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Löw mutiert nach Debakel zum Reformer
27.06.2019 - 00:00 Uhr
Der 27. Juni 2018 ist der Tiefpunkt der deutschen WM-Geschichte. Das 0:2 gegen Südkorea in Kasan besiegelt das erste Vorrunden-Aus einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach einer total verkorksten WM-Mission des Titelverteidigers in Russland. Genau ein Jahr später hat Bundestrainer Joachim Löw nach einigen Anlaufschwierigkeiten und heiß diskutierten Personalentscheidungen die größten Probleme erst einmal gelöst. Ein runderneuertes DFB-Team nimmt die ersten Hürden Richtung EM 2020. Ein Streifzug durch ein schwieriges Länderspieljahr:

Das Debakel: Das Unvorstellbare wird Wirklichkeit. Titelverteidiger Deutschland scheitert in der WM-Gruppenphase. 0:2 gegen Südkorea in Kasan. Tränen und Fassungslosigkeit - und bei Joachim Löw auch ganz viel Leere. Es ist nach einer Vorbereitung mit vielen Hindernissen, dem Fehlstart gegen Mexiko (0:1) und dem Last-Minute-Hoffnungsmacher gegen Schweden (2:1) das traurige deutsche Ende einer missratenen WM. "Ich bin auch geschockt, dass wir es nicht fertig gebracht haben, Südkorea zu schlagen. Der Schmerz hält mich noch gefangen", sagte der Bundestrainer nach der Landung in Frankfurt.

Die Debatten: Löw verspricht eine intensive Aufarbeitung in der Sommerpause - und verabschiedet sich in den Urlaub. Diskutiert wird emotional über die WM-Konsequenzen. Schnell bekommt das sportliche Scheitern eine politische Dimension. Mesut Özil wird zum Sündenbock. Das Schweigen zu seinen Fotos mit dem von ihm verehrten türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan verursacht Unverständnis und provoziert Verunglimpfungen vom rechten Rand. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff heizen die Debatte durch missverständliche Aussagen an. Dennoch rechnet man beim DFB mit einer einlenkenden Erklärung Özils. Es kommt aber ganz anders. In einer Social-Media-Tirade rechnet er gut drei Wochen nach dem WM-Aus mit dem Verband und besonders mit Präsident Grindel ab. Der Rassismus-Vorwurf wiegt schwer.

Der Neuanfang: Erst neun Wochen nach dem WM-Aus präsentiert Löw Ende August seinen Plan für den Neuanfang. Er räumt persönliche Fehler ein, doch die Konsequenzen sind bescheiden. Außer Özil und dem freiwillig zurückgetretenen Mario Gomez hat nur Sami Khedira keine Zukunft mehr im DFB-Trikot.

In seinem Stab wird Co-Trainer Thomas Schneider in die Scouting-Abteilung versetzt. Zu einem radikalen Neuanfang fehlt Löw offenbar der Mut.

Der Rückschlag: Verläuft der Saisonanfang mit einem 0:0 gegen Weltmeister Frankreich und einem 2:1 gegen Peru im September noch achtbar, kommt im Oktober der nächste Tiefschlag. Beim 0:3 in Holland wird Deutschland vom Erzrivalen in der Schlussphase vorgeführt. Jetzt erkennt auch Löw, dass er handeln muss. Drei Tage später lässt er gegen Frankreich mit Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané erstmals den Turbo-Sturm los. Thomas Müller ist nur noch Zwei-Minuten-Joker. Der Umbruch nimmt trotz einer unglücklichen 1:2-Niederlage erste Formen an.

Der Abstieg: Deutschland ist nur noch zweitklassig. In der neuen Nations League steht der Abstieg in die B-Klasse schon vor dem 2:2 gegen Holland im November in Gelsenkirchen fest. Es ist das 100. Länderspiel von Müller und - wie für Mats Hummels - das letzte des Ur-Bayern.

Die Zäsur: Noch im Dezember wiederholt Löw seine Devise, dass beim Neuanfang auch bewährte Kräfte nötig sind. Doch eine Aussage klingt im Nachhinein wie eine Drohung: "Am Ende zählt immer die Leistung. Ich bin kein Hellseher und weiß, was in drei, vier Monaten sein wird. Daher lässt man sich alle Möglichkeiten offen. Ich plane mit allen Möglichkeiten, ich plane mit allen Guten, Hummels, Boateng, Müller, die für Deutschland spielen können, wenn sie die Form haben, die sie zuletzt nicht hatten." 94 Tage später wird das Weltmeister-Trio von 2014 für immer aussortiert. In kurzen, persönlichen Gesprächen überbringt er den Spielern die Nachricht.

Die Mutmacher: Löw geht mit der Zäsur "all in". Eine Woche nach der Ausmusterung gewinnt das nun verjüngte DFB-Team mit einer mutigen Taktik zum Auftakt der EM-Qualifikation mit 3:2 in Holland. Die nächste, junge Generation sowie die Confed-Cup-Sieger ist Richtung EM 2020 in der Spur. (dpa)

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