Von Fußballwundern und Küchengesprächen

Von Fußballwundern und Küchengesprächen

Es ist ein Abschied - und natürlich weckt er Erinnerungen, schöne und weniger schöne, von Siegen und Niederlagen, von wunderbaren Auf- und von traurigen Abstiegen. Am 7. August 1955 wurde das Karlsruher Wildparkstadion eingeweiht, heute bestreitet der Karlsruher SC gegen die Würzburger Kickers (14 Uhr) sein letztes Spiel im altehrwürdigen Oval (zumindest in seinem ursprünglichen Zustand), schon am Montag sollen die Bagger rollen und mit dem Umbau der alten Arena im laufenden Spielbetrieb zu einer neuen, modernen zu beginnen. Dass das letzte Spiel im Wildparkstadion fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem Karlsruher Fußballwunder, dem 7:0 gegen den FC Valencia (2. November 1993), stattfindet, könnte ein gutes Omen sein, zumal der Neubau eng mit der Hoffnung auf wieder bessere Zeiten für den Drittligisten verknüpft ist. Unserem Redakteur Frank Ketterer haben ehemalige KSC-Größen von ihren Zeiten und prägendsten Erlebnissen im Wildpark erzählt.


Winfried Schäfer (spielte zwischen 1975 und 1977 im KSC-Mittelfeld und bescherte dem Verein zwischen 1986 und 1998 als Trainer seine erfolgreichste Ära): "Ich kann mich noch sehr gut an mein erstes Training im Sommer 1986 als damals junger Coach im Wildpark erinnern. Ich habe den Leuten versprochen, dass wir so spielen wollen, dass sie, egal was vorher passiert ist, so nach Hause gehen können, dass sie sich schon aufs nächste Spiel freuen. Das haben wir in über 90 Prozent umgesetzt, zumindest waren wir immer darum bemüht. Als es am Anfang etwas holprig lief, kamen allerdings schon bald die Bedenkenträger, von denen es in Karlsruhe schon immer ziemlich viele gab, die unkten, der Trainer, also ich, sei viel zu jung und müsse weg. Manager Calli Rühl, der mich verpflichtet hatte, hat sich davon aber nicht beeindrucken lassen, sondern mir den Rücken gestärkt. Wir haben ihm das mit dem Aufstieg in die Bundesliga gedankt, wohlgemerkt nicht mit einer teuer zusammengekauften Truppe, sondern mit einer Mannschaft, die wir selbst aufgebaut und zusammengeschweißt hatten. Dieser Aufstieg, das war einfach Weltklasse, ähnlich wie unsere Heimsiege gegen die Bayern, obwohl die leider dazu geführt haben, dass Uli Hoeneß auf die Idee kam, uns immer wieder die besten Spieler wegzukaufen. Wir brauchten das Geld, weil wir damals noch keinen Geldgeber wie Pilarsky hatten, sondern uns das Geld mit unserer Jugendarbeit selbst erarbeiten mussten. Natürlich war auch das Spiel gegen Valencia etwas ganz besonderes, ebenso jenes gegen AS Rom. Wir haben die damals beste italienische Mannschaft taktisch auseinandergenommen. Das Spiel gegen Valencia war ein Fußballwunder, das gegen Rom ein taktisches Meisterwerk. Die Atmosphäre, die in jenen Jahren im Wildpark herrschte, und diese unglaublichen Fans, die zum Teil nachts schon für Karten angestanden sind - das war großartig, einfach wunderbar. Ich möchte diese Zeit um nichts in der Welt missen."

Wilfried Trenkel (der gebürtige Offenburger, der heute seinen 65. Geburtstag feiert, spielte von 1972 bis 1983 für den KSC): "Ich war 15 oder 16, als ich das erste Mal als Zuschauer ins Wildparkstadion kam, Eugen Ehinger spielte damals noch für den KSC in der Verteidigung. Ich stand im "E 4" und fand die ganze Atmosphäre äußerst beeindruckend, richtig imposant. Meinen Traum, selbst Profifußballer zu werden und möglichst einmal in der Bundesliga zu spielen, hat diese Atmosphäre jedenfalls noch weiter beflügelt. Drei Jahre später, 1972, bin ich dann tatsächlich zum KSC gewechselt. Mein erstes Spiel im Wildpark war gegen Darmstadt. Davor habe ich mir noch das Spiel der Amateure auf einem der Nebenplätze angesehen, wo mich dann prompt ein Fan erkannt und angesprochen hat. Ich sei doch der Neue aus Offenburg, dieser Trenkel, sagte er. Er habe schon viel Gutes von mir gehört und sei schon ganz gespannt, ob ich wirklich so gut sei. Das folgende Pokalspiel gegen Darmstadt haben wir mit 5:0 gewonnen. Wir haben richtig klasse gespielt - und auch meine Leistung war, glaube ich, ganz gut. Im Gedächtnis haften geblieben ist mir aber vor allem das Gespräch davor mit dem Fan, ebenso wie später jene Spiele, in denen der Wildpark voll war, proppenvoll. Über 50000 kamen da zu besonderen Spielen. Manchmal saßen die Menschen sogar noch auf der Tartanbahn. Das war schon eine unglaubliche Atmosphäre."

