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"Alle auf den Schiri!"
30.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Moritz Hirn

Wenn ich so pfeifen würde, würde ich mir einen Nagel kaufen, ihn in die Wand hauen und mich daran..." Der Rest des Satzes verschwindet mit dem Spieler des SV Au am Rhein in der Umkleidekabine. Das fehlende Wort indes ist nicht schwer zu erahnen. Die Brutalität des Gesagten lässt die, die es vernommen haben, konsterniert zurück. Der eigentliche Adressat des Wutausbruchs bekommt davon nichts mit. Schiedsrichter Hendrik Jörger sitzt zu diesem Zeitpunkt in seiner Kabine und ist völlig aufgelöst. Er atmet tief und hat Mühe, die Fassung zu wahren. "Das war alles ein bisschen viel gerade", sagt der 18-Jährige. Seine Stimme zittert. In den Minuten zuvor ist einfach zu viel Wüstes auf den jungen Referee hereingeprasselt: Verbale Anfeindungen. Drohgebärden. Hämische Gestiken. "Wir sind noch nie so verpfiffen worden", glaubt sich ein Zuschauer älteren Semesters zu erinnern. "Dem gehört die Pfeife weggenommen", fordert ein anderer. Es ist offensichtlich: Für Spieler und Fans des Heimvereins ist Jörger der Schuldige, der Grund, warum die Kreisligapartie gegen den SV Staufenberg mit 1:2 verloren ging.

Vor fünf Jahren, mit gerade mal 13, hat Jörger den Neulingslehrgang für Schiedsrichter absolviert, kurz darauf sein erstes Spiel geleitet. Mittlerweile pfeift er Begegnungen bis hoch in die Bezirksliga. Auch Brenzliges hat er dabei schon durchgestanden, "aber in der Größenordnung habe ich es noch nicht erlebt", so "emotional aufgewühlt" sei er noch nie gewesen, versichert der Referee mit mittlerweile wieder gefassterem Tonfall: "Vieles perlt an einem ab." Aber eben nicht alles.

Auf Herbstidyll folgt



Sturm der Entrüstung

Im Auer Oberwald weht Jörger schon beim Warmlaufen ein fieser Wind ins Gesicht, der die Blätter von den bunt gefärbten Laubbäumen bläst. Vom späteren Sturm der Entrüstung ist eine halbe Stunde vor Spielbeginn aber noch nichts zu erahnen. Stattdessen: herbstliches Kreisliga-Idyll. Die Schraubstollen klackern auf dem Asphalt, als die Spieler beider Teams tröpfchenweise auf den Platz traben, um sich aufzuwärmen. Am Himmel 50 Schattierungen von Grau, es ist frisch. Arjen Robben hätte wohl seine Thermohosen übergestreift. Das Geläuf ist tief und holprig: "Das ist der schlechteste Rasen, den ich je gesehen habe", ist aus dem Staufenberger Lager zu hören. Im Stadionheft werden derweil alle Beteiligten begrüßt, verbunden mit der "Bitte an alle Zuschauer: Seid fair zum 23. Mann. Ohne Schiri geht es nicht!" Jörger kontrolliert indes die rot-weißen Tornetze, später in der Kabine sortiert er seine Utensilien. Vor allem die Gelbe und Rote Karte wird er später noch brauchen.

14.45 Uhr - ein energischer Pfiff: Das Spiel beginnt. Beide Mannschaft suchen in Hälfte eins immer wieder spielerische Lösungen auf dem zerfurchten Grün, haben - entgegen eingangs geäußerter Befürchtungen - wenig Probleme mit der Oberflächenbeschaffenheit. Auch Referee Jörger hat alles im Griff. Nach rund drei Minuten ein erster Pfiff: ein harmloses Foul, weiter geht's. Zweimal zückt Jörger Gelb, einmal wird es brenzlig: Nach einer halben Stunde fordert das Auer Lager Elfmeter, Jörger lässt weiterspielen. "Kein Strafstoß, ganz sicher", lautet sein Kommentar. Auch die Proteste der Protagonisten halten sich in Grenzen, ein Zuschauer fordert den Videobeweis: "Ruf' mal in Köln an!"

Derweil machen die Hausherren das Spiel, die Gäste das Tor: Spielertrainer Florian Huber zieht aus rund 25 Metern ab - an Freund und Feind vorbei hoppelt die Kugel ins Tor. Hinter der Barriere wird über das Vorspiel der Reserve und richtiges Autotuning schwa-

droniert. Wenig später: Pfiff. Halbzeit. 0:1. "In Hälfte zwei wird es noch abgehen", prophezeit Ralf Kientz. Der 46-Jährige ist als Schiedsrichterbeobachter vor Ort. Er soll recht behalten.

Während sich Schiri Jörger in der Kabine kurz sammelt und die Spieler sich aufwärmen, wird der Außenkiosk mit dem trügerischen Namen "Palmengarten" zum Sehnsuchtsort für alle fröstelnden Zuschauer. Geschätzte 100 säumen das Geviert. Es gibt Glühwein. Ein Schild vor der Theke kündet von wärmeren Wochenenden: "Sommerschorle: 3 Euro + 1 Euro Pfand". Dann rollt der Ball wieder.

