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"Ich will jedem Spieler als Mensch gerecht werden"
22.06.2019 - 00:00 Uhr
Der FC Carl Zeiss Jena war eigentlich schon mausetot in der dritten Liga - doch dann griff Trainer Lukas Kwasniok in die Trickkiste. Dank des sensationellen Endspurts mit sechs Siegen in sieben Spielen zog der dreimalige DDR-Meister so noch den Kopf aus der Schlinge und schaffte den Klassenerhalt. Mit dem 38-jährigen Muggensturmer, der einst bei Arminia Bielefeld in der zweiten Bundesliga spielte und vier Jahre als Jugendtrainer beim Karlsruher SC arbeitete, unterhielt sich BT-Redakteur Hartmut Metz über seine zweite Saison als Cheftrainer, die am Montag in Jena begann.





Interview

BT:
Herr Kwasniok, mit einem Kniff haben Sie Ihren Spielern neues Selbstvertrauen eingeimpft: In der virtuellen Kwasniok-Tabelle war Jena Erster - mit zwei Zählern mehr als Zweitliga-Aufsteiger KSC. Das lässt ja nur den Titel erwarten in der neuen Saison.

Lukas Kwasniok (lacht): Das ist das Problem des Menschen, dass er viele Wahrnehmungsfehler hat. Wir konnten eine Serie starten und holten unter dem Strich 29 Punkte aus 20 Spielen, seit ich Trainer bin. Sollten wir diesen Punkteschnitt wieder erreichen und bar aller Abstiegssorgen sein, können wir von einer tollen Saison sprechen. Das ist jedoch ein weiter Weg!

BT: Der "Kicker" titelte mit Ihrer Aussage: "Das größte Wunder in der dritten Liga. Sechs Siege in den letzten sieben Spielen. Jena war schon abgeschrieben, hielt dank beeindruckenden Leistungen im letzten Saisonviertel aber doch noch die Klasse." Woran lag es, außer an der Psychologie?

Kwasniok: Es gibt logischerweise immer mehrere Faktoren. Zum einen ist der Erfolg immer auch eine Frage des Umgangs mit Misserfolg. Bei uns blieb die Stimmung gut, das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer war intakt. Wir spielten sehr oft Unentschieden - und waren damit nicht so weit weg vom Sieg, wie Außenstehende das wahrnahmen. Bei der Drei-Punkte-Regel ist ein Remis eben relativ wenig wert, rein bezogen auf das Ergebnis. Auf unsere Haltung hatte es aber keinen Einfluss. Und mit der Genesung von Maximilian Wolfram, der ein Unterschiedsspieler ist, sowie dank einer herausragenden Torwartleistung wurden aus Unentschieden Siege. Das war vielleicht das Geheimnis des Erfolgs.

BT: Anfangs fehlten Ihnen auch die Stürmer, die sich verletzt hatten. So ging es häufig 0:0 oder 1:1 aus.

Kwasniok: Das stimmt. Es fehlte Wolfram, außerdem mussten wir das komplette Halbjahr auf Julian Günther-Schmidt verzichten. Er ist unser zweiter Unterschiedsspieler - trotzdem jammerten wir nicht. Wir konnten nicht vorhersehen, dass wir ihn so vermissen werden und er so lange ausfällt. Wir konnten auch nicht mehr reagieren, weil er kurz vor Ende der Transferperiode ausgefallen war. Aber es hat ja gereicht.

BT: Ihre Bilanz mit sieben Siegen, acht Unentschieden und nur fünf Niederlagen genommen, dazu Günther-Schmidt und Wolfram in vollem Saft stehend addiert: Da könnte mehr möglich sein ...

Kwasniok: Ich würde sofort unterschreiben, wenn wir in den ersten 20 Spielen nur fünfmal verlieren! Dann dürften wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ordentliche Punktausbeute haben. Dennoch werden wir versuchen, diese Ausbeute noch ein kleines Stück zu verbessern, dabei werden wir jedoch primär die Leistung und nicht das Ergebnis in den Vordergrund stellen, um nachhaltig erfolgreich sein zu können.

