https://www.badisches-tagblatt.de/spielerwahl/index.html
Gedränge wie bei der Loveparade
27.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Christoph Ruf

Pünktlich um 14 Uhr begann das gestrige Training beim Karlsruher SC. Doch im Gegensatz zu den Spielern hatte auf der Geschäftsstelle niemand Zeit und Muße, sich mit den Vorbereitungen auf das Heimspiel am Freitag gegen Regensburg zu beschäftigen. Zu sehr wirken die Ereignisse vom Sonntag nach, als knapp 600 Karlsruher Fans fünf Stunden lang von der Polizei eingekesselt worden waren. "Bei uns stapeln sich die Beschwerden", berichtet KSC-Geschäftsführer Michael Becker. "Und alle stützen den Tenor unserer Erklärung, dass die Umsetzung der Maßnahmen unverhältnismäßig und kritikwürdig war."

Becker selbst kann sehr gut beurteilen, wie glaubwürdig die Schilderungen der betroffenen Fans sind. "Ich habe mir am Sonntag selbst ein Bild machen wollen und bin vor den Gästeeingang gegangen." Eine Aussage, warum diese Polizeimaßnahme getroffen wurde, erhielt auch er von einem der leitenden Beamten nicht. Nachdem sich Becker ausgewiesen hatte, konnte er den Kessel nach einer Stunde wenigstens wieder verlassen. Andere, darunter auch Frauen und Minderjährige, hatten weniger Glück. Beim KSC gemeldet hat sich unter anderem eine Frau, die sich im Kessel eingenässt hat, weil ihrer wiederholten Bitte, eine Toilette aufsuchen zu dürfen, nicht entsprochen wurde. Augenzeugen berichten, dass erst kurz vor Spielbeginn Dixi-Toiletten angeliefert wurden, aus dem Kessel seien aber nur wenige herausgelassen worden.

Mittlerweile haben die Beschwerden auch die Landesregierung erreicht. So haben sich die Eltern von 14-Jährigen, die über Stunden festgehalten worden waren, in einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewandt. "Wir haben den begonnen Dialog zwischen Polizei und Fans von Anfang an sehr begrüßt", sagt derweil Petra Häffner, die für die Grünen im Stuttgarter Sportausschuss sitzt. "Es wäre schade, wenn der jetzt zum Erliegen käme. Dass die Polizei entschlossen gegen Gewalttäter vorgeht, kann ich aber nachvollziehen."

Schon im Februar 2019 waren 1 000 Freiburger Fans an gleicher Stelle in Stuttgart eingekesselt worden, die Szenerie hatte neutrale Beobachter an das Gedränge bei der Duisburger Loveparade erinnert. Damals hatte sich die Stuttgarter Polizei im Nachgang für das Vorgehen entschuldigt. Warum sie dann 19 Monate später erneut zu einer solchen Maßnahme gegriffen hat, würde die KSC-Verantwortlichen nun sehr interessieren. Denn am Sonntag wiederholte sich die Szenerie offenbar exakt: "Links war eine Kette aus etwa 15 Polizeiwagen, rechts eine Böschung, vorne das Stadion, hinten ein Wasserwerfer", berichtet ein KSC-Fan, der die Enge "bedrohlich" fand.

Nach massiver Kritik hat die Polizei nach dem Derby ihre ursprünglichen Stellungnahmen in zwei Punkten revidiert. So wurde die Zahl der ausgesprochenen Platzverweise von 200 auf 591 angehoben. Zudem gibt es nach wie vor ein Fragezeichen, warum die Polizei überhaupt vom ursprünglichen Plan abgerückt ist, der vorgesehen hatte, die zwölf Busse, mit denen die aktive Karlsruher Fanszene angereist war, direkt zur Gästekurve zu fahren. Bis Montagmittag hatte man noch verlautbaren lassen, man sei vom vor Wochen beschlossenen Plan abgerückt, weil über Nacht Pyrotechnik im Gästeblock gefunden worden sei. Am Nachmittag erklärte Polizeisprecher Stephan Widmann dann auf BT-Nachfrage, nicht der Pyro-Fund sei der Grund gewesen, sondern "Erkenntnisse vom Vormittag, dass Karlsruher Fans Pyrotechnik und Vermummungsmaterial mitführen". Was genau es mit der Pyrotechnik in der Gästekurve auf sich habe, könne er nicht sagen, da es sich "um Täterwissen" handele. De facto stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest, dass es Stuttgarter Fans gewesen waren, die drei rote Rauchkörper und einen Zeitzünder unter dem Podest des KSC-Vorsängers versteckt hatten. Der Plan war offenbar, dass der per Knopfdruck aus der Heimkurve in roten Rauch gehüllt werden sollte.

Dass es von langer Hand geplant gewesen sei, zumindest die Karlsruher Ultras nicht ins Stadion zu lassen, bestreitet die Polizei. Man habe "nur auf die Ereignisse beim Marsch von Untertürkheim bis zum Stadion" reagiert und kurzfristig beschlossen, die rund 200 Ultras nicht in die Arena zu lassen. Tatsächlich hatten KSC-Fans dort zwei Böller detonieren lassen, einer davon wurde Richtung Polizei geworfen, auf einer Baustelle, so die Polizei, habe zudem ein Fan Absperrmaterial Richtung Polizisten geschleudert. Die jeweiligen Täter wurden identifiziert und abgeführt. Warum man danach dennoch fast 600 Personen den Stadionzutritt verwehrt hat, versteht KSC-Geschäftsführer Becker nicht: "Dass diejenigen, die so etwas tun, zur Verantwortung gezogen werden, begrüßen wir natürlich." Dafür, dass mehrere hundert völlig unschuldige KSC-Fans über Stunden festgehalten werden, fehle ihm allerdings das Verständnis.

BeiträgeBeitrag schreiben 
Umfrage

Der ADAC hat seine ablehnende Haltung in Sachen Tempolimit aufgeweicht. Befürworten Sie eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen?

Ja.
Nein.
Das ist mir egal.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1