Je mehr die Feuchtigkeit den Zuschauern in die klammen Glieder und den Spielern in die vom Grätschen verdreckten Stutzen kriecht, desto hitziger wird die Partie. Es beginnt mit einem kleinen Scharmützel an der Seitenlinie - eines von vielen. Der Staufenberger Linienrichter hadert mit der Hierarchie und gibt Jörger permanent Anweisungen. Das wiederum missfällt dem Auer Anhang: "Du sollsch winke", wird der Mann mit der Fahne gemaßregelt. "Und du sollsch dei Gosch halte", lautet dessen Replik. Jörger bleibt cool, aber der Ton wird rauer. Vor allem von Außen: "Der pfeift einen Scheißdreck", brüllt der Staufenberger Anhang, nachdem der Auer Björn Höllig den ruhenden Ball im Anschluss an ein Foul sehenswert in die Maschen streichelt. "Döpp, Döpp, Döpp", knarzt die "Scooter"-Torhymne aus den Boxen. "Du Hirnsupp", dröhnt ein anderer Auer Lautsprecher.

Die Hektik auf den Rängen überträgt sich sukzessive aufs Spielfeld, die Partie wird nickliger, Provokationen haben Hochkonjunktur. Äußerlich bleibt Referee Jörger ruhig, aber dass sich der Charakter des Spiels wandelt, ist offenkundig. "Die ersten zehn Minuten in der zweiten Hälfte waren noch in Ordnung, aber danach wurde es extrem schwierig, die Partie zu leiten", sagt er später: "Es war unübersichtlich." Daran hat auch Jörger ein Stück weit seinen Anteil. Das findet zumindest Beobachter Kientz, der in der kurzen Besprechung nach der Partie gern eine etwas kleinlichere Gangart gesehen hätte. "Beim nächsten Mal will ich, dass du bei so was Rot zeigst", rekapituliert er eine Szene in Minute 77, als ein Staufenberger in bester Maik-Franz-Manier mit Anlauf angeflogen kommt, seinen Gegenspieler über die Seitenlinie grätscht, dafür aber nur Gelb sieht. "Das hat auf dem Sportplatz nichts verloren", betont Kientz.

Nase an Nase

mit dem Referee

Nach einer Foulstafette wird es vogelwild. Tumulte: Es wird geschubst, getreten, beleidigt. Nicht alles kriegt Jörger mit. Er bleibt weiter ruhig, arbeitet die Strafen ab. In dieser Phase droht dem Unparteiischen aber die Partie zu entgleiten. "Keiner von uns macht alles richtig", sagt der erfahrene Schiedsrichter Kientz über seine Gilde, in den wichtigen Entscheidungen geht er aber mit seinem Schützling d'accord. Beispielsweise als dieser zwei Treffern des SV Au eine Anerkennung verweigert.

Der Auer Fanblock ist hingegen außer sich. Verstärkt wird die Wut durch die Tatsache, dass Staufenbergs Nicolas Steimer nach einem blitzsauberen Konter zwischenzeitig per Volleyabnahme das 1:2 erzielt hat: "Kein Wunder, dass die auf die Knochen kriegen", schreit es von jenseits der Bande in Richtung Schiri. Ganz offenbar haben einige Zuschauer von den jüngsten Vorfällen gelesen, bei denen Schiedsrichter tätlich angegriffen wurden. Unrühmlicher Höhepunkt: Bei einem Kreisligaspiel im hessischen Dieburg wurde der Unparteiische mit einem brutalen Faustschlag bewusstlos geschlagen und musste mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Soweit kommt es in Au nicht. Angriffe gibt es aber dennoch, verbaler Natur: "Skandal", "Lachnummer", "Pfeife" sind noch die harmloseren Beleidigungen, die dem Unparteiischen kurz vor dem Ende und direkt nach dem Schlusspfiff um die Ohren fliegen.

Einmal hat aber auch Jörger Angst, allerdings "keine große", wie er betont. Dabei erinnert die Szene fünf Minuten vor dem Ende im Ansatz verdächtig an die verwackelten Youtube-Videos von Attacken auf Schiedsrichter, die aktuell immer wieder im Netz kursieren. Nach einer Notbremse schickt Jörger einen Auer Spieler mit Rot vom Platz, danach wird der Schiri eingekesselt. Ein halbes Dutzend Akteure in Weiß-Rot stürmen auf ihn zu, bedrängen ihn. Nasen an Nase, Rudelbildung in Reinform. "Alle auf den Schiri!", johlt ein Zuschauer. Doch der schmächtige Jörger bleibt standhaft. "Absolut richtig entschieden, richtig gehandelt, richtig ausgesprochen", beurteilt Kientz im Nachgang die Szene: "Natürlich gibt es noch Potenzial, einiges besser zu machen. Aber was die Kernpunkte angeht, hast du richtig gelegen. Besonders gut hat mir gefallen, dass du immer ruhig geblieben bist."

Wahrscheinlich auch aufgrund dieser Worte wird Hendrik Jörger das Pfeifen so schnell nicht sein lassen. Natürlich hat er sich schon mal gedacht: "Warum tue ich mir das Woche für Woche an. Gerade nach so einem Spiel wie heute." Er kann dem turbulenten Samstag aber auch Positives abgewinnen - so widersinnig das nach den ganzen Anfeindungen klingen mag: "Ich kann aus solchen Situationen lernen und es beim nächsten Mal vielleicht besser machen." Obendrein, das versichert der 18-Jährige: "Es macht mir auf jeden Fall noch Spaß!" So großen, dass der Fußballer Jörger - er spielt aktuell in der A-Jugend des SC Eisental - darüber nachdenkt, sich tatsächlich bald einen Nagel zu kaufen, ihn in die Wand zu hauen - seine Kickschuhe daran aufzuhängen und sich gänzlich auf die Schiedsrichterei zu konzentrieren.

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