Edmund Becker (genannt "Ede", spielte von 1977 bis 1986 für den KSC, davon vier Spielzeiten in der Bundesliga. 1991 begann er als Co- und Nachwuchstrainer und trainierte von 2005 bis 2009 die Profis, mit denen er 2007 in die Bundesliga aufstieg. Heute leitet der 62-Jährige das Nachwuchsleistungszentrum des KSC): "Als Spieler kann ich mich noch sehr gut an das Spiel gegen Bayern München erinnern, das wir unter Trainer Max Merkel mit 4:1 gewonnen haben. Schon zehn Minuten vor Schluss verschwand Merkel damals mit den Worten ,Die Sache ist erledigt' in die Kabine. Dabei rieb er sich freudig die Hände. Der Sieg über die Bayern war für Merkel offensichtlich ein ganz besonderer Triumph. Ich hatte es in diesem Spiel in erster Linie mit Karl-Heinz Rummenigge zu tun und war mit dem Vorsatz in die Partie gegangen, ihn möglichst nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen. Auch zu meinen Zeiten als Trainer waren Spiele gegen die Münchner Bayern oder auch Borussia Dortmund die absoluten Highlights. Das sind einfach Momente, die geblieben sind."

Markus Kauczinski (kam 2001 als Nachwuchstrainer zum KSC und trainierte von 2012 bis 2016 die Profis, die er zurück in die 2. und beinahe in die 1. Liga geführt hat): "Mir fallen drei Spiele ein, die sich besonders ins Gedächtnis gebrannt haben. Da ist zum einen das Geisterspiel gegen Osnabrück. In einem leeren Wildparkstadion zu spielen, das war wirklich gespenstisch. Das einzige, was man gehört hat, waren die Spieler auf dem Platz - und die Rufe der Fans, die uns außerhalb des Stadions angefeuert haben. Nicht vergessen werde ich auch mein Abschiedsspiel samt der Ehrenrunde zum Schluss. Das war schon extrem emotional und einfach ein geiler Schlusspunkt unter meine alles in allem 15 Jahre im Wildpark. Was zudem für immer bleiben wird, ist das verlorene zweite Relegationsspiel gegen den Hamburger SV. So ein Spiel, so eine Niederlage, vergisst man sein Leben lang nicht."

Maik Franz (der ehemalige U-21-Nationalspieler erarbeitete sich beim KSC zwischen 2006 und 2009 als "Iron Maik" Kultstatus): "Ich kann mich noch gut an mein erstes Spiel im Wildpark erinnern. Wir kamen aus der Kabine - und es lief das Lied von Sabine Wittwer. "KSC, olé, olé" - das war Gänsehaut pur. Was Spiele anbelangt: Da gab es einige, an die ich mich nur all zu gut erinnern kann, egal ob es das gewonnene Derby gegen den VfB Stuttgart ist oder die Siege gegen Dortmund und Kaiserslautern. Etwas Besonderes war auch die Partie gegen Schalke, während der die Fans ein riesengroßes Banner hochhielten, auf dem "Iron Maik" geschrieben war. Das hängt heute noch in meinem Büro und erinnert mich quasi täglich an meine wunderbare Zeit im Wildpark."

Rolf Dohmen (spielte von 1978 bis 1982 für den KSC. Als Manager führte er ihn 2007 zusammen mit Trainer Ede Becker zurück in die Bundesliga): "Was meine Zeit als Spieler anbelangt, kann ich mich noch besonders gut an die Flutlicht-Einweihung gegen Bayern München erinnern, 1978 muss das gewesen sein. Ich habe damals gegen Gerd Müller gespielt und hatte ihn tatsächlich weitgehend im Griff. Dann, kurz vor Schlusspfiff, gab es Elfmeter für die Bayern - und Müller hat doch noch sein Tor gemacht. Für mich unvergessen sind zudem die beiden Aufstiege, einer als Spieler, einer als Sportdirektor. 1980 haben wir im Aufstiegshinspiel Rot-Weiß Essen mit ihrem Star "Ente Lippens" mit 5:1 geschlagen und damit den Grundstein für den Aufstieg gelegt. 2007 haben wir insgesamt eine überragende Runde hingelegt und standen bereits vier Spieltage vor Saisonende als Aufsteiger fest. Auch eine Geschichte abseits der Spiele fällt mir spontan ein: Ich war damals noch neu beim KSC und hatte, als ich morgens ins Training fuhr, einen leeren Kasten Bier in meinem 450er-SL-Cabrio stehen. Rolf Schafstall, unser Trainer damals, sah das, und als am nächsten Wochenende meine Eltern zu Besuch im Wildpark waren, nahm er meinen Vater zur Seite und sagte: "Herr Dohmen, Ihr Sohn fährt mit einem leeren Kasten Bier im Auto spazieren. Das geht nicht. Das ist kein Vorbild." Mein Vater hat nur geantwortet. "Herr Schafstall, das sagen Sie ihm am besten selbst. Er ist alt genug."

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