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"Horror-Saison", aber "schönes Erlebnis"
10.05.2019 - 00:00 Uhr
Ein einziger Sieg, drei mickrige Punkte, Abstieg nach nur einem Jahr - die Handballer des TVS Baden-Baden haben eine "Horror-Saison" hinter sich. Dessen ist sich auch Simon Riedinger (36) bewusst, dem Mannschaftsverantwortlichen der "Sandhasen". Zur sportlichen Misere kam fünf Spieltage vor Schluss auch noch die von Störgeräuschen begleitete vorzeitige Trennung von Meistertrainer Ralf Ludwig. Und dennoch: Für Riedinger war die Saison in der dritten Bundesliga "ein schönes Erlebnis", wie er im Interview mit BT-Sportredakteur Moritz Hirn betont.





Interview

BT: Herr Riedinger, die Statistik der gerade zu Ende gegangenen Sandweierer Drittliga-Saison liest sich wie ein Horror-Roman. Sind sie froh, dass die Runde endlich vorbei ist?

Simon Riedinger: Natürlich sind wir froh, dass die Runde jetzt vorbei ist. Es war anstrengend auf diesem sportlich hohen Niveau. Die Jungs mussten und sind fast immer an ihre Grenzen gegangen. Punktetechnisch war es natürlich eine Horror-Saison, da es streckenweise schon zermürbend war. Wir wussten vorher, dass es ein Abenteuer werden wird, und mittlerweile können es die Jungs auch wieder etwas mit Humor nehmen. Wir werden auf jeden Fall einiges mitnehmen und auch aus vielen Dingen lernen. Das Wichtigste ist: Das Negative überwiegt nicht!



BT: Was bleibt denn an positiven Aspekten?

Riedinger: Die dritte Liga war für alle Spieler wie auch für den gesamten Verein ein tolles Erlebnis. Wir haben in die Professionalität reinschnuppern können. Zudem hat sich auch jeder einzelne Spieler weiterentwickelt. Deshalb kann man auch keinem Beteiligten einen Vorwurf machen. Die Einstellung in Sachen Wille, Kampfgeist und Bereitschaft hat immer gestimmt. Zudem ist es schön zu sehen, dass das Gefüge nicht auseinanderbricht, wenn der Erfolg mal nicht da ist. Wir haben mit Simon Bornhäußer nur einen einzigen Abgang zu verzeichnen - und dass, obwohl sich viele unserer Spieler in dieser Klasse gut präsentiert haben. Und trotz einiger lukrativer Angebote halten sie dem Verein die Treue. Das erfüllt uns in gewisser Weise mit Stolz.

Schön ist auch, dass - als wir schon abgestiegen waren - trotzdem noch viele Leute zu uns in die Rheintalhalle gekommen sind. Das waren nicht nur 200 oder 300, sondern wir haben unseren Schnitt mit 600 Zuschauern halten können. Da müssen wir uns bei den Fans bedanken, die uns trotz so einer schwierigen Runde immer unterstützt haben. Das ist nicht selbstverständlich - und war sehr schön.

BT: Viele Spiele wurden knapp verloren. Was waren letztlich die Gründe dafür, dass es am Ende nicht für mehr Punkte oder gar den Klassenerhalt gereicht hat?

Riedinger: Ein großer Punkt war das wahnsinnig hohe Niveau in der dritten Liga, vor allem in unserer Staffel. Viele Experten sagen nicht umsonst, dass die Südstaffel die stärkste Klasse war. Viele Mannschaften waren mit Halbprofis gespickt, so dass man auch große körperliche Unterschiede festgestellt hat. Zudem werden auf diesem Niveau spielerisch die kleinsten Fehler knallhart bestraft - was wir auch leider allzu oft erfahren mussten.

Abschied mit



"erhobenem Haupt"

Der zweite Punkt sind die Rahmenbedingungen. Wir haben viele Studenten in der Mannschaft oder Spieler, die beispielsweise bei der Polizei in der Ausbildung sind. Daher konnten wir vom Prinzip mit drei Trainingseinheiten in der Woche nicht abrücken. Und schon da lag die Beteiligung nicht immer bei 100 Prozent. Bei anderen Teams in der Liga sind vier Einheiten aber das Minimum. Konstanz trainiert sogar bis zu siebenmal in der Woche. Das sind Welten im Vergleich zu uns. Mit unseren bescheidenen Mitteln und unserer Philosophie konnten wir den Spielern aber nicht mehr auferlegen. Insofern haben diesbezüglich ein paar Prozent gefehlt. Aber - wie schon gesagt - Wille, Kampfgeist und Bereitschaft haben gepasst.

Und letztlich war auch viel Pech dabei. In einigen Spielen war uns immer in den entscheidenden Situationen Fortuna nicht hold.

BT: Der TVS ist vor der Saison seiner Linie treu geblieben und hat personell kaum aufgerüstet. War das im Nachhinein ein Fehler?

Riedinger: Zum einen ging es mit den Rahmenbedingungen gar nicht anders, zum anderen wollten wir dieses Gefüge auch nicht auseinanderreißen. Im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen in der dritten Liga ist es nicht vorstellbar, dass Sandweier einen Spieler oder "Söldener" holt, der aus höheren Gefilden wie etwa der Bundesliga kommt. Willstätt hat beispielsweise innerhalb kürzester Zeit aufgerüstet, aber da stehen Beträge im Raum, wo innerhalb von vier Monaten für drei, vier Spieler so viel Geld ausgegeben wird, das uns für die ganze Saison nicht zur Verfügung stehen - für alle Spieler. Trotzdem will ich betonen: Hätten wir das Geld gehabt, hätten wir es trotzdem nicht gemacht. So können wir die Liga erhobenen Hauptes verlassen - und das Wichtigste: Die Mannschaft bricht uns trotzdem nicht auseinander.

