Mannschaft des Behindertensportvereins Bühl (BSV) schwindet meine anfängliche Sorglosigkeit: Atemberaubend schnelle Spielzüge, athletische Hechtsprünge und das flinke Fortbewegen auf dem Hinterteil lassen in mir diese Mischung aus Respekt und Selbstzweifeln aufkommen, die mir zuletzt im Sportunterricht in der Schule begegnet war. Zweifel und Angst sind inzwischen verschwunden. Geblieben ist dafür der Muskelkater.

In der Umkleidekabine erzählen sich die Frauen von der Untersuchung, die im Behindertensport einmal jährlich nötig wird, um bei Turnieren starten zu dürfen. Am folgenden Tag geht es auf die badische Meisterschaft nach Offenburg. Sie ziehen sich aus, legen ihre Beinprothesen ab, stülpen Arm- und Knieschoner über und schlüpfen in die dick gepolsterten Hosen.

Im Behindertensport starten Mannschaften mit sogenannten Handicap-Punkten - fünf solcher Punkte sind insgesamt erforderlich, um als Sitzball-Mannschaft überhaupt antreten zu dürfen. Der Verlust eines Oberschenkels wird beispielsweise mit vier, der eines Unterschenkels mit drei Punkten verrechnet. Jeweils ein körperlich unversehrter Spieler darf pro Team starten. "Zweifüßler" nennen die Bühler Sitzballer Leute wie mich.

Die "Einfüßler" legen vor der Sporthalle der Bühler Aloys-Schreiber-Schule ihre Prothesen ab, denn Hilfsmittel sind beim Sitzball nicht erlaubt und würden ohnehin schmerzen. Sitzball ist eine der wenigen Sportarten, die körperlich Beeinträchtigte ohne Prothesen ausüben können. "Ich schätze am Sitzball, dass ich mich ohne Hilfsmittel bewegen kann", sagt deshalb Susanne Burk. Vergleichbare Angebote für eingeschränkte Sportler gebe es außerdem in der Region kaum, bestätigen ihre Mannschaftskollegen.

Sieglinde Schneider, Trainerin und Vereinsvorsitzende in Personalunion, händigt mir die Sitzball-Grundausstattung aus. Die gepolsterten Kleider beruhigen mich zwar - immerhin ist mein Körper in Teilbereichen geschützt. Doch dann sagt Zweifüßlerin Tina Heinz unvermittelt: "Die sind wichtig, aber wahrscheinlich hast du heute Abend trotzdem rote Knie." Wie ermutigend.

In der Halle angekommen, erklärt mir Mitspieler Christian Zorn, dass zwei Beine beim Sitzball hinderlich sein können: Wadenkrämpfe im unten liegenden Bein seien eine Folge. So weit denke ich aber noch gar nicht, reicht doch das Warmmachen bereits aus, um mir und den Mitspielern meine Unsportlichkeit vor Augen zu führen. An einem Situp mit angehobenen Beinen scheitere ich kläglich. Für meine Mitspieler in spe natürlich ein Kinderspiel.

Irgendein Finger ist



bei jedem krumm

Dann geht es ans Eingemachte. Die Nervosität kehrt zurück. Ich soll in der Abwehr sitzen und schwitze allein bei dem Gedanken daran, von einem harten Schmetterball getroffen zu werden. Gefragt nach typischen Verletzungen antwortet Andreas Bäßler: "Gebrochene Finger. Irgendeiner ist bei jedem von uns krumm." Das beruhigend nicht wirklich. Als ich zu meiner Position am anderen Ende der Halle laufe, ereilt mich ein beklemmendes Gefühl. Die anderen können ohne Prothesen nicht laufen und robben auf ihre Positionen. Mich außerhalb des Spiels krabbelnd durch die Halle zu bewegen kommt mir aber auch komisch vor.

Dann warte ich gemeinsam mit Susanne Burk und Carolin Pfeil hinter der Auslinie auf die Bälle der gegnerischen Mannschaft. Vor dem ersten Aufschlag geben mir die anderen wertvolle Tipps: Ich soll diagonal auf den Angreifer spielen, den Volleyball oben halten, damit er lange in der Luft bleibt und die anderen genug Zeit haben, ihn zu erreichen. Außerdem soll ich mich während der Angabe des Gegners weit hinten positionieren, um lange Bälle abzuwehren und nach der eigenen Angabe schnell auf die Ausgangsposition zurückrutschen.

Gespielt wird die Ballsportart, die nach dem Zweiten Weltkrieg von versehrten Kriegsheimkehrern ins Leben gerufen wurde, üblicherweise in Fünfer-Teams zweimal sieben Minuten lang auf einem acht mal zehn Meter großen Spielfeld. In der Mitte des Felds wird in einem Meter Höhe ein rot-weiß gestreiftes Band gespannt. Ein Ball kann entweder direkt nach der Annahme ins gegnerische Feld oder auf einen Mitspieler gespielt werden, oder einmal vor der Annahme auf dem Boden aufprallen - jedoch nicht außerhalb des Spielfeldes, hier muss er direkt angenommen werden. Der Po muss während des Spiels, außer beim Angriff, auf dem Boden bleiben.

Neben dem Spielgerät hat der Sport nur wenig mit Volleyball zu tun. Beispielsweise darf der Ball nicht das Band in der Spielfeldmitte berühren. Baggern ist außerdem tabu. Zudem wird die Angabe in mindestens drei Spielzügen ausgeführt. Währenddessen muss der Ball mindestens einmal auf dem Boden aufspringen, bevor er auf den Gegner gespielt werden darf. Wie verwirrend!

