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Flensburg-Handewitt statt HSG Hardt
31.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Moritz Hirn

Mal schnell vor die Tür, sich mit Freunden treffen. So lange Playstation zocken, bis die Controller glühen. Oder einfach mal ungestört ausschlafen und danach in der Jogginghose im Zimmer chillen. Mathieu und Benet Fenyö genießen die Zeit zu Hause in Bühl. Es ist ein bisschen wie Urlaub - und wie ebendieser eigentlich nur in den Ferien möglich. Während andere Teenager nach der Schule oder spätestens am Wochenende mal alle Fünfe gerade sein lassen und unbeschwert in den Tag hineinleben können, hat sich das Leben für das Brüderpaar aus Bühl vor dreieinhalb Monaten grundlegend verändert: Es dreht sich quasi alles um Handball.

Seit Mitte August trainieren der 15-jährige Mathieu und sein 13 Jahre alter Bruder Benet, die Söhne des Phönix-Sinzheim-Trainers Kalman Fenyö, im Nachwuchsleistungszentrum des Bundesligisten SC Magdeburg und sind dafür aus dem beschaulichen Bühl in die rund 450 Kilometer - Luftlinie wohlgemerkt - entfernte Hauptstadt Sachsen-Anhalts gezogen. Ihr großes Ziel: Handballprofis werden.

Erste Erkenntnisse im dortigen Sportinternat: Wer ganz nach oben will, muss früh aus den Federn. "Mein Wecker klingelt um 5.50 Uhr", berichtet Mathieu. Sein kleinerer Bruder hat Glück: Bei ihm ist erst um 6.15 Uhr Schluss mit Kissenkuscheln: "Aufstehen geht bei mir schneller", sagt Benet und schmunzelt. Der Satz ist durchaus als kleiner Seitenhieb zu verstehen. Der weitere Tag der beiden ist eng getaktet: Um 7 Uhr startet der Unterricht an der Sekundarschule "Hans Schellheimer", eine von bundesweit 43 Eliteschulen des Sports. Dementsprechend steht bereits um 11 Uhr die erste Trainingseinheit auf dem Programm. Nach dem Mittagessen geht es wieder in die Schule bis in den frühen Nachmittag hinein, im Anschluss wieder Training bis circa 18.30 Uhr. Schwitzen mit der Landesauswahl Sachsen-Anhalts kommt manchmal noch obendrauf. Das Gute: Sporthalle, Mensa, Klassenzimmer - alles gruppiert sich am östlichen Elbufer zu einem kleinen Campus. Kein Fußweg kostet Mathieu und Benet mehr als fünf Minuten. Ihr großes Ziel haben sie dabei stets im Blick: Die Getech Arena, 7 000 Zuschauer fassende Heimspielstätte des SCM, in der Stars wie Matthias Musche oder Zeljko Musa auf Torejagd gehen, ist stets in Sichtweite.

Wenn die zwei nach dem Training wieder zurück im Internat sind - die Brüder wohnen auf unterschiedlichen Etagen und schlafen jeweils mit einem Mannschaftskollegen im Zimmer -, sind sie vollkommen K.o.: Zwar haben die beiden dann noch zwei Stunden Freizeit, aber "die Kraft hat man einfach nicht mehr, nach sechs Stunden Schule und drei bis vier Stunden Training nochmal in die Stadt zu gehen, oder so", berichtet Mathieu.

Familiengeschichte

wird fortgeschrieben

Was für Außenstehende nach purem Stress klingt, ist für die beiden Bühler genau ihr Ding. Nach einem Vierteljahr fällt das Fazit eindeutig aus: Ist das Leben und Trainieren im Internat anstrengend? Eindeutig ja! Würden die beiden sich noch einmal für einen Umzug von Mittelbaden nach Magdeburg entscheiden? Auf jeden Fall! Dabei hat sich dieser Karriereschritt früh abgezeichnet: "Schon mit fünf Jahren hat Mathieu gesagt: Ich gehe später mal aufs Sportinternat", berichtet Papa Kalman Fenyö. Auf bis zu neun Trainingseinheiten in der Woche kommen die zwei Brüder dort. Vergleicht man das mit ihrem bisherigen Pensum und rechnet dies hoch bis zum Ende der A-Jugend, kommt etwa Benet als C-Junior auf mehrere tausend Trainingsstunden mehr, als es beim bisherigen Verein SG Ottersweier/Großweier oder dem TuS Helmlingen der Fall gewesen wäre, wo beide das Handball-ABC erlernt haben, während ihr Papa die erste Mannschaft trainierte. Auch die Inhalte sind im neuen Umfeld um einiges professioneller: Für Mathieu stehen in der B-Jugend regelmäßig Videoanalysen im Trainingsplan.

Dass mittlerweile beide Söhne das behütete Umfeld in der Bühler Karl-Reinfried-Straße verlassen haben, obendrein in so jungen Jahren, ist vor allem für ihre Mama nicht gerade leicht. "Wenn die Jungs sagen, sie wollen das, dann kann ich das mittragen", sagt Nicole Fenyö-Auerbach, "aber für mich ist es schwer." Für etwas Beruhigung sorgt in diesem Fall die Tatsache, dass Oma und Opa in Köthen wohnen und damit nur rund eine Stunde entfernt. Kontakt hält die Familie per Telefon und WhatsApp, ein Elternteil fährt zudem spätestens alle zwei Wochen nach Magdeburg. "Als Familie ist das ein Riesenaufwand", sagt Papa Kalman, "aber solange sie zufrieden sind, kriegen sie alle Unterstützung".

