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Zwischen Big Data und Bauchgefühl
Zwischen Big Data und Bauchgefühl
09.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Christian Rapp

"Packing", "Tracking", eine Flut von Daten- und Videomaterial: Wo einst "Zettel"-Ewald Lienen an der Seitenlinie nach Gegentoren seine Beobachtungen auf Papier kritzelte, hat mittlerweile die Generation der Laptoptrainer das Sagen. Seit einigen Jahren hält mit Athletiktrainer, Ernährungswissenschaftler und Sportpsychologen die Verwissenschaftlichung Einzug in den Profi-Fußball.

Doch wie viel Wissenschaft tut dem Fußball gut? Wie geht man sinnvoll mit den Daten-Unmengen um? Und was passiert dadurch mit der Mündigkeit der Spieler? Diese und weitere Fragen waren am Montagabend Gegenstand einer Podiumsdiskussion am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), bei der Volker Finke, Ex-Trainer des SC Freiburg, Damir Dugandzic, Leiter für das Talentförderprogramm beim Deutschen Fußball-Bund, Professor Jan Mayer, Direktor des Research Lab der TSG Hoffenheim, und Professor Alexander Woll, Leiter des Sportinstituts am KIT, interessante Einblicke gaben über das Zusammenspiel von Wissenschaft und Fußball. Moderiert wurde die gut 90-minütige Veranstaltung von Christoph Ruf.

Von einem derartigen Betreuerstab konnte Finke Anfang der 90er Jahre, als er Trainer der "Breisgau-Brasilianer" war, nur träumen. "Wir waren zu dritt im Trainerteam, hatten zum Beispiel keinen Torwarttrainer. Die Inhalte der Übungen waren lange nicht wissenschaftlich fundiert, die Trainingsarbeit rückständig", warf der mittlerweile 71-Jährige einen Blick in die Vergangenheit. Für die Maßnahme, Radfahren als Regeneration nach einem Spiel einzuführen, sei er anfangs gar belächelt worden. Sport-Deutschland habe in Sachen Wissenschaft lange Jahre einen Dornröschenschlaf abgehalten, pflichtete ihm Institutsleiter Woll bei, sei mittlerweile aber auf einem guten Weg, die Wissensgenerierung immer weiter zu professionalisieren.

Mit dem Einzug der Wissenschaft in den Profi-Fußball habe sich auch das Bild des Trainers gewandelt, erklärte Dugandzic: "Ein Trainer muss nun ein Teamworker sein, der sich gute Leute an seine Seite holt, auf deren Meinungen vertraut und die richtigen Schlüsse daraus zieht. Schließlich besteht so ein Betreuerstab mittlerweile aus 20 bis 25 Personen." Als Vorreiter dieser wissenschaftlichen Bewegung nannte Mayer die Zeit Jürgen Klinsmanns als Trainer der deutschen Nationalmannschaft (2004 bis 2006). Er habe diese Entwicklung entscheidend angeschoben, die in den "vergangenen fünf bis zehn Jahre einen unglaublichen Schub" bekommen habe. Es sei ganz normal, neue Wege zu gehen, um im Haifischbecken Bundesliga bestehen zu können. "Wir als noch relativ junger Verein in Hoffenheim müssen unseren eigenen Weg gehen. Traditionsvereine zu kopieren, wäre der falsche gewesen. Wir gehen den Weg der Wissenschaft, um konkurrenzfähig zu sein", erklärte der Leiter des TSG-Research Lab. "Wir verstehen uns als Dienstleister auf die Anfragen des Trainers. Wir setzen uns wöchentlich mit ihm zusammen, gehen den Kader durch. Der Coach muss wissbegierig sein, mit der richtigen Fragestellung kommen, dann haben wir den Mehrwert für ihn, der ihn bei der Entwicklung des Spielers weiterbringt", gewährte Mayer Einblicke in Arbeits- und Denkweise der TSG: "Es geht darum, die nicht erklärbaren Erfahrungen der Praktiker, also den Trainern, die sie während der Übungen und Spiele wahrnehmen, mit den erhobenen, wissenschaftlichen Daten der Spieler in Einklang zu bringen." Bauchgefühl trifft Big Data.

Doch was passiert durch die schier unendliche Flut von Leistungsdaten mit dem fast "gläsernen" Profi? Nimmt die Mündigkeit der Spieler dadurch ab? Werden sie zu Marionetten der Wissenschaft auf dem Feld? Davon zeigte sich zumindest Woll teilweise überzeugt: "Durch die Verwissenschaftlichung gibt der Spieler seine Eigenverantwortung ab. Etwa wenn der Spieler bei einem Torschuss rechts oben zielt, weil dort die Schwachstelle des Torhüters sein soll, aber links unten die bessere Variante gewesen wäre. Es stellt sich uns die Frage, wie viel Expertise das System verträgt." Dugandzic sieht durch die neuen Methoden aber auch gewaltige Vorteile: "Viele Spieler fordern immer häufiger selbst Videomitschnitte von sich und ihrem Gegenspieler, um besser zu werden, um sich auf ihn einzustellen, um einfach einen Vorteil zu haben."

Finke, der 16 Jahre beim SC als Trainer tätig gewesen war, betonte dagegen eine weitere Komponente: die Sozialkompetenz. Es würden selten die elf besten Spieler zusammenspielen, sondern die elf, die am besten zusammenpassen. "Der Spieler entwickelt sich selbst, der Verein ist als Begleiter dabei. Am Ende entscheidet aber der Spieler auf dem Feld eigenverantwortlich, welchen Pass er spielt, welchen Laufweg er macht. Es geht um Antizipation, um ein Gefühl." Und schließlich wusste schon BVB-Legende Adi Preißler, Mitte der 1950er: "Grau is' im Leben alle Theorie - entscheidend is' auf'm Platz."

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