Rebellischer Kraftprotz

Rebellischer Kraftprotz

Von Ulrike John und Ralf Jarkowski

Der silbergraue Mercedes 280E wird etwas langsamer, dann biegt der betagte Benz sanft schunkelnd nach rechts ab, der Mann am Steuer hat die Wahl: Alle 17 Parkstreifen sind noch frei. Er bremst, steigt aus, die Tür klappt, er geht ein paar Schritte, schaut sich um. Alles gut. Ein sonniger Samstag, mittags 11.24 Uhr, Fritz-Lesch-Straße. Die Szene am Sportforum im Osten Berlins mutet an, als stünde die Mauer noch - und ein konspiratives Treffen kurz bevor. Doch diese Zeiten aus grauer Vergangenheit sind längst vorbei, und Wolfgang Schmidt ist heute ganz entspannt und gut gelaunt.

Über 25 Jahre ist er wie vom Erdboden verschluckt. Nun ist er wieder da. Die Gegend kennt er gut. "Das war mal mein Zuhause, meine Heimat, mein Wohnzimmer", sagt der Mann mit dem Allerweltsnamen, früher mal einer der besten Diskuswerfer der Welt. Noch heute - 41 Jahre nach seinem Weltrekord - führt ihn der internationale Verband IAAF in der ewigen Bestenliste als Nummer 14. Robert Harting ist die 20, sein Olympiasieger-Bruder Christoph wird an Position 55 geführt.

Ein Mann wie ein Baum, Made in East Germany, sogar die Amerikaner bewundern den Ostberliner, diesen Smith. Fast zwei Meter groß und 115 Kilo schwer - schon Jahre vor seiner legalen Ausreise im November 1987 wird der aufmüpfige Riese vom SC Dynamo Berlin in der DDR zum Politikum, zum Ärgernis für die Mächtigen im Arbeiter- und-Bauern- Staat. Ein Fall für Stasi-Chef Erich Mielke. DTSB-Boss Manfred Ewald, selbstherrlicher Sport-Papst im Osten, tobt. Schmidt wird wegen fehlender politischer "Linientreue" aus dem Spitzensport verbannt.

Und da steht er nun. Die 65 sieht man ihm nun wirklich nicht an. Sein Händedruck ist immer noch kraftvoll. Rentner Schmidt will weiter, er hebt den muskulösen Arm und zeigt Richtung Sportanlagen. "Also, hier war früher..."

August 1982: Schmidt kommt wegen versuchter Republikflucht, verbotener Westkontakte und Abweichlertum für 15 Monate ins Gefängnis. Danach folgen vier Jahre quälender Ungewissheit. Er stellt einen Ausreiseantrag, zieht ihn zurück. Man lässt ihn zappeln.

Schmidt ist ein Riesentalent, groß, kräftig, schnell. In der DDR ist die Karriere für so ein Juwel vorgezeichnet. Und es läuft ja: 1976 - Olympia-Silber in Montreal. 1977: Weltcup-Sieger. 1978: Weltrekord in Ostberlin und Europameister in Prag. Der Weltrekord mit der Zwei-Kilo-Scheibe - 71,16 Meter am 9. August 1978 im Sportforum - gehört ihm immerhin 1 754 Tage. Bis der UdSSR-Athlet Juri Dumtschew am 29. Mai 1983 genau 70 Zentimeter weiter wirft.

Der schwerste Leichtathlet unter den Staatsamateuren avanciert zu einem Vorzeigesportler der Deutschen Demokratischen Republik. Schmidt wird hofiert, schon mit 24 ist er ein Star. Er genießt Privilegien. Vier Jahrzehnte später schlendert er wie ein Stadtführer durchs Sportforum in Hohenschönhausen, vor der Wende das Trainingszentrum der Sportler von Dynamo.

November 1987: Der 33 Jahre alte ehemalige Diskus-Weltrekordler darf legal aus der DDR ausreisen. "Der 2. November 1987 war der glücklichste Tag in meinem Leben - der Tag, an dem ich ausgereist bin und frei war", erzählt Schmidt. "Thrown Free" (Freigeworfen) - so heißt das 1991 erschienene Buch, in dem zwei US-Journalisten sein Leben beschreiben.

