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"Ihr könntet Euch nicht ehrlich Eures Sieges freuen"
09.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Frank Ketterer

Die Sätze machen Gänsehaut, der Wirkung ihrer Worte kann man sich nur schwer entziehen. "Noch eins", so steht da auf leicht vergilbtem Papier geschrieben: "Ich bitte Euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das eure Leistung angeblich steigert, und wenn es noch so harmlos, als vollkommen unschädlich oder wunderwirkend Euch angepriesen wird; auch wenn man Euch sagt, dass Ihr dann die einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück, seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an Eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet Ihr keinen Schaden, und davon habt ihr genügend zur Verfügung. Ich kann euch Beispiele nennen, welche Auswirkungen solche Mittel der Wettkampfvorbereitung hatten - jetzt würde das zu weit führen, glaubt mir nur so viel, dass es nie gut ist. Und wenn es nur das Schamgefühl wäre, das sich Eurer nach einem erfolgreichen Rennen bemächtigen würde - Ihr könntet Euch nicht ehrlich Eures Sieges freuen. Erspart es Euch und geht mit gutem Gewissen an den Start, die Nationalhymne klingt dann umso erhabener."

Die Leipziger Rudertrainerin Johanna Sperling hat diese Zeilen 1963 an einige ihrer Schützlinge geschrieben. Die Entdeckung des Briefs vor ziemlich genau zehn Jahren durch den Berliner Journalisten Jens Weinreich wurde zurecht als sporthistorische Sensation gewertet, schließlich ist er nicht nur ein beeindruckendes Dokument des Widerstandes und Mutes, sondern beweist gleichsam Dreierlei: Dass in der DDR bereits Anfang der 60er-Jahre, also lange vor dem per Staatsplan 14.25 angeordneten flächendeckenden Zwangsdoping medikamentös nachgeholfen wurde. Dass die gesundheitsgefährdende Wirkung der verabreichten Mittel sehr wohl bekannt war. Und schließlich, dass es durchaus Trainer gab, die sich dem Doping-Diktat des Staates verweigerten, auch wenn es nur wenige waren, die diese Courage besaßen, nicht zuletzt aus Angst vor Repressalien.

Johanna Sperling war eine davon. Schon früh sprach die Rudertrainerin des SC DHfK Leipzig mit ihren "Sperlingen", wie sie die von ihr betreuten Sportlerinnen nannte, über die Gefahren des Dopings und die schweren gesundheitlichen Schäden, die nicht zuletzt das von der Firma Jenapharm hergestellte anabole Steroid Oral-Turinabol, eine Art DDR-Hausdopingmittel, im schlimmsten Fall verursachen konnte und bei vielen Sportlern der DDR auch verursacht hat. Sie sah es einerseits als ihre Aufgabe an, ihre Sportlerinnen davor zu warnen und zu schützen. Und es entsprach zudem schlichtweg nicht ihrem Bild von Sport, ihren moralischen Vorstellungen, die sie mit ihm verband. "Wenn ich Medaillen nur mit Doping erreiche, muss etwas faul sein. Das galt für die DDR und das gilt heute noch", sagte Sperling einmal dem "Spiegel". Der "Leipziger Volkszeitung" wiederum vertraute sie an: "Ich wollte gewinnen, bin aber nie auf die Idee gekommen, das mit künstlichen Mitteln zu erreichen." Stattdessen habe sie ihre Aufgabe "immer darin gesehen, trainingsmethodisch Vieles besser zu machen als meine Gegner".

Johanna Sperling ist für diese, ihre Überzeugung eingetreten. Sie hat sich dem System widersetzt - und wurde in die zweite Reihe verbannt, ausgebremst von anderen Trainern, über die sie einmal sagte, sie hätten sich "mehr bei der Pharmaindustrie aufgehalten als im Training". Sperling selbst durfte fortan nur noch Nachwuchssportler trainieren.