Im Training spielen wir, bis eine Mannschaft 21 Punkte erzielt hat. Viermal machen wir das - erstaunlicherweise gewinnt jedes Mal "mein" Team, was aber weniger mit meinen Spielkünsten als vielmehr mit unserem Duo im Angriff, Manfred Burk und Andreas Bäßler zu tun hat, denen auch die schnellen Schmetterbälle der 27-maligen deutschen Meisterin Schneider nur selten etwas anhaben können.

Während des zweistündigen Trainings wird mir vor allem eines klar: Meine gewohnten Bewegungsabläufe werden beim Sitzball auf die Probe gestellt. Ich muss umdenken und Bewegungen neu lernen. Anstatt zu rennen, muss ich nun auf dem Po durch die H alle rutschen.

Bei der Annahme von Bällen fehlen mir meine Beine. Auch wenn ich sonst nur selten etwas mit dem runden Leder zu tun habe, würde ich die Wucht der Bälle wohl intuitiv über die Knie abfedern. Meine Knie kann ich heute aber nicht einsetzen. So haut es mich wortwörtlich jedes Mal um, wenn ich einen schnellen Ball annehmen möchte.

Auch das Herumrutschen an sich stellt mich vor Probleme: Soll ich mein Gewicht auf den Fuß oder eher auf die Hände verlagern? Was ist schneller? Sich vom Boden abstoßen oder mit den Handflächen darüber ziehen? "Du musst ausprobieren, was da gut bei dir funktioniert", rät mir der alte Hase Burk. Ich entscheide mich dafür, mein Gewicht auf die Hände zu geben - in den folgenden Tagen sollte ich diese Entscheidung bei jedem festen Händedruck spüren.

Seltener Ballverlust



erstaunt

Während sich bei mir durch das Herumrutschen immer wieder der Knoten meines Schnürsenkels löst, kann ich bei meinen Teamkollegen einen komplexen Bewegungsablauf ausmachen: Sie nutzen sowohl Hände als auch den Fuß, vor allem aber den ganzen Körper. In schnellen Verrenkungen winden sie sich während des Spiels in Richtung Ball. Besonders beeindruckt mich der seltene Ballverlust in einer Sportart, in der ein schneller Positionswechsel nicht ohne weiteres umgesetzt werden kann. Es ist nun mal langsamer, zum Ball zu rutschen als zu rennen. Ich kann erahnen, wie gut das räumliche Vorstellungsvermögen meiner Mitspieler ausgeprägt sein mag.

Wie in jeder Mannschaftssportart ist es laut, die Zurufe hallen von den Wänden zurück. Nur das Quietschen der Schuhsohlen auf dem Linoleumboden fehlt. In ausgelassener Stimmung wird geneckt und gelobt. Plötzlich ruft Schneider nach einem Zuspiel meinerseits: "Jawoll! Die Frau hat Talent!" Ich traue meinen Ohren kaum, sie kann ja wohl nicht mich meinen. Doch das tut sie: "Komm doch ruhig öfter vorbei. Du spielst gut", sagt sie. Ich fühle mich geehrt, weiß aber auch um das Nachwuchsproblem des Vereins und ordne die Aussage irgendwo zwischen selbstlosem Kompliment und vereinsinternem Pragmatismus ein. Der Nachwuchs, ja der sei nicht vorhanden, beschreiben mir die Vereinsmitglieder ihr derzeitiges Problem. Bessere Prothesen ermöglichten es gehandicapten Sportlern, in anderen Disziplinen zu trainieren, wie Radfahren oder Leichtathletik, erklärt Friederike Bäßler. "Als ich mit Sitzball angefangen habe, da hatte ich eine starre Prothese. Damit hätte ich keinen anderen Sport ausüben können", fügt sie an. Außerdem wollen viele nicht Teil eines Behindertensportvereins sein - das Stigma schwingt bereits im Namen mit. Junge Gehandicapte würden wohl auch deshalb eher zum "normalen" Breitensport tendieren, vermutet Bäßler.

Ihr Mann ergänzt: "Noch ein paar Jahre geht das, dann ist es vorbei mit dem Sitzball." Und das ist keine Schwarzmalerei: Bei den deutschen Meisterschaften, die im vergangenen Jahr vom BSV ausgetragen wurden, gingen bei den Männern sieben, bei den Frauen nur fünf Mannschaften an den Start. Ein Training Fünf gegen Fünf wie heute komme immer seltener zustande, erklären mir die Sitzballer. Deshalb haben sie extra eine weiße Behelfslinie aufs Spielfeld gepinselt, um es kleiner zu machen, sollten nur drei oder vier Mitspieler pro Seite anwesend sein.

Nach dem Training gehen wir gemeinsam essen. Das machen die Bühler Sitzballer immer so - um menschliche Verwerfungen aus dem Spiel wieder glattzubügeln, sagen sie. Während ich esse, beginnen meine Schultern und Handinnenflächen zu brennen. Heinz, die nach einer längeren Auszeit erst wieder mit Sitzballspielen begonnen hat, lacht und sagt: "Bei mir wird das morgen im Rücken ziehen." Ich spüre dort nichts - habe mich aber den Bällen auch nicht mit vollem Körpereinsatz entgegengestreckt wie sie.

An der Tür der Gaststätte verabschieden wir uns. Nicht für immer. Wahrscheinlich sehe ich die Bühler Sitzballer wieder. Ich will das Training nämlich wieder besuchen, um meine Ballsport-Aversion zu therapieren. Sobald der Muskelkater verschwunden ist, versteht sich.

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