15 Monate

im Gefängnis

Schmidt wächst im ehemaligen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg auf, in der Stahlheimer Straße, am Humannplatz. Die riskante Reise zum Klassenfeind im Freundesland beginnt für ihn zunächst im Kopf: Als Top-Favorit wird er bei den olympischen Boykott-Spielen 1980 in Moskau nur Vierter, nicht mal Bronze bringt er mit - eine Majestätsbeleidigung für die DDR-Oberen.

Schmidt hegt andere Pläne, er will kein "Diplomat im Trainingsanzug" mehr sein. Und vor allem will er raus - raus aus der DDR. Dollars und D-Mark sind das Ziel seiner Träume. Kalifornien, der Golden State, lockt den Mann, der sich "an den Preisgeldern und den Freiräumen des Westens orientierte", schreibt Volker Kluge im "Lexikon der DDR-Sportler".

Für die Mächtigen ist der rebellische Kraftprotz ein enfant terrible. Der Sohn von Verbandstrainer Ernst Schmidt plant seine Flucht in den Westen, mit einem Hubschrauber. Verrückt, aber typisch Schmidt. Die Stasi setzt einen Spitzel auf ihn an, einen Geschäftsmann aus dem Westen. Schmidt merkt nichts. Der Anfang vom Ende einer Bilderbuch-Karriere: Statt "rüber zu machen" wird er eingelocht.

"Ich habe 15 Monate im Gefängnis gesessen. Die ganze Sportkarriere wurde mir damit kaputt gemacht. Als ich einen Rechtsanwalt zwecks Ausreiseantrag sprechen wollte, da hat der Typ von der Stasi mich ausgelacht und sagte wörtlich: Dann wird es dir eines Tages auch so gehen wie Lutz Eigendorf", sagt Schmidt.

Die Drohung mit dem Schicksal des Ostberliner Fußballers schockt selbst den coolen Diskusriesen. Denn natürlich weiß auch Schmidt, dass der Nationalspieler vom Mielke-Club BFC Dynamo im März 1979 abgehauen ist - und vier Jahre später, am 7. März 1983 in seinem Auto tödlich verunglückt. Der lange Arm der Stasi? Ein Unfall? Verblitzt? Bewiesen ist nichts.

Nach einem Kurzaufenthalt bei Verwandten in Hamburg zieht Schmidt 1988 nach Stuttgart, schließt sich den Kickers an - und verliert das erste Duell mit Rolf Danneberg bei der DM. Aber 1990, "da habe ich ihn geknackt. Die war'n doch so sauer: Da kommt einer aus dem Osten an, geknechtet und geknastet - und ist besser als sie." Im Jahr des Mauerfalls steigert er den deutschen Rekord auf 70,92 Meter. "Im Westen war ich dann ein freier Mann, das war ein schönes Gefühl", erzählt der Rolling-Stones-Fan.

Juni 1988: Der einzige deutsch-deutsche Länderkampf der Leichtathleten in Düsseldorf wird zu einer Belastung des gesamten innerdeutschen Sportverkehrs. Im Mittelpunkt des sportpolitischen Hickhacks: Wolfgang Schmidt. "Glaswand statt Glasnost" schreibt dpa über die Veranstaltung. Jürgen Schult - 1988 gewinnt er die letzte olympische Goldmedaille für die DDR - verweigert seinem Rivalen Schmidt den Handschlag. Die gesamte Mannschaft ist angewiesen worden, ihren früheren Mitstreiter zu ignorieren.

DVfL beschließt

sofortige Freigabe

Den 9. November 1989 erlebt Schmidt in Stuttgart. Mit einem ehemaligen Stabhochspringer, auch aus der DDR geflüchtet, trifft er sich abends in einem Restaurant am Schlossplatz. "Du, die Mauer ist offen!", hört er plötzlich. "Watt? Die Mauer offen? Ich konnt's gar nicht glauben. Nein, geheult habe ich nicht... Aber ich dachte: Na, ditt is ja ein Ding!"

Zu Weihnachten fährt er mit seiner schwedischen Freundin Pia nach Hause nach Berlin, sie besuchen seine Eltern.