BT: Aber es könnte auch der Grund dafür sein, dass Carl Zeiss Jena anfangs oft nur remisierte, weil hinten die Null stehen sollte.

Kwasniok: Nicht zwangsläufig. Die Defensive stellten wir natürlich in den Vordergrund, weil wir kein Team haben, das jeden an die Wand spielen kann. Im Endeffekt ist das Arbeiten mit Jena so, wie wenn du im Schach die schwarzen Steine hast: Erst einmal befindet man sich im Verteidigungsmodus - tut sich jedoch eine Lücke auf, musst du zustechen.

Kein Hochgefühl auf den Händen der Fans

BT: Das verstehe ich. In Jena wurden Sie nach dem Klassenerhalt von den Fans auf Händen getragen. Ihr bisher schönstes Gefühl im Sport?

Kwasniok (grinst): So schön war es nicht! Eigentlich wollten sie mich hochlüpfen, haben es aber nicht gepackt! Ich gehöre zu den Menschen, die in Stresssituationen zu viel Nahrung zu sich nehmen - deshalb mussten die ganz schön kämpfen und schafften es nicht ... Als ich auf dem Rücken lag, war mir auch leicht mulmig, ehrlich gesagt.

BT: Wie viel haben Sie nun mehr auf den Rippen?

Kwasniok: Ich wiege mich nicht dauernd - aber rein körperlich fühle ich mich relativ unwohl. Es sind schon ein paar Kilo zu viel.

BT: Sie bleiben also beim FC Carl Zeiss und stecken sich außer Abnehmen noch welche Ziele in Jena?

Kwasniok: Mein Vertrag läuft noch zwei Jahre. Wir verbrachten viel Zeit damit, einen Kaderumbruch herbeizuführen: mit viel frischem Blut und ein paar Ankern.

BT: Sie haben die Trainer-Lizenz 2018 als Zweitbester im Jahrgang erhalten. Was war Ihr Paradefach und können Sie besonders gut? Psychologie, wenn Sie sagen: "Über die Psyche kann man fünf bis acht Prozent mehr Überzeugung herauskitzeln"?

Kwasniok: Das weiß ich schon gar nicht mehr ... Vor Kurzem lief mir eine Frau über den Weg, die meinte: "Der Ball muss zuerst durch den Kopf, um an den Fuß zu gelangen." Das fand ich eine interessante Metapher. Deshalb ist mein Kader auch relativ klein, weil ich jedem einzelnen Spieler als Mensch gerecht werden will. Ich bin davon überzeugt: Funktioniert der Kopf, funktionieren die Beine besser. Insofern habe ich ein engeres Verhältnis zu den Spielern, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wertvoll sind.

BT: Damit könnten Sie auch fern des Fußballs Seminare in Mitarbeiter-Führung geben.

Kwasniok: Das meine ich nicht gekünstelt. Bei 18 Spielern hat jeder dieses Gefühl. Damit fuhr ich bisher ganz gut. Das ist meine persönliche Überzeugung. Es bedarf keiner besonderen psychologischen Tricks, um in den Kopf der Jungs zu kommen. Luther sagte schon sinngemäß: "Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz." Daher versuche ich, in der Kabine eine entsprechende Atmosphäre vorherrschen zu lassen. Das lebe ich jeden Tag vor. Ich bin der Überzeugung, dass ein fröhlicher Mensch eine bessere Leistung abrufen kann als ein verbitterter, verkrampfter.

Kwasniok mutiert

zu "Quatschniok"

BT:
In Jena stank es aber auch kurzzeitig - nicht wegen der Fürze, sondern wegen der Flaute nach sehr gutem Start. Hieß es zunächst, man höre Ihnen gerne beim unterhaltsamen Dozieren über Fußball zu, geriet Ihr Redetalent plötzlich zum Bumerang. Einige ätzten gar von "Quatschniok" statt Kwasniok.

Kwasniok: Ich glaube, dass die Menschen um einen herum viel mehr Probleme haben, damit umzugehen: die Familie, das Umfeld, die Vereinsangehörigen. Zumindest geht es mir so, dass ich Mechanismen finde, um mich selbst zu schützen. Ich bin in keinen Sozialen Medien vertreten, auch nicht im Falle des Erfolges. Daher perlt das an mir ab.

