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"Fußball funktioniert wie Ebbe und Flut"
11.01.2020 - 00:00 Uhr
Arnd Zeigler ist mittlerweile ein Stück deutsche Fußball-Fernsehgeschichte. Seit August 2007 lässt der 54-Jährige jeden Sonntagabend mit seiner Sendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" im WDR die Woche Revue passieren, präsentiert längst vergessen geglaubte Fundstücke aus der Anfangszeit der Bundesliga oder zeigt einfach den lustigen Alltag auf den Kreisliga-Sportplätzen der Republik. Zudem ist Zeigler Stadionsprecher bei seinem Herzensverein Werder Bremen. Seit 2013 ist er außerdem Co-Moderator in der ARD-Sendung "Sportschau Club". Seit März 2018 ist Zeigler mit seiner Fußball-Show auch live auf Tour durch Deutschland. Mit seinem aktuellen Programm "Dahin, wo es wehtut" gastiert er am Mittwoch im Rantastic in Haueneberstein. Mit unserem Redakteur Christian Rapp sprach der Fußballliebhaber über sein Programm, sein momentan schweres Leben als Werder-Anhänger und die Liebe zum Amateurfußball.

Interview

BT: Herr Zeigler, wo tut es denn gerade weh?

Arnd Zeigler: Derzeit tut es nur meinem Lieblingsverein etwas weh. Ansonsten bin ich frohen Mutes, dass mir auf der Tour nix wehtun wird.

BT: Für Sie als glühender Werder-Fan und Stadionsprecher muss die bisherige Bundesligasaison ja ziemlich schmerzhaft sein...

Zeigler: Das auf jeden Fall, da leidet man immer wie ein Hund. Gerade wenn man nach der guten Vorsaison mit einem positiveren Verlauf gerechnet hat. Da ist man schon genervt.

BT: Sie haben aber Hoffnung auf Besserung - auch unter Trainer Florian Kohfeldt?

Zeigler: Ja, definitiv. Dafür sind Mannschaft und Trainer zu gut. Ich bin ein großer Freund der Theorie, dass man im Fußball auch mal eine Durststrecke durchstehen muss, bis es wieder besser läuft. Im heutigen Fußball wird zu kurzfristig und zu verrückt gedacht. Man muss etwas Demut haben und auch eine schlechte Phase hinnehmen, damit eine nachhaltige Entwicklung stattfinden kann.

BT: Ist es aber nicht gerade diese Leidensfähigkeit, die das Salz in der Fußball-Suppe eines jeden Anhängers ist? Erfolgsfan kann ja jeder...

Zeigler: Das ist auch ein Kernthema meiner Auftritte, diese Leidensfähigkeit, die der Fußball mit sich bringt. Der Fan nimmt für seinen Verein viele Entbehrungen auf sich, zahlt viel Geld für Stadionbesuche und Auswärtsfahrten, man geht montags nicht gerne zur Arbeit wenn der Verein verloren hat. Aber trotz des ganzen Leids bekommt man vom Fußball auch viel Liebe, viele Emotionen zurück. Das ist das Tolle am Fußball!

BT: Wie sähe für Arnd Zeigler eigentlich eine wunderbare Fußball-Welt aus? Oder gibt es sie überhaupt noch?

Zeigler: Es gibt viele Kröten, die man mittlerweile als Fan schlucken muss. Für mich wäre die perfekte Fußball-Welt eine Welt, in der der Bundesligaspieltag daraus bestehen würde, dass zwei Spiele am Freitagabend und der Rest am Samstagmittag sind, man somit keinen Salami-Spieltag mehr hat und die Spiele alle auf einem Sender schauen kann. Am Sonntag steht dann der Amateurfußball im Fokus. Man unterstützt seinen Heimatverein, isst eine Wurst, trinkt ein Bier. Damit könnte ich sehr viel besser leben.

BT: Weitere Wünsche?

Zeigler: Außerdem würde es auch nicht schaden, wenn die Spanne zwischen großen und kleinen Vereinen nicht mehr so groß wäre, wie sie derzeit ist. Schon vor 20, 30, 40 Jahren wurde darüber diskutiert, dass die reichen Vereine zu reich sind, und die armen zu arm, aber es ist seitdem noch viel, viel schlimmer geworden. Neulich hat Werder gegen Bayern gespielt (Anm. d. Redaktion: 6:1-Sieg für München), da hat die gesamte Bremer Mannschaft so viel gekostet wie Münchens Neuzugang Benjamin Pavard - und zwar 35 Millionen Euro. Das ist eigentlich nicht mehr dieselbe Sportart. Ich habe Angst, dass es eine Mehrklassengesellschaft gibt, in der selbst die guten Teams so reich und aufgepumpt sind - durch die ständigen Champions-League-Teilnahmen -, dass da keine Unwägbarkeiten mehr passieren. So etwas wie der FC St. Pauli, der 2002 nach dem Sieg gegen Bayern München in Weltpokalsiegerbesieger-Shirts rumlief, gibt es nicht mehr. Natürlich ist es legitim, wenn der FC Bayern als große Wirtschaftsmacht einen so guten Kader hat, dass er sich mit den ganz Großen in Europa messen kann. Aber für die Bundesliga und für die Freude als Fan ist es ganz schlecht, wenn der FC Bayern mittlerweile eine Ersatzbank hat, wo jeder Spieler 30 Millionen gekostet hat und Thomas Müller und Coutinho eingewechselt werden. Diese Relation sorgt dafür, dass es immer weniger Unwägbarkeiten und Spannung in den Stadien gibt. Eigentlich ist ja im Fußball das Tolle, dass man nicht weiß, wie es ausgeht. Genau das geht etwas flöten.

