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"Die Hemmschwelle wird immer niedriger"
23.11.2019 - 00:00 Uhr
"Es gehört mittlerweile fast schon zur Normalität, dass Schiedsrichter verbal angegriffen werden. Das geht von noch eher harmlosen Beleidigungen bis hin zu Dingen, die deutlich unter die Gürtellinie gehen", sagt Bernhard Zerr. Der Mann muss es wissen, schließlich leitete er als Unparteiischer nicht nur Spiele bis hinauf zur Bundesliga, sondern ist seit über zwölf Jahren Schiedsrichter-Obmann des Fußballbezirks Baden-Baden. Zum Auftakt der BT-Serie "Unser 12. Mann" unterhielten sich die BT-Redakteure Moritz Hirn und Frank Ketterer mit dem 54-Jährigen.

BT: Herr Zerr, es ist noch nicht lange her, da wurde im hessischen Dieburg der Schiedsrichter eines Kreisligaspiels brutal zusammengeschlagen und musste mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von diesem Vorfall erfahren haben?

Bernhard Zerr: Ich war total schockiert. Ich bin ja jetzt schon ein paar Tage als Schiedsrichter und im Schiedsrichterwesen unterwegs, aber so einen brutalen Angriff habe ich noch nicht mitbekommen. Wobei man da auch ganz klar sagen muss, dass dieser üble Angriff nur deshalb an die Öffentlichkeit und in die Medien kam, weil er zufällig gefilmt und ins Netz gestellt wurde. Mein zweiter Gedanke, als ich die Szene gesehen habe, war dann: Hoffentlich war das ein einmaliger Vorfall. Das ist mein größter Wunsch.

BT: Wie Sie gerade gesagt haben, sind tätliche Übergriffe mit Körperverletzung wie jener in Dieburg glücklicherweise immer noch die Ausnahme, quasi die Spitze des Gewalt-Eisbergs. Wie sieht der Alltag aus?

Zerr: Es gehört mittlerweile fast schon zur Normalität, dass Schiedsrichter verbal angegriffen werden. Das geht von noch eher harmlosen Beleidigungen bis hin zu Dingen, die deutlich unter die Gürtellinie gehen. Und es ist auch keine Seltenheit, dass Trainer, Spieler und Offizielle eines Vereins Schiedsrichter nach dem Spiel bedrängen und auch körperlich angehen. Im Jugendbereich sind es oft die Eltern, die von draußen üble Dinge gegen den Schiedsrichter reinrufen, vielleicht weil sie denken, dass ihr Sprössling der nächste Marco Reus oder Robert Lewandowski werden muss. Die Hemmschwelle wird da immer niedriger. Das ist Alltag.

BT: Laut "Lagebild Amateurfußball", das der DFB jährlich herausgibt, wurden in der Saison 2018/19 Unparteiische 2 906 Mal angegriffen. Statistisch gesehen heißt das, dass, hochgerechnet auf die 58 000 Schiedsrichter im DFB, rund jeder 20. Referee davon betroffen ist. Stimmt das mit Ihrer Wahrnehmung überein?

Zerr: Wenn der DFB eine solche Statistik herausgibt, gehe ich davon aus, dass die Zahlen stimmen. Wobei man natürlich differenzieren muss, was ein Angriff ist. Wenn dazu auch ganz normale Beleidigungen zählen, also verbale Angriffe, ist die Zahl meines Erachtens sogar noch höher. Mit Beleidigungen hat es jeder Schiedsrichter jedes Wochenende zu tun.

BT: Gibt es Zahlen für den Bezirk Baden-Baden, dessen Schiedsrichter-Obmann Sie sind?

Zerr: Was tätliche Angriffe anbelangt, hatten wir im Bezirk Baden-Baden in dieser Saison bislang Gott sei Dank nur einen Vorfall. Aber ich finde, dass schon dieser eine zu viel ist.

BT: Mit welcher Art von Delikten hat man es auf Mittelbadens Sportplätzen am häufigsten zu tun?