Wie restriktiv die Staatsspitze mit Widerständlern umging, musste auch Henner Misersky erfahren, gute 20 Jahre, nachdem Johanna Sperling ihren Brief geschrieben hatte. Auch der Skilanglauf-Trainer beim SC Zella Mehlis im Thüringer Wald wagte es, sich dem Zwangsdoping von oben zu widersetzen. Im Frühjahr 1985 wurde Misersky von den Oberen des Skiverbandes kurz und knapp mitgeteilt, dass "unterstützende Mittel", wie Doping in der DDR verharmlosend genannt wurde, "ab sofort auch beim Nachwuchs zum Verbandsprogramm" gehöre, "wie im Frauenrudern und im Kanu".

Familie gerät

in Sippenhaft

"Talente mit Dopingmittel verbandsweit zu mästen, das hatte es bis dahin im Skilanglauf nicht gegeben. Meine Sportlerinnen haben kein Doping erhalten, darauf habe ich geachtet. Und nun sollte meine Tochter Oral-Turinabol schlucken. Für mich undenkbar", ließ Misersky dieses Erlebnis in einem Beitrag für den Berliner "Tagessspiegel" einmal Revue passieren. Bei der Tochter, von der da die Rede ist, handelte es sich um Antje Misersky, die zuvor, im Alter von 16 Jahren, unter der Anleitung ihres Vaters DDR-Meisterin über 20 Kilometer sowie ein Jahr später WM-Dritte mit der DDR-Staffel geworden war, ganz ohne Doping.

Auch Henner Misersky weigerte sich, wie Johanna Sperling, die Doping-Anordnung zu befolgen, auch er wusste um die gesundheitsgefährdende Wirkung der Mittel, gerade bei Mädchen. "Empört sagte ich im kleinen Kollegenkreis, meine Sportler würden da nicht mitmachen", erinnert er sich. Mindestens einer der Kollegen trug dies den Vorgesetzten zu. Diese versuchten Misersky umzustimmen, auf Linie zu bringen. Misersky: "Zunächst sanft, mit Versprechungen. Aber vergeblich." Entsprechend rauer wurde schnell der Ton. Leute wie er seien politisch unzuverlässig, hieß es nun. Kurz darauf folgte die Anordnung: "Misersky ist sofort zu entlassen." "Danach war ich gefeuert", schreibt Misersky in seinem Rückblick im "Tagesspiegel".

Olympiasieg als späte Genugtuung

Damit nicht genug: Die ganze Familie geriet in Sippenhaft. Tochter Antje wurde trotz ihres großen Talentes aus dem Leistungssport entfernt, wie das im DDR-Jargon hieß. Dass sie noch einmal in den Sport zurückkehren und gar Geschichte schreiben würde, konnte sie damals selbst nicht erahnen. Im Sommer 1989 war es soweit. Biathlon sollte bei den Winterspielen 1992 erstmals auch für Frauen olympisch werden. Nicht zuletzt weil die DDR bei Olympia den leistungsstarken Biathletinnen aus der Bundesrepublik die Medaillen nicht kampflos überlassen wollte, erinnerte man sich an das Riesentalent von einst. Antje Misersky überlegte lange, schließlich entschloss sie sich, auch auf Rat ihres Vaters, zum Comeback, auch weil der Gedanke, bei einem Start im westlichen Ausland flüchten zu können, immer größer wurde.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Mauerfall und Wiedervereinigung kamen dazwischen. Mit dem Biathlon hat Antje Misersky dennoch weitergemacht. Und wie! 1992 wurde sie im französischen Albertville in der ersten wiedervereinigten Olympiamannschaft seit dem Mauersturz über 15 Kilometer erste deutsche Biathlon-Olympiasiegerin. Es war die erste ihrer insgesamt vier Olympiamedaillen. Im Ziel schloss Antje damals Henner Misersky in den Arm. "Nur für dich", sagte sie zu ihrem Vater.

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