Ludwig-Abgang "schwierige Situation"

BT: Heißt das, dass Sie auch zur neuen Runde auf dem Transfermarkt nicht groß aktiv werden?

Riedinger: Bisher haben wir nur Kreisläufer Jannik Geisler verpflichtet. Ansonsten ist angedacht, dass wir uns personell nicht noch weiter orientieren. Wenn uns noch etwas vor die Füße fällt, müsste man es sich anschauen. Es müsste dann aber auch super passen. Wir sind so breit aufgestellt, dass wir momentan nicht agieren müssen. Zudem muss ich sagen, dass wir auch Spieler in der zweiten Mannschaft haben, die nach oben streben. Bestes Beispiel ist Mathias Seiter: Dem hat vor zwei Jahren wohl niemand zugetraut, in der BWOL zu spielen. Dieses Jahr hat er es sogar geschafft, sich in der dritten Liga durchzusetzen. Mit Luca Hable war es vor zwei Jahren dasselbe. Ihn hat es verletzungstechnisch leider richtig gebeutelt, aber auch er hat sich in der BWOL behauptet. Diese Chancen wollen wir auch anderen nicht verbauen.



BT: Die Trennung von Ralf Ludwig hat kurz vor Rundenschluss für Wirbel gesorgt. Dem Vernehmen nach waren nicht sportliche Gründe ausschlaggebend für seine Demission, sondern die verloren gegangene Vertrauensbasis. Können Sie das nun mit etwas Abstand konkretisieren?

Riedinger: Nein. Die Situation war schwierig genug für uns, und das Ende hätten wir uns auch anders gewünscht. Wir hatten mit Ralf vier schöne und erfolgreiche Jahre, was auch in Erinnerung bleiben soll.

BT: Marius Merkel hat die Mannschaft in den verbleibenden fünf Spielen übernommen. Punktetechnisch brachte das keine Verbesserung, allerdings - so ist zu hören - war wieder mehr Zug im Team. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Riedinger: Sehr gut! Hochachtung vor seinem Engagement. Marius hat sich richtig reingehängt, nochmal mit jedem Spieler Einzelgespräche geführt, intensiv Videostudium betrieben. Auch die Trainingsbeteiligung steigerte sich. Es kam einfach nochmal ein frischer Wind rein. Auch als feststand, dass wir absteigen, hat Marius an seiner Arbeitsweise nichts geändert. Deshalb sind wir ihm zu großem Dank verpflichtet. Obendrein gab es ausnahmslos positive Rückmeldung aus der Mannschaft. Marius und der Mannschaft hätte ich daher noch ein Erfolgserlebnis gewünscht.

BT: Das klingt nach dem Mann der Zukunft ...

Riedinger: Das würde ich unterschreiben!

BT: Der Mann der Gegenwart heißt Sandro Catak. Mit ihm haben Sie einen ambitionierten Handball-Fachmann verpflichtet. Wie lautet die Vorgabe an den neuen Trainer mit Blick auf die kommende Ober liga-Saison?

Riedinger: Er findet ein intaktes Team vor. Wir wollen einfach, dass er seine neuen Ideen bei uns einbringt. Und die darf er auch umsetzen. Wir erwarten nicht, dass er nur Vorhandenes übernimmt, sondern sind da komplett offen. Sandro hat eine klare Vorstellung, das Spiel aus der Abwehr heraus viel schneller aufzuziehen - auch nicht immer nur aus der "Sandweierer 3-2-1-Abwehr", sondern auch mal aus einer 6-0-Variante. Den Spielgedanken wird er definitiv ein bisschen verändern. Sandro soll aber erst einmal bei uns reinfinden - mit der Mannschaft zusammen.

Viele sagen ja, es ist wahnsinnig schwierig, den Kopf nach einem Jahr voller Niederlage wieder freizubekommen. Das glaube ich auch. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn die Mannschaft den ersten Sieg eingefahren hat, die Qualität so hoch ist, dass die Jungs mit ihrem Potenzial, mit ihrem Können in der BWOL eine gute Rolle spielen werden.

"Tabellarisch gibt es



keine Vorgaben"

BT: Lässt sich mit einem Tabellenplatz konkretisieren?

Riedinger: Tabellarisch gibt es gar keine Vorgaben. Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Sandro kann die Mannschaft in Ruhe aufbauen und wir können uns über Tabellenplätze gern in der übernächsten Saison wieder unterhalten. Es wird aber auf jeden Fall eine sehr schwierige Runde. Wenn man sich die vergangene Saison in der BWOL angeschaut hat, war es oben ganz eng. Auch wenn man gehört hat, was schon für Neuzugänge kursieren, etwa in Pforzheim oder Köndringen, und man nicht genau weiß, ob Plochingen und Blaustein aufsteigen, und zudem Willstätt oder Neuhausen noch absteigen, wird das mit Sicherheit eine Runde, in der einem alle Mannschaften alles abverlangen werden.

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