BT: Mit Tim Kircher wechselte ein alter Schützling aus dem KSC-Nachwuchs nach Jena, obwohl er auch ein Angebot von Bundesligist Hoffenheim für deren zweite Mannschaft vorliegen hatte. Eine besondere Wertschätzung Ihrer Arbeit als Jugendtrainer?

Kwasniok: Ich weiß nicht. Ich denke, er wäre eher im Regionalliga-Team von Hoffenheim zum Einsatz gekommen. Jetzt spielt er eine Klasse höher in der dritten Liga. Wir haben um Tim gekämpft. Ich kenne sein Potenzial. Beim KSC hat er wie die meisten Nachwuchsspieler, die zu den Erwachsenen wechseln, ein schwieriges Jahr hinter sich. Er war in einer guten Mannschaft Back-up und spielte wenig. Angesichts der absolut guten Leistungen von Marco Thiede und Damian Roßbach gab es keinen Grund für einen Wechsel. Als Tim aber gegen Unterhaching gefordert war, spielte er bravourös. Daher habe ich volles Vertrauen in ihn. Es gilt vor allem, ihm Selbstvertrauen einzuimpfen.

BT: Nach dem sensationellen Klassenerhalt war von lu-

krativen Angeboten die Rede.

Kwasniok: Auch im Zuge des Erfolges sollte man nicht gleich meinen, man sei der Messias. Im Fußball gibt es eben nur extreme Höhen und Tiefen - das Zwischending ist ja auch extrem langweilig für die Zuschauer. Fußball ist eben in erster Linie Emotionen. Die versuche ich vorzuleben und am besten mit Siegen zu garnieren. Bisher ist mir das aber auch nicht dauerhaft gelungen (lacht).

BT: Wer ist Ihr absoluter Herzensklub?

Kwasniok: Mein Heimatverein ist der KSC. Ansonsten bin ich sehr offen und kein richtiger Fan. Ich habe Sympathien für die Spielweise von Atletico Madrid und den Heavy-Metal-Fußball des FC Liverpool. Bei Atletico begeistern mich diese Aufopferungsbereitschaft und diese Verteidigungsmentalität. Aber auch dieser Ballbesitz-Fußball des FC Barcelona zu deren besten Zeiten ist natürlich beeindruckend.

BT: Daher erinnert Carl Zeiss Jena auch im Kleinen an den aufopferungsvollen Verteidigungs-Fußball von Atletico?

Kwasniok: Es schadet sicherlich nie, sich an den Besten zu orientieren. Im Verteidigungsmodus ist Atletico nun mal das Nonplusultra. Diese Art des Fußballs hat uns unterm Strich in der Liga gehalten!

Der KSC schafft



den Klassenerhalt

BT: Was trauen Sie dem KSC in der zweiten Liga zu?

Kwasniok: Sie werden den Klassenerhalt schaffen. Es werden am Ende drei Mannschaften hinter dem KSC stehen. Mit diesem übergeordneten Ziel fährt der KSC anfangs sicher gut.

BT: Der SV Wehen Wiesbaden konnte auch die Relegation gegen den Zweitligisten Ingolstadt gewinnen.

Kwasniok: Die Leistungen liegen relativ nahe beisammen. Das zeigte sich auch beim Durchmarsch der Paderborner von der dritten in die erste Liga. Magdeburg musste hingegen wieder gleich runter. Es bleibt ein schmaler Grat. Deshalb müssen viele Mosaiksteinchen zusammenpassen.

BT: Apropos schmaler Grat im Trainergeschäft: Sie bleiben vorerst in Muggensturm wohnen mit der Familie?

Kwasniok: Meine Familie fühlt sich hier wohl. Meine Kinder gehen in Rastatt zur Schule. Daher ändert sich in den nächsten Jahren nichts.

BT: Bis natürlich Atletico Madrid und Spanien rufen ...

Kwasniok (lacht): Klar.

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