Vater Fenyö tut sich mit der Entscheidung seiner Söhne naturgemäß etwas leichter, ist logischerweise auch durchaus Stolz, dass sein talentierter Nachwuchs den ersten Schritt gemacht hat, um irgendwann vielleicht in seine Fußstapfen zu treten: Fenyö senior hat insgesamt 33 A-Länderspiele für sein Heimatland Ungarn absolviert, inklusive WM-Teilnahme 1993 in Schweden. Bei der Junioren-WM 1991 in Athen war er obendrein Kapitän der Magyaren-Aus wahl.

"Leben in einer ganz

anderen Welt"

"Wir leben in einer ganz anderen Welt, was Handball betrifft", erklärt er. Bei den Fenyös drehte sich schon immer alles um den Ball, Mathieu und Benet schreiben sozusagen die eigene Familiengeschichte weiter. Ihr Großonkel Andras Fenyö war 1968 Mitglied der Weltauswahl, Opa Andreas Auerbach trug einst das Trikot der DDR-Nationalmannschaft, Onkel Alexander Auerbach spielte in den DHB-Juniorenteams, ihre Cousine Krisztina Barany lief schon als Teenager in der Champions League auf und war Mitglied des Allstar-Teams bei der Juniorinnen-WM 2013.

Bei dieser familiären Vorbelastung scheint der Weg in den Profibereich prädestiniert. Die beiden Talente sehen das allerdings realistisch, fast schon nüchtern. "Das ist noch weit weg", betont Mathieu. Entsprechend bescheiden lauten auch ihre kurzfristigen Ziele: "Genug Einsatzzeiten bekommen", sagt beispielsweise Mathieu, der mit der B-Jugend als jahrgangsjüngerer Akteur in der Oberliga-Mitteldeutschland spielt. Bruder Benet zieht als Stamm-Mittelmann auf der Platte die Strippen, aktuell in der C-Jugend. Dort will er "möglichst viele Tore erzielen und vielleicht ganz oben in der Torjägerliste stehen". Familiären Druck gibt es in Sachen Profitum keinen: "Die Jungs sollen ihren Weg machen und mit 17, 18 entscheiden: Ist das überhaupt etwas für mich, Profi zu werden?" Für Fenyö senior ist ohnehin "extrem wichtig, dass die Schule gut läuft".

Das steht übrigens auch für Mathieu und Benet ganz oben auf der Prioritätenliste, wenn auch aus anderen Gründen. Denn bei dauerhaft schlechten Zensuren kann es durchaus sein, dass auch auf der Platte Konsequenzen drohen. Das ist bisher zwar noch nicht vorgekommen, aber aus Erzählungen weiß Benet, dass das "Training ausfallen muss, wenn die Noten nicht stimmen". Und "ohne Training macht es überhaupt keinen Spaß", fügt sein Bruder hinzu und erklärt das Prinzip der Leistungsklassen, in die beide - zusammen mit Nachwuchsathleten vieler anderer olympischer Sportarten - gehen: "Wer zu schlecht im Sport ist, kommt nicht in die Leistungsklasse, und ist man schlecht in der Schule, ist man nicht mehr in der Mannschaft." Diesen Spagat meistert das Brüderpaar noch ohne Probleme. "Damit kann ich locker umgehen", versichert Mathieu. Benet betont: "Das ist alles machbar!"

Symbiose aus Schule und Handball passt

Die Symbiose aus schulischem und handballerischem Angebot hat für die Fenyös in Magdeburg ideal gepasst. Vor zwei Jahren hatte Mathieu bereits in Leipzig - neben Berlin und Magdeburg einer von drei Leuchttürmen in der Nachwuchsausbildung - eine Probewoche absolviert, sich letztlich aber gegen einen Wechsel entschieden. Als nun sein jüngerer Bruder von Martin Ostermann, Landesauswahltrainer in Sachsen-Anhalt und obendrein ein alter Kumpel von Papa Kalman, zu einer Probewoche nach Magdeburg eingeladen wurde, sprang Mathieu mit auf den Zug auf - mit Erfolg: Beide Jungs wurden genommen. Die Voraussetzung übrigens, dass der SCM überhaupt deutsche Youngster zu sich einlädt, ist die Berufung in einen Auswahlkader der bundesweit insgesamt 22 Landesverbände.

Und so heißen die Gegner mittlerweile nicht mehr HSG Hardt oder Steinbach/Kappelwindeck, sondern SG Flensburg-Handewitt oder Füchse Berlin. Mathieu und Benet Fenyö wissen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis sie vielleicht auch einmal mit der ersten Mannschaft der Magdeburger gegen die deutsche Elite auf der Platte stehen werden. Wenn es denn überhaupt je klappt. Bei einer Sache sind sich die Brüder aber sicher. Sollte sich irgendwann die Frage stellen, für welche Nationalmannschaft sie auflaufen - die ungarische oder die deutsche -, ist die Antwort klar. Beide sagen nahezu synchron: "Deutschland!"

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