Zerr: Wie gesagt mit Beleidigungen. Und mit Unterstellungen. Da wird einem Schiedsrichter dann, wie erst neulich passiert, vorgeworfen, er habe Geld genommen. In der Bezirksliga hatten wir zu Saisonbeginn zudem einen Fall, in dem von Betrug die Rede war. Ich habe da gesagt: Leute, ihr müsst euch mal informieren, was das Wort Betrug überhaupt bedeutet. Das ist ein enormer Vorwurf. Schockiert hat mich auch der Fall, in dem ein Trainer einen Schiedsrichter dabei fotografiert hat, wie er, wohlgemerkt in privatem Rahmen, ein Glas Bier trinkt - und dieses Foto auch noch rumgeschickt hat. Da habe ich kein Verständnis für. Wir haben alle ein Privatleben - und in dem kann man auch als Schiedsrichter mal ein Glas Bier trinken.

Interview

BT: Wie haben sich die Anfeindungen im Laufe der Zeit verändert?

Zerr: Stimmungen gegen Schiedsrichter gab es eigentlich schon immer. Auch früher wurde man mal als A... beschimpft oder ans Telefon gerufen. Aber früher war dann auch mal wieder gut und man hat sich nach dem Spiel zusammengesetzt, ein Bier miteinander getrunken und zusammen diskutiert. So soll es auch sein. Natürlich können und sollen auf dem Spielfeld Emotionen ausgelebt werden. Aber alles muss Grenzen haben. Und spätestens, wenn es unter die Gürtellinie geht und im allerschlimmsten Fall sogar zu körperlichen Attacken kommt, sind diese Grenzen überschritten.

BT: Von wem kommt mehr Anfeindung - von den Spielern auf dem Platz oder von den Zuschauern auf den Rängen und an der Bande?

Zerr: Im Jugendbereich kommt von den Jungs auf dem Platz so gut wie gar nichts. Wenn ich ein D-Jugendspiel ohne Schiedsrichter durchführe und auch die Eltern nicht dabei sind, dann regeln die das unter sich. Wenn da einer foult, bleibt er stehen, sagt sorry und überlässt dem Gegenspieler den Ball. Die Unruhe kommt nicht von den Kindern oder Jugendlichen, die kommt von Außen. Aber die Jungs nehmen das mit - und wenn sie älter werden, so ab 14, 15 oder 16, ist der Schiedsrichter auf dem Platz immer mehr ihr Feind, eben weil es ihnen so vorgelebt wurde. Der Übergang ist da fließend.

BT: Gibt es besondere Brennpunkte, also bestimmte Vereine, von denen Sie im Vorfeld schon wissen, dass die Wahrscheinlichkeit einer wie auch immer gearteten Eskalation größer ist als bei anderen?

Zerr: Es gibt sicherlich Vereine, bei denen es schwieriger ist, ein Spiel zu pfeifen. Die gibt es in jedem Bezirk, auch in unserem. Wir versuchen dem gerecht zu werden, in dem wir zu solchen Vereinen nicht gerade den jüngsten Schiedsrichter schicken, sondern eher einen alten Hasen, schon um eine mögliche Eskalation zu verhindern.

BT: Was war Ihr schlimmstes Schiedsrichtererlebnis?

Zerr: Als junger Schiedsrichter habe ich mal auf dem Weg in die Kabine von einem Zuschauer einen Schlag von hinten in den Nacken bekommen. Schlimmer empfand ich aber, als ich von einem Spieler mal angespuckt wurde. Das war echt heftig. Selbst wenn ich an diesem Tag schlecht gepfiffen haben sollte, berechtigt das niemanden, mich anzuspucken. Dieses Erlebnis blieb haften, weil es demütigend war.

BT: Der DFB hat von den Staatsanwaltschaften und Ermittlungsbehörden gerade größeren Ermittlungseifer, wenn es um Straftaten auf dem Fußballplatz geht, eingefordert. Auf der anderen Seite haben die Sportminister der Länder den DFB und seine Regional- und Landesverbände aufgefordert, stärker gegen Gewalt gegen Schiedsrichter vorzugehen. Wird sich da nicht gegenseitig die Zuständigkeit und letztendlich auch die Schuld zugeschoben?

