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Graf Dracula wird 80
Graf Dracula wird 80
09.05.2019 - 00:00 Uhr
Geschlagene fünf Stunden lang hat Ion Tiriac dem Treiben zugesehen, dabei natürlich keine Miene verzogen, das tat er ja nie. Fünf Stunden, in denen Argentiniens begnadeter Tennis-Poet Guillermo Vilas einen Halbwüchsigen mit Babyspeck und roten Haaren unter der stechenden Sonne im Monte Carlo Country Club über den Platz gescheucht hatte, von rechts nach links, vor, zurück, weiter, immer weiter. "Ich hab fast gekotzt", wird sich Boris Becker später erinnern. Der 17-jährigste Leimener aller Zeiten ist damals erst 15, Tiriac auch noch deutlich jünger. Heute wird Beckers einstige Gelddruckmaschine 80 Jahre alt.

Als die Tortur beendet ist, geht Tiriac zu Günther Bosch. "Günther, wir müssen mit den Eltern reden. Der Junge wird mal Wimbledon gewinnen", sagt er. Wenig später, irgendwann im Herbst 1983, trifft man sich im Flughafenhotel in Frankfurt. Tiriac, der Manager mit der Lizenz zum Geldbeschaffen, Bosch, der sich als Trainer bedingungslos dem rothaarigen Jungen verschrieben hat, und Familie Becker aus Leimen: Vater Karl-Heinz, Mutter Elvira und ihr Sohn Boris. An dem Tag verlieren Karl-Heinz und Elvira ihren Zweitgeborenen an Deutschland.

Und so ging die Geschichte dann los. Becker spielte, Bosch trainierte, Tiriac beschaffte Verträge und Geld. Rumäniens ehemaliger Eishockey-Nationalspieler wurde für das deutsche Tennis zu einem Glücksgriff. Becker kassierte, der Deutsche Tennis Bund kassierte, und Graf Dracula mit der schwarzen Löwenmähne und dem gewaltigen Schnauzbart kassierte ordentlich mit. Vom Preisgeld bekam er zehn Prozent, von den Werbeeinnahmen 30 Prozent, Becker wurde dennoch locker zum Multimillionär. "So einer fällt vom Himmel", sagte Tiriac über Becker: "Den gibt es nicht noch einmal."

Einen wie Tiriac vielleicht auch nicht. Er stammt aus Kronstadt in Siebenbürgen, dort stand er am Fließband einer Kugellagerfabrik. Er wohnte in derselben Straße wie Günther Bosch, der auch im selben Werk arbeitete. Bosch spielte gerne und gut Tennis, Tiriac noch nicht so sehr, er hatte es zunächst eher mit Eishockey, deshalb gab ihm der Kollege ein paar Trainerstunden.

Beide fuhren mit einem alten Java-Motorrad zu den Turnieren in Rumänien, "das ganze Jahr über, bis der Frost kam", erinnert sich der zwei Jahre ältere Bosch. Später spielte Tiriac, obwohl nicht mit einem gottgegebenen Talent gesegnet, Davis Cup für Rumänien und gewann zusammen mit seinem Landsmann Ilie Nastase 1979 die Doppelkonkurrenz bei den French Open.

Ion Tiriac hatte keinen leichten Start ins Leben, als er neun Jahre alt war, starb sein Vater, fortan war er der "Mann" in der Familie. Er musste sich alleine nach oben durchkämpfen, und das tat er ziemlich konsequent. Er besitzt Wohnungen in New York, Paris, Monte Carlo und London, Autohäuser, Banken, Privatjets und Immobilienfirmen, in seiner Garage stehen fast 500 blank polierte Oldtimer.

Einen großen Teil seines Reichtums hat er stets mit denen geteilt, die nicht auf der Sonnenseite stehen. Viele Waisenhäuser in seiner Heimat tragen seinen Namen, in Bukarest baute er ein Eishockey-Stadion, in dem Kinder und Jugendliche umsonst trainieren und spielen dürfen. Derzeit errichtet er 500 Kindergärten in seiner Heimat und profitiert so ganz nebenbei von einem Erlass der rumänischen Regierung, die jede dieser Einrichtungen mit 500 000 Euro subventioniert.

In Bukarest kann man Tiriac, der nie unumstritten war und es noch immer nicht ist, oft am Steuer eines seiner Oldtimer sehen. Auch mit seinen 80 Jahren ist er nach wie vor umtriebig, nicht nur im Sport. Eine seiner Firmen veranstaltet das Tennis-Masters in Madrid, im Oktober ist er ebenfalls als Mitveranstalter erstmals bei einem Golf-Turnier in der spanischen Hauptstadt dabei.

Derzeit soll er, so berichten zumindest rumänische Medien, eine neue Lebensgefährtin an seiner Seite haben, eine 37 Jahre jüngere ehemalige Kunstturnerin. Sterben will Tiriac eines Tages "ganz sicher als Rumäne". Vorher wird er bestimmt noch ein bisschen Geld verdienen. (sid)

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