"Ich war ein blutiger Fernsehanfänger"

BT: Haben Sie für diese düstere Entwicklung ein Gegenrezept parat?

Zeigler: Ich fürchte, dass sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt. Man kann ja den Vereinen nicht verübeln, dass sie das Bestmögliche herausholen wollen. Man darf aber auch nicht zusehen, wenn es eine zu große Schieflage gibt. Je mehr der FC Bayern auf Augenhöhe mit Manchester City oder Paris St. Germain ist, umso mehr entfernen sie sich von den Fans in Deutschland - und die Bundesliga wird abgewertet. Das sollte man tunlichst im Auge behalten, dass dies nicht passiert.

BT: Hört sich nach einer bedenklichen Entwicklung an, die der Bundesliga da bevorsteht?

Zeigler: Ich könnte zwanzig Sachen nennen, die ich vor vielen Jahren noch toller fand: Da waren noch keine Stadionnamen verkauft, die Vereine haben deutlich mehr von eigenen Spielern gelebt, die Verweildauer der Spieler bei einem Verein war länger. Das sind alles Dinge, die den Fußball entwerten, aber als Fan kommt man nicht raus aus der Sache, ärgert sich darüber, aber der Fußball an sich macht ja trotzdem weiterhin Spaß.

BT: Kommen wir zu erfreulicheren Themen. Anfang Dezember flimmerte die 400. Folge "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" über die Mattscheibe. Hätten Sie im August 2007, als alles begann, von dieser Marke zu träumen gewagt?

Zeigler: Nein, überhaupt nicht. Das war 2007 erstmal ein Test, ob so eine Sendung aus einer Wohnung funktionieren kann. Ich war ein total blutiger Fernsehanfänger, der nicht wusste, ob er das überhaupt kann. Zu der Zeit wurden gleich vier, fünf ähnliche Formate eingeführt, aber nur unsere Sendung hat überlebt. Eigentlich habe ich nie zum Fernsehen gewollt, ich hab' das nie als besonders erstrebenswert angesehen, aber mittlerweile ist es ein ganz wichtiger Teil meines Lebens geworden. Ich habe eine Kombination von Jobs, die alle damit zu tun haben, dass ich Fußballfan sein darf. Das ist ein großes Privileg und macht riesigen Spaß. Das Format hat all die Jahre überdauert, weil die Leute merken, dass es nicht ein Produkt von der Stange ist, sondern dass ganz viel Herzblut drinsteckt.

BT: Charly Körbel ist mit 602 Bundesliga-Spielen Rekordhalter. Eine Marke, die Sie mit der Sendung anvisieren?

Zeigler: Ich hoffe jedenfalls, dass es noch sehr lange weitergehen darf. Ob ich nun Charly Körbel überhole, weiß ich nicht. Ich hoffe es aber sehr, alles andere würde nämlich bedeuten, dass es die Sendung keine fünf Jahre mehr gibt. Daran will ich gar nicht denken, deswegen gehe ich davon aus, dass ich irgendwann Körbel überhole und freue mich darauf.

BT: Wer war denn bisher Ihr Lieblingsgast?

Zeigler: Es ist für mich sehr, sehr schön, dass wir von Anbeginn immer ganz viel mit Jürgen Klopp zu tun hatten. Gäste im eigentlichen Sinne habe ich ja nicht. Ich habe zu Hans Meyer ein sehr freundschaftliches Verhältnis, zu Jürgen Klopp, zu Christian Streich, der dieses Format mag. Das sind alles Leute, die eine ähnliche Humorebene haben und den Fußball so sehen wie ich.

"Dann können wir den Laden dichtmachen"

BT: Über wen würden Sie sich als Teil der Sendung freuen?

Zeigler: Das ist eine ganz schwierige Frage. Bisher habe ich immer Uli Hoeneß geantwortet, weil ich ihn als Persönlichkeit hochkontrovers und spannend finde.

BT: Er hätte ja jetzt als Ehrenpräsident des FC Bayern mehr Zeit.