Februar 1990: Der Deutsche Verband für Leichtathletik der DDR (DVfL) beschließt die sofortige Freigabe von Wolfgang Schmidt zu internationalen Wettkämpfen. Er gewinnt Bronze bei der EM in Split, auf dem Siegerpodest flüstert er dem neuen Europameister Jürgen Schult zu: "Es kotzt mich an, die DDR-Hymne noch einmal hören zu müssen." Der neue Europameister frotzelt zurück: "So ist das Leben."

Spürt er Hass auf die DDR, sein Heimatland? "Nein, gar nicht", schwört Schmidt. "Eher weiß ich, was ich der DDR zu verdanken habe."

Juli 1991: Der Diskusring ist für Schmidt und Schult längst zu klein geworden, um ihre Fehde auszutragen. "Das Händeschütteln hat Jürgen inzwischen gelernt, ansonsten gibt es kein Verhältnis", sagt Schmidt bei den deutschen Meisterschaften in Hannover. Und behauptet: "Ich habe die Erfolge abgeräumt, von denen Schult überzeugt ist, dass sie ihm zustanden."

Bei einem Meeting in Sindelfingen geben sich die beiden Alphatiere dann doch noch die Hand. Als "Kommunistenschwein" soll Schmidt seinen Erzfeind mal betitelt haben. Schmidt wird richtig wütend, als er das serviert bekommt: "Habe ich nie gesagt! Das stimmt doch gar nicht! Das ist eine Aussage von dem... Alles Lügen. So wird man zersetzt! Das ist Diffamierung - übelste Sorte. Mit dem alten Scheiß will ich doch gar nichts mehr zu tun haben!"

Juli 1992: Schmidt verpasst die Olympia-Quali, auch ein Brief des Leichtathleten an den IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch hilft nicht weiter. Ein Jahr später beendet er seine Karriere.

In seinem zweiten Leben reist Schmidt oft nach Kalifornien. Als Sportler, dann als Privatmann, er jobbt an der US-Westküste sogar als Börsenmakler. Fragt man ehemalige Weggefährten heute nach Wolfgang Schmidt, schütteln sie ratlos den Kopf: Der muss doch noch irgendwo in Amerika sein! Nee, nee: Der läuft gerade mitten durch Berlin.

Zu seinen Freunden hält er aber immer Kontakt, auch zu Alwin Wagner. Der Hesse und der Ossi lernen sich im Herbst 1973 kennen, bei einem Wettkampf im bulgarischen Warna. "Plötzlich standen wir als Fahnenträger nebeneinander. Abends haben wir uns dann gleich noch getroffen und zwei Flaschen Krimsekt geleert", sagt Wagner. Der frühere Diskuswerfer hält heute Vorträge an Schulen zum Thema Doping.

Die besten

Jahre geklaut

Auch der Polizeikommissar a.D. aus Melsungen hatte - privat - mit dem Fall Schmidt zu tun. "Ich war wesentlich daran beteiligt, dass er 1987 ausreisen durfte", berichtet Wagner. "Ich habe an den Rechtsanwalt Vogel geschrieben. Und die erste Zeit hat Wolfgang bei mir gewohnt", erinnert sich der 69-Jährige. "Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass Wolfgang immer noch so verbittert ist wie früher. Man hat ihm ja schließlich die besten Jahre geklaut."

Schmidts Vater Erich stirbt 2000, mit 80 Jahren, seine Mutter besucht er oft im Brandenburgischen. Als sein Sohn verhaftet wird, fällt Schmidt senior in Ungnade. "Erst wurde er degradiert - vom Verbandstrainer zum Gerätewart. Und als ich ausgereist bin, da hat man ihm vom DTSB gesagt: So, das geht jetzt nicht mehr. Und dann hat er auch diesen Job verloren", erzählt Schmidt junior.

Und wie war das eigentlich mit Doping, damals in der DDR? Schmidt taucht in dem berühmten Enthüllungsbuch ("Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug") nicht auf. "Ich gehöre glücklicherweise nicht zum Kreis der Dopingopfer", sagt er selbst. "Mein Vater hielt seine schützende Hand über mich und wusste sehr gut, welche Medikamente auf der Dopingliste stehen."

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