Zerr: Das weiß ich nicht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann. Schuld und Zuständigkeit hin und her zu schieben, bringt uns nicht weiter. Und wenn man sich zusammensetzt und gemeinsame Schritte plant und unternimmt, dann müssen die Wirkung erzielen und nachhaltig sein.

"Bei Frauenspielen geht es gesitteter zu"

BT: In Berlin wurde ein ganzer Spieltag aus Protest abgesagt. Sie haben sich über diesen Boykott eher kritisch geäußert. Warum?

Zerr: Weil sich mir die Frage stellt: Was passiert danach? Was mache ich, wenn es gleich nach dem ausgefallenen Spieltag wieder einen Vorfall, einen Übergriff gibt? Was habe ich da noch in der Hand? Wie kann ich da noch ein Zeichen setzen? Mein Gegenvorschlag zu einem Boykott wäre es zu sagen: Wir spielen an einem Samstagnachmittag zwar nicht Fußball, aber wir treffen uns zu einer Infoveranstaltung. Jeder Verein muss seinen Trainer, den Kapitän und einen Spieler schicken - und dann setzen wir uns zusammen und tauschen uns aus, in welcher Form auch immer. Ob das wirklich etwas bringt, weiß ich nicht. Aber es wäre mal eine Idee - und einen Versuch wert.

BT: Macht es bei den Anfeindungen einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau das Spiel leitet?

Zerr: Wir haben bei uns im Bezirk ja wenig Schiedsrichterinnen, aber ich denke, dass die Hemmschwelle höher ist, wenn eine Frau pfeift. Wenn eine Frau allerdings ein Frauenspiel pfeift, dann ist diese Hemmschwelle auch wieder niedriger. Wobei es bei Frauenspielen ohnehin gesitteter zugeht.

"Manche legen sich



ein dickes Fell zu"

BT: Sie haben bereits angesprochen, dass Kinder und Jugendliche oft von Außen beeinflusst werden. Wie sehr sind diesbezüglich auch die Bundesligaprofis gefordert? Oder anders gefragt: Wie oft sind sie zu schlechtes Vorbild?

Zerr: Oft. So ein Fall wie der zwischen Frankfurts David Abraham und Freiburgs Trainer Christian Streich ist für die Basis ein ganz schlechtes Zeichen. Wenn die Profis das so vormachen, zieht sich das wie ein roter Faden nach ganz unten.

BT: Wie gehen die Schiedsrichter denn mit all den Anfeindungen um? Wie verarbeitet man das?

Zerr: Unterschiedlich. Manche verlieren nach einem halben Jahr die Lust auf die Schiedsrichterei, manche legen sich ein dickes Fell zu. Wobei das mit dem dicken Fell auch nicht immer gut ist, dann nämlich, wenn daraus eine gewisse Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit wird. Prinzipiell kann ich es aber verstehen, wenn ein Schiedsrichter nach ein oder zwei Jahren einfach nicht mehr will.

BT: Von was für einer Zahl sprechen wir da?

Zerr: Wenn wir einen Neulingslehrgang mit 20 Mann nehmen, sind von denen nach drei, vier Jahren maximal noch sieben oder acht übrig. Alle andern haben sich bis dahin, aus unterschiedlichen Gründen, wieder von der Schiedsrichterei verabschiedet.

BT: Herr Zerr, wie machen Sie einem Jugendlichen das Schiedsrichtersein bei alledem dennoch schmackhaft?

Zerr: In dem wir ihm aufzeigen, welche Möglichkeiten sich ihm im besten Fall auftun können. Wir haben da ja im Bezirk mit unserem Aushängeschild Daniel Schlager das beste Beispiel. Daniel ist 29 Jahre alt und pfeift Bundesliga. Das müssen wir den jungen Leuten klarmachen: Dass sie, wenn sie dabei bleiben und die richtige Einstellung sowie Talent mitbringen, in der Schiedsrichterei etwas erreichen können. Davon abgesehen ist es durchaus auch so, dass die Erfahrungen, die man als Schiedsrichter macht, einen auch im Alltag weiterbringen, gerade was Lebenserfahrung und Persönlichkeit anbelangt. Nicht zuletzt Arbeitgeber wissen das zu schätzen.

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