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Das Glück des Augenblicks
Das Glück des Augenblicks
02.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Hucky Krämer

Er hat schon so viel hinter sich, aber manchmal wartet der süße Lohn: Vicente Jimenez (57) gewinnt gegen Thomas Wagenaar (Düsseldorf) einen vierstündigen Tennis-Krimi und krönt sich in Essen zum deutschen Hallenmeister der Männer 55. Vor zwei Jahren war er an gleicher Stätte noch im Finale gestoppt worden.

"Vize zu werden ist schön, Meister zu sein, aber viel schöner", freut sich der Noch-Trainer und Regionalligaspieler des TC Rot-Weiss Baden-Baden, der zuletzt auch die Schattenseiten des Tennislebens kennengelernt hat, über seinen nationalen Titel. Einen Titel, den sich der 57-Jährige unter den Augen von Sohn Camilo (21), der ihn als Coach unterstützte, im Ruhrpott hart erarbeiten musste. Der erste Satz ging mit 3:6 verloren, im zweiten behielt Jimenez mit 7:5 die Oberhand und führte im dritten Satz bereits mit 5:1. Doch dann rappelte sich sein Gegner auf und verkürzte auf 5:3. Selbst als Wagenaar bei einem Ballwechsel umknickte und sich dabei einen Bänderriss zuzog, spielte er gegen den Rat eines Physiotherapeuten unverdrossen weiter. Mit vollem Risiko. Und es funktionierte. Wagenaar glich zum 5:5 aus, rettete sich in den Tiebreak, in dem er sogar vier Matchbälle hatte. Aber dann leistete er sich einen Doppelfehler, Jimenez behielt die Nerven und gewann den Tiebreak mit 8:6. Der Rot-Weisse wusste aus Erfahrung, dass auch im Tennisring angeschlagene Boxer am gefährlichsten sind.

Jimenez ist ein exzellenter Allrounder. Einer, der auf jedem Belag zurechtkommt, der jeden Schlag beherrscht, der zwar nicht auffällig kräftig schlägt, dafür aber mit geringer Fehlerquote. Und er ist unheimlich flink auf den Beinen. Schon in seinen frühesten Erinnerungen hat Tennis sein Leben und seine Träume bestimmt. Der in der kolumbianischen Großstadt Cali geborene Jimenez träumte von einer Profikarriere. Er spielte vier Jahre College-Tennis in den USA, hat sich dann auch als Profi versucht, aber "für die Tour hat es nie gereicht". Auch weil das nötige Kleingeld fehlte. Sein berühmtester Gegner war Thomas Muster, auf den er in den 80er Jahren bei den Hessenmeisterschaften traf. 1983 verschlug es ihn erstmals nach Deutschland, wo er für Kassel in der Hessenliga spielte. Der Club ermöglichte ihm auch ein Studium an der Uni, das er als Diplom-Ökonom abschloss.

1995 zog es Jimenez wieder zurück in seine Heimat, 2001 schlug er dann im südbadischen Steinen auf und machte sich in der ganzen Region als Trainer von Nachwuchstalent Christina Shakovets rasch einen Namen. "Leider spielt sie nicht mehr", sagt Jimenez, er selbst ist aber seiner Leidenschaft treu geblieben. 2008 machte er seine A-Trainer-Lizenz und betreute dann 2011 die kolumbianische Spitzenspielerin Yuli Lizarazo im Profizirkus. Doch diese Tingelei wurde dem Familienvater einfach zu viel. Er wollte mit seiner Frau und seinem Sohn sesshaft werden. Über Lizarazo, die beim TC BW Oberweier eine Zeit lang an Nummer eins spielte, kam er 2012 nach Baden-Baden. Er hörte, dass Deutschlands ältester Tennisclub einen Cheftrainer und Manager sucht, bewarb sich - und wurde genommen.

Immer hatte er davon geträumt, dass er seine Tätigkeit als Trainer und Diplom-Ökonom kombinieren kann, jetzt hatte es geklappt. Und Jimenez war glücklich. Er und seine Familie verliebten sich in die Region, die tolle Stadt, den Traditionsverein und die vielen netten Menschen. Für ihn war klar, dass er hier seine letzten Berufsjahre verbringen will. Aber just als er 2015 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm, wurde ihm beim TC Sascha Petratschek als Cheftrainer vor die Nase gesetzt. "Das tat weh, zumal ich nicht mehr für den Kader und die Jugend zuständig war", sagt Jimenez. Aber er blieb und arrangierte sich. Seinem Spaß am Tennis und seinem Trainerberuf tat das ohnehin keinen Abbruch.

Bis eine neue Vorstandschaft kam, zu der der eher ruhige Vertreter seiner Zunft einfach keinen Draht fand. Dabei hatte er die Gespräche gesucht, aber eben kein Gehör gefunden. "Ich hatte das Gefühl, dass meine Arbeit, meine Qualität und meine Erfahrung von diesen Leuten nicht geschätzt wird", sagt Jimenez mit einer Träne im Knopfloch. Schmutzige Wäsche wäscht er nicht, das ist nicht seine Art. Aber da er zuletzt beim TC Rot-Weiss ohnehin ein Trainer ohne Vertrag war , zog er seine Konsequenzen. Nach der Hallensaison wird er Cheftrainer im Schwäbischen, bei der TG Plochingen im Kreis Esslingen. Am Montagabend wurde er bereits bei seinem neuen Verein als neuer Cheftrainer vorgestellt. Für den TC Rot-Weiss wird er aber weiterhin bei den Männern 50 in der Regionalliga am gelben Filzball sein. Das sagt alles über den Menschen Vicente Jimenez aus. Es ist eine stille Größe, die ihn umweht.

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