Venedig - bröckelndes Unesco-Welterbe

Venedig - bröckelndes Unesco-Welterbe

Von Katrin Herr

Baden-Baden - "Venezia affonda nella laguna", auf Deutsch: Venedig versinkt in der Lagune, so lauteten oft die Schlagzeilen in den Herbst- und Wintermonaten, wenn die Stadt wieder von Sturmfluten und Hochwasser heimgesucht wurde. Heute läuft diese norditalienische Stadt an der Adria Gefahr, ihren Titel als Unesco-Welterbe zu verlieren - aber weshalb?

Venedig, eine Stadt, die über 1 500 Jahre alt ist, ist eine Stadt in Not, denn sie hat immense Stabilitätsprobleme. Der instabile Untergrund der Lagune droht, ihr zum Verhängnis zu werden. Venedig verfügt über 900 Paläste, die sogenannten Palazzi, rund 150 Kirchen und rund 1400 Häuser. Alle diese Gebäude stehen auf Holzbohlen und gemauerten Grundfundamenten, die größtenteils auf in den Boden eingerammten Eichenstämmen stehen.

Bis vor wenigen Jahren war es ein kurioses Schauspiel, wenn infolge der winterlichen Sturmfluten das Wasser in die Lagune gedrückt wurde, die Kanäle der Stadt übertraten und die Altstadt unter Wasser setzten. Den bisherigen Rekordpegel gab es 1966, damals stieg der Wasserstand auf knapp zwei Meter und ganz Venedig stand unter Wasser.

Neben den jährlichen Sturmfluten trug auch der kontinuierliche Anstieg des Meeresspiegels zu einer Verschlechterung der Situation bei. Der Anstieg des Meeresspiegels betrug in den vergangenen 100 Jahren circa 20 Zentimeter und hält weiter an. Um zu verhindern, dass Venedigs Bauten komplett in den Fluten verschwinden und unbewohnbar werden, wurde ein milliardenteures Barrierensystem errichtet, das die Stadt künftig vor Hochwasser schützen soll. Die Bauarbeiten zu diesem Projekt wurden 2004 eingeleitet und endeten vor rund vier Jahren.

Schleusentore als Schutz vor starker Flut

Über 1500 Arbeiter waren beteiligt. Insgesamt 80 Schleusentore, die im Meeresgrund verankert wurden, richten sich bei starker Flut auf, um so die historische Stadt gegen die Fluten zu schützen. Aktuell ist die Stadt zwar gegen das jährlich auftretende Hochwasser geschützt, doch es droht Unheil von anderer Seite. Die Schönheit dieser Stadt beschert Venedig einen Massenansturm von 30 Millionen Touristen jährlich, die alle die historischen Bauten und Kanäle der Altstadt besichtigen wollen.

Sowohl der Tourismus, der Umbau von Wohnhäusern zu Hotels und der Wunsch nach angesagten Zweitwohnungen in dieser Stadt lassen die Gebäudepreise steigen. Dies sind Gründe dafür, dass die ursprünglichen Bewohner zunehmend weniger bezahlbaren Wohnraum vorfinden. In den vergangenen zehn Jahren verließen über 10000 Venezianer den historischen Stadtkern.

Gewiss lebt Venedig vornehmlich vom Tourismus, doch dieser nimmt in der Hauptreisezeit mittlerweile bedrohliche Ausmaße an. Bis zu 1500 Kreuzfahrtschiffe laufen jährlich Venedig an und sind mit ihren Abgasen der Grund dafür, dass die Stadt mittlerweile als eine der schmutzigsten Europas gilt. Die Stahlkolosse verdrängen zudem enorme Wassermassen und verursachen hierdurch zusätzliche Brandungswellen. Neben der natürlichen Wellenbewegung führen diese zusätzlichen Bewegungen der Wassermassen zu einer Unterspülung der Fundamente und einem Ausspülen des Mörtels, der Venedig letztlich zusammenhält.

Durch Erosion entstehen willkürlich auftretende Löcher im Bodenbelag, in Gassen und Plätzen. Venedig wird nach und nach unterspült und ausgehöhlt. Neben den Kreuzfahrtriesen durchkreuzen auch bis zu 300 Meter lange und 150000 Tonnen schwere Frachtschiffe die Fahrrinnen der Lagune. Das Vertiefen der Fahrrinnen verstärkte das Absinken der Stadt zusätzlich. Die Unesco fordert nun Notmaßnahmen von der Stadt, den Schiffsverkehr zu regulieren und den Touristenstrom einzudämmen, um die Stadt zu erhalten.

Bürgerinitiativen und Umweltschützer fordern schon lange, die Ozeanriesen aus der Lagune zu verbannen und zu verpflichten, nurmehr am Festland vor Anker zu gehen. Doch trotz zunehmenden Widerstands lehnen Politik und Wirtschaft dies nach wie vor ab und versuchen noch mehr Gewinn aus dem Publikumsmagnet Venedig zu ziehen - ein Irrweg?

Die Autorin besucht die Klasse 9a des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums.

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