Zeigler: Er hat mir tatsächlich schon mal zugesagt für die Sendung, und zwar bevor er Bayern-Präsident geworden ist. Dann hatten wir aber Terminfindungsschwierigkeiten, er hat mich immer wieder vertröstet. Und irgendwann bin ich an seiner Vorzimmer-Dame nicht mehr vorbeigekommen. Es ist eigentlich seit zehn Jahren ein Projekt, mit Uli Hoeneß mal eine Sendung zu machen. Mittlerweile irritiert es mich etwas, mit welcher Unnachgiebigkeit und Härte er nach dem Gefängnisaufenthalt zurückgekommen ist. Er hatte so eine tolle Karriere als Spieler, wurde Weltmeister, ist mit 27 schon Bayern-Manager geworden, hat den Verein allein groß gemacht. Wenn ich Uli Hoeneß wäre, wäre ich viel entspannter und stolzer auf mein Lebenswerk, als dass ich ständig irgendwelche Kritiker angehen würde. Dieser Punkt an ihm irritiert, macht ihn aber wiederum auch spannend.

BT: Hörfunkserie, die WDR-Sendung, der Podcast "All you need is Ball" - seit zwei Jahren gehen Sie nun auch mit der "wunderbaren Welt des Fußballs" auf Tour. Worauf darf sich das Publikum am 15. Januar freuen?

Zeigler: Es hat sich bisher herauskristallisiert, dass diese Abende für alle Beteiligten schöne, sehr lange Fußballabende werden, meistens bis 23 Uhr. Mein Ziel ist es, dass hinterher alle rausgehen und sich innerlich in den Armen liegen und sagen: Mensch, Fußball ist wirklich toll! Nach der Show stehe ich grundsätzlich im Foyer, trinke ein Bier und quatsche mit den Leuten, die alle eins gemeinsam haben - die Liebe zum Fußball.

BT: Ihr Herz schlägt bekanntlich auch für den Kreisligafußball. Hand aufs Herz, wie ist es mit Ihren fußballerischen Fähigkeiten bestellt?

Zeigler: Ich habe immer ganz unterklassig gespielt. Ich war dummerweise als Jugendlicher sehr schmächtig und klein, mit athletischen Fähigkeiten konnte ich also nicht aufwarten, langsam war ich auch. Das wäre alles ja noch gegangen, wenn ich ein Super-Techniker gewesen wäre, aber das war ich leider auch nicht. Wenn ich jetzt mal wieder spielen würde, müsste ich erstmal zwei Monate ins Trainingslager gehen.

BT: Im Herbst stand der Amateurfußball bundesweit im Fokus. Ein Schiedsrichter wurde bei einem Kreisligaspiel krankenhausreif zusammengeschlagen. Wie war Ihre erste Reaktion?

Zeigler: Man erschreckt bei solchen Meldungen schon sehr. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass ein Schiedsrichter derart angegangen wird. Man hätte den Schiri in seiner Autorität nie in Frage gestellt. Das ist eine Sache, der man nun total entschieden Einhalt gebieten muss. Wenn der Respekt vor den Schiedsrichtern und den Gegenspielern fehlt, dann können wir den Laden dichtmachen. Jeder, der den Fußball mit solchen Aktionen derart missachtet, muss aus dem Verkehr gezogen werden, ansonsten funktioniert der Fußball nicht - schon gar nicht in der Kreisliga, wo man auf der Soli-

darebene spielt, wo die Schiedsrichter manchmal für zehn Euro Spesen sich morgens um 7 Uhr aufs Fahrrad setzen und bei Regen auf einen Dorfsportplatz fahren, um sich dann dort beschimpfen zu lassen.

BT: Was gefällt Ihnen denn am Amateurfußball?

Zeigler: Ich finde es faszinierend, dass selbst auf der untersten Ebene Fußball toll sein kann. Selbst der kleinste Kreisligaverein hat seine paar Fans, die bei jedem Spiel dabei sind, seinen Star, seinen Torjäger. Das liebe ich einfach!

BT: Das Kacktor des Monats, Kult-Interviews mit Trainern, Fundstücke aus nahezu vergessenen Zeiten der Fußball-Bundesliga. Haben Sie Angst davor, dass Ihnen irgendwann nichts mehr zum Fußball einfällt?

Zeigler: Der Fußball erfindet sich immer wieder neu. Mittlerweile haben wir ganz andere Themen, zum Beispiel den Videobeweis, als noch 2007. Und es wird auch in fünf Jahren wieder andere Themen geben. Fußball funktioniert so ein bisschen wie die Evolution, wie Ebbe und Flut. Es kommt alles immer wieder und neue Dinge kommen hinzu. Deswegen hoffe ich sehr, dass die Sendung immer eine Daseinsberechtigung haben wird.

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